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Demonstrieren mit Berlins Pegida : Woher kommt die Angst?

Wenn Rechte marschieren, ist Deutschland fremd: ein Sommertag in Berlin. Bild: Imago

Über das unvermutete Erlebnis, sich fremd im eigenen Land zu fühlen: Unterwegs mit dem Pegida-Rechercheur Till Reiners auf einer Berliner Demonstration.

          6 Min.

          Das Schwarz-Rot-Gold auf dem Polyester und dieser dunkle Adler auf der weißen Fahne, Deutschland und Preußen, sie schützen, retten, erlösen. An diesem Abend ist alles falsch. An diesem Abend verstecke ich mich vor Linken zwischen Rechten, hinter den Fahnen der Rechten. Es ist ein Montagabend. Und es marschiert Bärgida, Berlins Pegida, begleitet von der Polizei, begleitet von der Antifa, begleitet von den Blicken der schwarzgekleideten und lauten Linken und von ihren Schreien. Sie schreien: „Nazis raus!“ Die Nazis sind der Autor, Politikwissenschaftler, Kabarettist, Angst-Auskenner Till Reiners und auch ich. Denn wir laufen mit denen, die „Merkel raus“ rufen und anderes - fremdenfeindliches und böses anderes.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          „In Dresden ist es nicht so aggressiv und radikal, eher ein Spaziergang“, sagt Till Reiners leise. Er sagt nicht viel. Und auch ich sage wenig. Denn jedes kritischere Wort macht es wahrscheinlicher, dass diese Demonstranten begreifen, wer wir sind, wer wir nicht sind. Keine „Berliner Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“ so wie sie. Es ist ein stummer Abend, die Augen führen das Gespräch. Und selbst die Augen starren zu oft und zu fest auf den Boden, aus Angst. Zumindest meine Augen. Im Blick von Reiners spiegelt sich Erfahrung. Pegida und Legida und Bärgida kennt er, und auch die AfD hat er besucht, für sein Sachbuch „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Ein Buch in Reportagen über die Angst der Menschen vor den Fremden und über Reiners selbst, der die Angst sucht, sie fühlen will und sie verstehen.

          Lachen geht nicht, denn auffallen geht nicht

          Till Reiners hat blaue Augen und ist groß, ist blond. Er sieht sehr deutsch aus, am Anfang sagt er das wie eine Mutter, die ermutigt. Und dieser Anfang beginnt ohne Angst, beginnt vor dem Berliner Bahnhof - nur vierzig Menschen stehen da, die meisten maskieren sich als Rentner. Nette Begrüßung, dann Reden und Musik. Flüchtlinge sind kriminell, sagt einer ins Mikrofon, man muss AfD wählen. Es ist dieser Pegida-Remix, den man kennt. Doch neu ist: Flüchtlinge gehen auf Unis. Das sagt ein Poster, da steht, dass Deutsche bei minus zehn Grad zur Arbeit gehen, damit in Deutschland die Flüchtlinge studieren. Ist es zum Lachen? Lachen geht nicht, denn auffallen geht nicht. Till Reiners klatscht. Ich klatsche mit.

          „Das erste Mal, als ich klatsche, ekele ich mich vor mir selbst“, schreibt Reiners in seinem Buch und schreibt dann, dass die Pediga-Event-Stimmung ihn irgendwann doch dazu bringt, auch ohne Scham und Übelkeit zu klatschen und zu brüllen. Was fühlt er jetzt? Reiners antwortet nicht, denn ein Mann mit zwei großen Preußen-Fahnen baut sich nun auf. Und dann lächelt der Mann wie eine Zahnarzthelferin vor der Wurzelbehandlung, die sagt, dass es nicht schlimm wird. Doch dieser Lächelnde sagt selbstverständlich etwas anderes.

          „Na, neue Leute?“, sagt er.

          „Ja.“

          „Dann schaut euch das mal an. Ist eine ganz friedliche Sache“, sagt der Mann immer noch zahnarzthelferinmäßig.

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