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Hongkong-Aktivist Joshua Wong : Wir müssen bereit sein, uns selbst zu opfern

  • -Aktualisiert am

Joshua Wong, geboren 1996, vor seinem jüngsten Gerichtstermin im Januar Bild: Reuters

Hongkong wird schon halb autoritär regiert: Der Demokratie-Aktivist und Mitbegründer der Regenschirmbewegung Joshua Wong über seinen Kampf für die Einzigartigkeit der Stadt.

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          Der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong war bei der Rückgabe an China 1997 weitreichende Autonomie zugesichert worden, doch die Zentralregierung in Peking greift mittlerweile stark in Bildung, Recht und Politik der Stadt ein. Dagegen formierte sich Widerstand. Eine zentrale Figur der Proteste ist Joshua Wong, Mitbegründer der Schülervereinigung „Scholarism“ und der Regenschirm-Bewegung von 2014. Das Gespräch mit dem 21-Jährigen fand im Januar in Hongkong statt, kurz bevor der Oberste Gerichtshof ihn ein weiteres Mal zu einer Haftstrafe verurteilte.

          Sie kämpfen für Autonomie und Demokratie in Hongkong. Die Kommunistische Partei Chinas stuft Sie deshalb als Extremisten ein. Auch wirft man Ihnen vor, einseitig Werte und Interessen des Westens zu vertreten. Was erwidern Sie?

          Ist jemand, der für Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit eintritt, ein Extremist? Wir verlangen freie Wahlen. Wir wollen bestimmen, wer unsere Stadt regiert. Ich habe Hongkong früher eine halbe Demokratie genannt. Mittlerweile ist das Glas nicht mehr halb voll, sondern halb leer. Hongkong ist eine semi-autoritäre Stadt. Die meisten Medien sind im Besitz von Firmen aus der Volksrepublik China. Peking verlangt, dass Richter der Kommunistischen Partei loyal ergeben sind. Die Herrschaft des Rechts weicht dem Recht der Herrscher.

          Sie riskieren viel. Man steckte Sie sogar ins Gefängnis. Was treibt Sie an?

          Als Aktivisten müssen wir beweisen, dass wir bereit sind, uns selbst zu opfern. Wir müssen die Welt wissen lassen, dass Hongkong weit entfernt ist von freien Wahlen – obwohl wir als „hochentwickelt“ gelten. Dieses Jahr soll ein Gesetz erlassen werden, demzufolge die Verunglimpfung der chinesischen Nationalhymne mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden kann. Hier geht es nicht nur um Politik. Es geht auch um Lebensstile – um die Freiheit des Individuums und der Stadt auf der einen, die Kontrolle durch die zentralistische Regierung auf der anderen Seite.

          In Europa wird Politik noch immer in Begriffen von links und rechts diskutiert. Spielen diese für die prodemokratischen Aktivisten Hongkongs eine Rolle?

          Hongkong ist schon ein ironischer Ort. Wer sich hier für geregelte Arbeitszeiten ausspricht, gilt bereits als links. Doch in Europa spricht sich sogar die extreme Rechte für geregelte Arbeitszeiten aus. Wir wollen nicht das kapitalistische System abschaffen. Doch wir müssen darüber diskutieren, wie wir es sozialer gestalten. Für Junge und Alte sind die Mieten in Hongkong oft unbezahlbar. Das können wir nicht den Finanzmärkten überlassen. Gäbe es nur rechts und links, stünden wir natürlich im linken Lager. Aber im pragmatischen.

          Scholarism entstand aus der Kritik am geplanten Schulfach „Moralische und Nationale Erziehung“. Was zeichnet ein gutes Bildungssystem für Sie aus?

          Einmal abgesehen von der Abwehr chinesischer Einmischung und propagandistischer Gehirnwäsche: Das System sollte Schüler und Studenten nicht wie Roboter, die einfach nur Prüfungen zu bestehen haben, behandeln. Wenn man in Hongkong Erfolg haben will, studiert man am besten Finanz- oder Betriebswirtschaft. Wer Physik oder die chinesische Sprache studieren möchte, muss sich später meist mit einer Stelle als Sekundarschullehrer begnügen. Unser Bildungssystem verhindert die Entstehung einer diversifizierten Wirtschaft. Deshalb müssen wir es überdenken. Die Studierenden sollten nach ihren Präferenzen wählen können.

