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Amazonas-Brände : Warum sind wir so passiv?

  • -Aktualisiert am

Verbrannter und erblindeter Tamanduá in Abwehrstellung. Für den Fotografen Araquém Alcântara ist das 2005 erstmals veröffentlichte Foto zum Sinnbild für die Amazonas-Brände geworden. Bild: Araquém Alcântara

Der Regenwald brennt. Das Foto des erblindeten Ameisenbären in Abwehrstellung ging um die Welt und ist zum Sinnbild geworden. Ein verzweifelter Aufruf von Brasiliens bekanntestem Naturfotografen.

          Ich war dort und habe es gesehen. Und ich habe fotografiert. Ich bin Augenzeuge dieses Verbrechens gegen die Menschlichkeit. Die Bilder prägen sich ein. Genau jetzt brennt vor meinen Augen der Amazonas. Flammen ragen aus der Nebelwand und färben den Horizont rot. Feuer und Rauch verbergen die Sonne, die Augen brennen vor Schmerz, die Hitze ist unerträglich. Ich fahre mehr als zweitausend Kilometer auf der Straße von Belém nach Brasília und sehe keinen Wald, nur eine graue Rauchwand, rieche den Geruch von verbrannter Erde, von toten Tieren. Das grauenhafte Schauspiel wiederholt sich jedes Jahr. Doch es bleibt unfassbar.

          Der Amazonasregenwald ist meine kreative Matrix. Er gab mir mehr als 50 Reisen und Expeditionen. Nicht mit dem Flugzeug, sondern zu Fuß, mit dem Boot und dem Auto. Ich habe dort gearbeitet, wo noch niemand war, habe Bücher über den Wald und seine Menschen geschrieben, in 49 Jahren Journalismus und Fotografie unzählige Berichte veröffentlicht und die größten Auszeichnungen Brasiliens gewonnen. Jetzt bin ich voller Wut. Am 19. August, dem Weltfotografietag, habe ich das Foto des Ameisenbären nochmals veröffentlicht. Er war verbrannt, blind, erschöpft. Doch als er mich spürte, richtete er sich auf, um sich zu verteidigen. Das Bild kursiert heute in den sozialen Netzwerken. Es ist zum Symbol geworden: Der Ameisenbär, den es nur hier gibt, steht für den Amazonas, der sich mit letzter Kraft zu verteidigen versucht.

          Warum halten wir die Zerstörung nicht auf?

          Doch der größte Wald der Welt ist an seine Grenzen gestoßen. Bereits jetzt lässt sich erahnen, dass er verkümmern, kein Wasser mehr produzieren wird. Das hat nicht nur schwerwiegende Folgen für das Weltklima. Brasilien erlaubt die Verwüstung des größten wissenschaftlichen Labors unserer Zivilisation, ohne es richtig zu studieren. Ein Fünftel aller 1,5 Millionen Pflanzen- und Tierarten der Welt lebt im Amazonasregenwald. Wir wissen nicht, was uns dieser Wald noch alles zu offenbaren hat. Es ist die artenreichste Region der Erde, doch sie wird ausgebeutet, ohne dass dabei soziale und wirtschaftliche Vorteile erzielt werden.

          Es gibt keinen Respekt gegenüber dem Amazonasregenwald. Denn die Politiker, die über ihn bestimmen wollen, kennen den Wald nicht. Sie sind in ihrer Unwissenheit eingesperrt. Auch große Teile der Gesellschaft. Es scheint, als wäre der Amazonas ein Problem für andere, als brauchten die 25 Millionen Menschen, die dort leben, keine Ärzte, Zahnärzte, Lebensmittel und Würde. Niemand weiß, wer die wirklichen Grundbesitzer im Amazonas sind. Die brasilianischen Gesetze sind verwirrend und ermöglichen den Landräubern ungestraft davonzukommen. Korruption ist ihre Waffe.

          Warum halten wir die Zerstörung nicht auf? Warum sind wir so passiv? Warum gestatten wir den Regierungen seit Jahrzehnten, die Gier der Grundbesitzer und der großen Holzfäller, die illegale Holzkohle und den illegalen Bergbau, die das Land ausbluten, zu ignorieren?

          Was im Amazonasgebiet geschieht, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Sklavenarbeit, Korruption, Gewaltanwendung, Invasion und illegale Besetzung öffentlicher Gebiete. Zerstörung, die nicht nur den Wald oder die von ihm abhängigen traditionellen Gemeinschaften bedroht, sondern die Zukunft des ganzen Landes. Warum werden Tausende von Quadratkilometern des Lebens, Jahrhunderte wunderbarer Baukunst, in einer Geste auseinandergerissen? Warum kommt jede Regierung damit davon?

          Es braucht viele Revolutionen, doch vor allem eine: Wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir Amazonien betrachten. Wir müssen uns fragen, was wir wirklich für Amazonien wollen, worin der Reichtum wirklich liegt, den er birgt. Denn er ist nicht unendlich.

          Aus dem Portugiesischen von Tjerk Brühwiller

          Araquém Alcântara gilt als der bedeutendste Naturfotograf Brasiliens.

          Anmerkung der Redaktion: Araquém Alcântara hat das Foto des verbrannten Ameisenbärs erstmals 2005 in seinem preisgekrönten Buch „Amazônia“ veröffentlicht. Für Alcântara ist das Foto zum Sinnbild für die Brände im Amazonas-Gebiet geworden. Alcântara hat das Foto im August 2019 nochmals über sein Instagram-Account verbreitet. (ilo.)

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