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Chaos Communication Congress : Vom Ich zum Wir

Kreise ziehen: Ein Besuch beim 36. Chaos Communication Congress in Leipzig. Bild: Getty

Früher ging es um die „Umwelt“, heute geht es um den „Klimawandel“. Und das Thema „Flüchtlinge“? Auf dem Chaos Communication Congress in Leipzig werden politische Debatten dechiffriert. Das ist sehr aufschlussreich.

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          Ein bisschen beruhigend ist es schon, dass sich das Parlament mit den Dingen beschäftigt, mit denen sich auch die Menschen beschäftigen. Früher zum Beispiel wurde um die „Umwelt“ geredet, also das deutsche Wasser und den deutschen Wald und die deutsche Flussrenaturierung im heimischen Tal, heute wird viel breiter diskutiert, da geht es ums Weltklima. Das, sagt Kai Biermann, ist eine deutliche Verbesserung.

          Der Sprachwissenschaftler Martin Haase, der an der Universität Bamberg lehrt, und der Journalist Kai Biermann, bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ zuständig für Daten und Investigatives, haben sich die Bundestagsreden auf ihre Sprachverwendung hin angeschaut. Das Ergebnis einer ersten Stichprobe trugen sie auf dem Chaos Communication Congress unter dem Titel „Vom Ich zum Wir“ vor. Klassische Datenauswertung also: „Zeit Online“ hat ein Tool entwickelt, mit dem man die Parlamentsdebatten von 1949 bis heute nach Stichworten durchsuchen kann. Der Bundestag bietet auf seiner Homepage eine Schnittstelle für die Rohdaten an, das „Open Data Tool“, und auf einer Seite der „Zeit“ kann nach den Begriffen gesucht werden, die daraufhin in Kurven visualisiert werden.

          4217 Parlamentsprotokolle liegen vor, zwei Millionen Wörter insgesamt. Das Wort „Internet“ zum Beispiel wurde 1994 zum ersten Mal von Hertha Däubler-Gmelin – damals noch Rechtsexpertin der SPD – ausgesprochen, nahm dann schwankend Fahrt auf und erreichte 2015 seinen Höhepunkt mit der Debatte um den BGH, der einen Internetzugang als Grundrecht für jeden Bürger definierte. Eine frühe Spitze ist auch im Jahr 2000 zu verzeichnen, damals ging es um Internetbanking und -shopping, im Jahr 2004 sorgten Online-Durchsuchungen und Vorratsdatenspeicherung – Stichwort „Zensursula“ – für eine weitere Spitze. Außerdem ändern sich Begriffe im Laufe der Zeit. Gut ist das nachzuvollziehen an der Sowjetunion, die zunächst von den „GUS-Staaten“ abgelöst wurde, dann vom Begriff „Rußland“ und schließlich vom rechtschreibreformierten „Russland“ mit Doppel-s.

          Was zu sehen ist sind, sind Kurvenähnlichkeiten – nicht zu verwechseln mit Korrelationen, denn Überlagerungen und Synchronizitäten können auch zufällig sein. Früher wurde außerdem deutlich knapper protokolliert, und im Jahr 2000 wurde offiziell auf neue Rechtschreibung umgestellt.

          Der Begriff „Lügenpresse“

          Gut nachzuvollziehen sind die Karrieren bestimmter Begriffe. „Rechtsextremismus“, „Rechtsextreme“ zum Beispiel nehmen seit etwa 1970 stetig zu. Über Flüchtlinge im Sinne einer „Flüchtlingswelle“ oder eines „Flüchtlingsstroms“ wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bereits debattiert, damals ging es um Menschen aus den Ostgebieten. Ein weiterer Peak entstand Ende der Siebziger durch die vietnamesischen Boat People, und 2013 geht der Begriff schließlich durch die jüngsten Ereignisse durch die Decke. Auch andere Begriffe, die durch die AfD in die Diskussion eingebracht wurden, sind nicht neu. Die „Lügenpresse“ etwa, damals wurde Erdogan mit diesem Begriff zitiert, der ihn für die Zeitungen seines Landes gebrauchte. Auch die „Altparteien“ sind keine Erfindung der modernen Rechtspopulisten, der Begriff tauchte bereits in den Achtziger Jahren auf, als die Grünen sich als Neuzugang in der Parteienlandschaft etablierten.

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