          Joshua Wong (dritter von links) mit anderen Aktivisten der Regenschirmbewegung während der Proteste 2014 in Honkong.
          Joshua Wong (dritter von links) mit anderen Aktivisten der Regenschirmbewegung während der Proteste 2014 in Honkong. : Bild: AP

          Die europäischen Studentenbewegungen der 1960er und 70er Jahre pflegten ein inniges Verhältnis zu Theorie und Philosophie. Speist sich die Hongkonger Studentenbewegung ebenfalls aus avantgardistischen Formen des Denkens?

          Man kann uns schwerlich mit Bewegungen des 20. Jahrhunderts vergleichen. Die europäischen Studentenbewegungen entstanden im Zuge eher akademischer Diskussionen. Wir sind hingegen aus konkreten Alltagserfahrungen hervorgegangen. Was uns antreibt, ist der Niedergang der Demokratie und das Zugehörigkeitsgefühl zu unserer Stadt. Das ist längst nicht so abstrakt. Wir unterziehen zudem nicht das ganze System einer Kritik, sondern fordern nur einen ersten, den wichtigsten Schritt: das Recht, unsere Regierung wählen zu dürfen. Ideologien helfen da nicht weiter. Sie lassen sich nie auf die Realität übertragen.

          Wenn Sie weder eine Theorie noch eine Ideologie vertreten – was ist Ihre Vision für Hongkong?

          Hongkong sollte nicht nur eine Stadt in China sein. Hongkong sollte eine Stadt in der Welt sein. Damit meine ich, dass vor der Übergabe Hongkongs an China kein Zweifel an der Einzigartigkeit unserer Stadt bestand. Hongkong war in dieser Hinsicht wie New York City oder Tokio. Doch seit 1997 fließt das kommunistische Kapital nach Hongkong, und Peking mischt sich in die politischen Angelegenheiten ein. Damit verlieren wir nicht nur unsere Einzigartigkeit.

          Die „Einzigartigkeit“ speist sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass Hongkong eine britische Kolonie und ein finanzwirtschaftliches Experimentierlabor war. Aus historischer Sicht ist es ein Teil Chinas. Kämpfen Sie nicht auf verlorenem Posten?

          Das mag schon sein. Aber Geschichte hin oder her – die Bürger verlieren ihre Würde. Der Kommunistischen Partei zufolge gibt es keine Bürger Hongkongs, nur Bewohner. Wir aber wollen Bürger sein, und wir wollen gesellschaftliche Vielfalt. Hongkong ist eine internationale Stadt – die einzige, die universelle Werte auf chinesischem Territorium hochhält. Wir nehmen unsere Verantwortung für die Demokratie wahr und machen die Welt darauf aufmerksam, was in China vor sich geht. Uns geht es um unsere Würde, nicht um Konfrontation oder Populismus.

          Als Sie 2014 die Regenschirm-Bewegung und die Besetzung zentraler Plätze Hongkongs mitorganisierten, setzten Sie auf eine humorvolle, der Popkultur entlehnte Protestästhetik. Wo verläuft die Grenze zwischen Pop und Populismus?

          Es kommt darauf an, worauf die jeweiligen Aktionen abzielen. Geht es nur um kurzfristige emotionale Erregung? Natürlich sind Emotionen sehr wichtig, um Menschen zu mobilisieren. Aber wenn das Mittel zum Zweck wird, haben wir ein Problem. Genau hier verläuft die Grenze zwischen populär und populistisch. Man sollte Wähler nicht wie Konsumenten behandeln und sie zum Kaufen verführen. Man sollte sie wie mündige Bürger behandeln, die zu eigenständigem und kritischem Denken fähig sind. Wenn man sich dafür populärer Mittel bedient – warum nicht. Populisten hingegen spalten, sie agitieren gegen Minderheiten oder ethnische Gruppen. Deswegen sage ich klar: Wir sind gegen die Kommunistische Regierung in Peking. Aber wir sind nicht gegen die Bevölkerung Chinas.

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