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Ein Europa der Vielen : Anders denken

  • -Aktualisiert am

Gegen rechten Populismus in der Kultur: Anhänger der „Erklärung der Vielen“ demonstrieren in Berlin. Bild: dpa

Für ein anderes Europa und die Freiheit der Kunst demonstrierten Künstler und Kulturschaffende in Berlin. Ihre „Erklärung der Vielen“ soll Rechtspopulismus bekämpfen, verhindert aber eine kritische Debatte.

          Es sollte eine „glänzende Demo“ werden am Tag der Demonstrationen für Europa. Künstler und Kulturinstitutionen organisierten in Berlin einen eigenen Protestzug „für die Kunstfreiheit“, vorangetrieben durch die bundesweite „Erklärung der Vielen“, die sich gegen „rechten Populismus“ und eine „Renationalisierung der Kultur“ richtet. Allein in Berlin haben mehr als vierhundert namhafte Kultureinrichtungen die Erklärung unterzeichnet. Dass sie nicht nur ein Plädoyer für eine offene Gesellschaft mit offenen Grenzen, sondern auch ein wunderbares Mittel zur Selbstbestätigung ist, auf der politisch korrekten Seite der Guten zu stehen, veranschaulichten einmal mehr die gestrigen Kundgebungen.

          Ein Hoch auf die Liebe, ein Hoch auf die Freiheit der Kunst, geschmückt mit silber-goldener Alufolie, auf dass die Kultur der Vielen gegen Rechts glänze wie nie zuvor. Von der „Vision eines anderen Europa“ sprach Ingo Schulze, vor einem „Terror gegen die Kunst“ warnte Cesy Leonard vom Zentrum für Politische Schönheit. „Einstimmig vielstimmig“ war das Motto, das alle vereinte – bis auf diejenigen, die nicht zu den Vielen gehören. „Gesinnungskorridor“ nannte Uwe Tellkamp das schon vor Monaten und erntete einen Sturm der Entrüstung. An falscher Stelle publiziert (in Götz Kubitscheks „Sezession“), die falschen Begriffe verwendet, den Konsens mit den falschen Mitteln gestört – schon erfolgt der Griff zum Stempel: abgelehnt! Abgelehnt ist damit aber auch jegliche Auseinandersetzung mit bedenkenswerten Argumenten, die Tellkamps Äußerungen bei allem, was es darin zu kritisieren gibt, ebenso enthalten.

          Gesinnungsdiktat statt Meinungsvielfalt

          Wie etwa ist es um die hochgepriesene Toleranz und Vielfalt bestellt, wenn nur Meinungen ein Forum gegeben wird, die den eigenen exklusiven Konsens bestärken, wenn die Akzeptanz von „Andersdenkenden“ nur insoweit gilt, als sie im Sinne der „Vielen“ anders denken, Abweichungen von ihrer Denkungsart dagegen verboten sind? „Solidarität statt Privilegien“ lautete einer der Schlachtrufe, skandiert von wohlstandsbehüteten Kulturschaffenden, die sich nicht zu den Abgehängten der Gesellschaft zählen dürften. Um wessen Privilegien also geht es?

          Es grenzt an blanken Hohn, mit der Stimme der Unterdrückten zu sprechen, die in der eigenen Lebensrealität gar keinen Platz haben. Natürlich wünscht man sich in Zeiten, in denen die Europäische Union durch nationalistische Bewegungen unter Beschuss gerät, ein starkes Europa. Doch ein Bekenntnis für Europa reicht unter diesem Gesinnungsdiktat ja gar nicht mehr aus. Als mutige, unbestreitbar gute Haltung wird verkauft, was sich eigentlich von selbst versteht. Ein „Europa der Vielen“ müsse her – ja, was denn sonst? Aus wenigen setzt sich Europa nicht zusammen, aus lauter Gleichen auch nicht, so etwas behaupten nicht einmal die ärgsten Europakritiker. „Happenings“ wolle man ausrichten, „die sich gegen Hass wenden“. Und damit möchten die Kulturaktivisten glänzen? Wer ist denn für Hass? Dass europa- und ausländerfeindlichen Kräften so die Stirn geboten wird, ist zweifelhaft. Wer nichts anderes zu tun hat, als sich demonstrativ in seiner eigenen politischen Haltung zu gefallen, stärkt nicht die Mitte der Gesellschaft. Er stärkt die politischen Ränder.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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