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Hongkong-Aktivist Joshua Wong : Wir müssen bereit sein, uns selbst zu opfern

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Joshua Wong (dritter von links) mit anderen Aktivisten der Regenschirmbewegung während der Proteste 2014 in Honkong.
Joshua Wong (dritter von links) mit anderen Aktivisten der Regenschirmbewegung während der Proteste 2014 in Honkong. : Bild: AP

Die europäischen Studentenbewegungen der 1960er und 70er Jahre pflegten ein inniges Verhältnis zu Theorie und Philosophie. Speist sich die Hongkonger Studentenbewegung ebenfalls aus avantgardistischen Formen des Denkens?

Man kann uns schwerlich mit Bewegungen des 20. Jahrhunderts vergleichen. Die europäischen Studentenbewegungen entstanden im Zuge eher akademischer Diskussionen. Wir sind hingegen aus konkreten Alltagserfahrungen hervorgegangen. Was uns antreibt, ist der Niedergang der Demokratie und das Zugehörigkeitsgefühl zu unserer Stadt. Das ist längst nicht so abstrakt. Wir unterziehen zudem nicht das ganze System einer Kritik, sondern fordern nur einen ersten, den wichtigsten Schritt: das Recht, unsere Regierung wählen zu dürfen. Ideologien helfen da nicht weiter. Sie lassen sich nie auf die Realität übertragen.

Wenn Sie weder eine Theorie noch eine Ideologie vertreten – was ist Ihre Vision für Hongkong?

Hongkong sollte nicht nur eine Stadt in China sein. Hongkong sollte eine Stadt in der Welt sein. Damit meine ich, dass vor der Übergabe Hongkongs an China kein Zweifel an der Einzigartigkeit unserer Stadt bestand. Hongkong war in dieser Hinsicht wie New York City oder Tokio. Doch seit 1997 fließt das kommunistische Kapital nach Hongkong, und Peking mischt sich in die politischen Angelegenheiten ein. Damit verlieren wir nicht nur unsere Einzigartigkeit.

Die „Einzigartigkeit“ speist sich nicht zuletzt aus der Tatsache, dass Hongkong eine britische Kolonie und ein finanzwirtschaftliches Experimentierlabor war. Aus historischer Sicht ist es ein Teil Chinas. Kämpfen Sie nicht auf verlorenem Posten?

Das mag schon sein. Aber Geschichte hin oder her – die Bürger verlieren ihre Würde. Der Kommunistischen Partei zufolge gibt es keine Bürger Hongkongs, nur Bewohner. Wir aber wollen Bürger sein, und wir wollen gesellschaftliche Vielfalt. Hongkong ist eine internationale Stadt – die einzige, die universelle Werte auf chinesischem Territorium hochhält. Wir nehmen unsere Verantwortung für die Demokratie wahr und machen die Welt darauf aufmerksam, was in China vor sich geht. Uns geht es um unsere Würde, nicht um Konfrontation oder Populismus.

Als Sie 2014 die Regenschirm-Bewegung und die Besetzung zentraler Plätze Hongkongs mitorganisierten, setzten Sie auf eine humorvolle, der Popkultur entlehnte Protestästhetik. Wo verläuft die Grenze zwischen Pop und Populismus?

Es kommt darauf an, worauf die jeweiligen Aktionen abzielen. Geht es nur um kurzfristige emotionale Erregung? Natürlich sind Emotionen sehr wichtig, um Menschen zu mobilisieren. Aber wenn das Mittel zum Zweck wird, haben wir ein Problem. Genau hier verläuft die Grenze zwischen populär und populistisch. Man sollte Wähler nicht wie Konsumenten behandeln und sie zum Kaufen verführen. Man sollte sie wie mündige Bürger behandeln, die zu eigenständigem und kritischem Denken fähig sind. Wenn man sich dafür populärer Mittel bedient – warum nicht. Populisten hingegen spalten, sie agitieren gegen Minderheiten oder ethnische Gruppen. Deswegen sage ich klar: Wir sind gegen die Kommunistische Regierung in Peking. Aber wir sind nicht gegen die Bevölkerung Chinas.

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