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Heilige Corona : Eine Märtyrerin für den Seuchenschutz?

  • -Aktualisiert am

Darstellung der Heiligen Corona auf dem Schrein im Dommuseum in Aachen Bild: dpa

Am Donnerstag ist der Tag der heiligen Corona. Ihre Geschichte geht auf das zweite Jahrhundert zurück – jetzt hat sie in den Medien eine seltsame Karriere gemacht.

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          Der 14. Mai ist der Festtag der heiligen Corona. Diese recht obskure frühchristliche Heilige hat aufgrund einer Namensgleichheit eine merkwürdige virale Karriere in den Medien gemacht. Nicht zuletzt, weil kolportiert wurde, dass Corona unter anderem auch bei Seuchen angerufen werden könne. Das sorgte für Amüsement, bei manchen vielleicht auch für frommen Schauder: Ausgerechnet die heilige Corona ist himmlische Seuchenschutzbeauftragte! Aber stimmt es überhaupt?

          Wie es scheint, hat sich diese Behauptung vor allem durch den Eintrag im „Ökumenischen Heiligenlexikon“ verbreitet, das durch den pensionierten evangelischen Pastor Joachim Schäfer betrieben wird. Im Impressum dieser Website heißt es: „Viele Leser helfen mit ihrer Kenntnis von Details und ihren Tipps und Korrekturen mit, das Ökumenische Heiligenlexikon ständig zu verbessern“ – eine Beteuerung, in der ein gewisses Drohpotential steckt. In einer längeren Aufzählung wird gesagt, Corona sei Patronin „gegen Seuchen und Unwetter“. Nun, diese Bedarfspaarung ist eindeutig von den Bedürfnissen der Agrarwirtschaft diktiert, und damit wird das Problemfeld deutlich: es geht um Viehseuchen – das belegt auch das historische Brauchtum um den österreichischen Wallfahrtsort St.Corona am Wechsel.

          Wunder wirkt allein Gott

          Dass das real existierende Coronavirus in der Tat eine Viehseuche mit Kompetenz zur Überwindung der Artenbarriere ist, kann immerhin als warnender Fingerzeig gegen die Störung der Schöpfungsordnung verstanden werden. Letztlich aber ist die Frage der Zuständigkeit insofern gegenstandslos, als Heilige sowieso keine Amtsbefugnisse als Helfer haben. Sie können Gebetsbitten weiterreichen und Fürsprache halten. Wunder wirkt allein Gott. Wem katholische Gläubige in welchen Lebenslagen ihr Anliegen anvertrauen, ist aber Privatsache.

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          Dass Corona in ihrer historischen Existenz umstritten ist, darf man mittlerweile als Gemeingut voraussetzen. Die „Acta sanctorum“ zum 22. Mai, an deren Haupttext wir uns in der Folge einfach halten, verorten Corona in Syrien, während der Passionsbericht der „Analecta Bollandiana“ sie ins unterägyptische Coma verlegen. Zeitlich sind sich beide Berichte darüber einig, dass die Heilige zu Zeiten von Kaiser Antoninus Pius das Martyrium erlitt. Antoninus, unter dem die Christenverfolgung nur nachlässig betrieben wurde, starb 161. Dass sämtliche Websites Corona gerade 161 geboren worden sein lassen, gibt einmal mehr Anlass zu Sorge um unsere Informationskultur. In beiden Berichten ist nicht Corona die Hauptfigur, sondern der römische Soldat Victor. Von Corona heißt es nur, sie sei die sechzehnjährige Frau eines Soldaten gewesen; daraus wird dann in den Überlieferungen wahlweise, Corona sei als Frau Victors oder aber als Jungfrau in den Tod gegangen.

          Wie Victor weigert sich Corona, den falschen Göttern zu opfern. Als sie vom ägyptischen Statthalter Sebastian dazu aufgefordert wird, erwidert sie: „Ich werde Corona genannt, und du möchtest mich überreden, meine Krone (corona) zu verlieren?“ Das Wortspiel mit der Märtyrerkrone, das Skeptiker dazu bewegt, Corona für eine fromme Fiktion zu halten, ist also schon Teil des Texts. Daraufhin bereiten ihr die Römer ein ausgesuchtes Martyrium: Man bindet sie an zwei niedergebogene Palmen und lässt sie durch deren Auseinanderschnellen in zwei Stücke zerreißen. Die Märtyrerpalme trägt Corona also mit doppeltem Recht.

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