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Demographie-Experte Vaupel : Wir müssen unsere Lebensläufe völlig neu denken

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Die Alten der Zukunft müssen ihre eigene Gerontokratie verhindern - James Vaupel Bild: F.A.Z.-Fotot Matthias Lüdecke

Der Demograph James Vaupel sieht den ZDF-Thriller „Aufstand der Alten“ als Mahnung, das verlängerte Leben für die Gesellschaft zu nutzen. Ein Interview über die Angst der Deutschen, soziale Unterschiede und die Weisheit der Alten.

          Aus dem Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, das der Amerikaner James Vaupel seit dessen Gründung 1996 leitet, kommen einige der wichtigsten Studien über die künftige Bevölkerungsentwicklung. Vaupel erforscht, wie stark und warum die Lebenserwartung zunimmt und wie sich die Gesellschaft darauf vorbereiten kann. Besonders intensiv befasst er sich mit Menschen, die über hundert Jahre alt werden. Wir haben Vaupel gebeten, „2030 - Aufstand der Alten“ (siehe auch: Schlechter Film, gutes Thema: „2030 - Aufstand der Alten“)vorab anzuschauen.

          Herr Vaupel, wie hat der „Aufstand der Alten“ auf Sie gewirkt?

          Der Film ist sehr hart und düster. Zuallererst bin ich erschrocken, wie kaputt und unsympathisch die meisten älteren Menschen dargestellt werden. Ich weiß, es ist eine Art Sciencefiction, aber ich denke mir auch sonst sehr oft: Die Deutschen sollten sich mal fragen, warum sie so ein Schreckensbild vom Alter haben. Der Film hat das nochmals bestätigt.

          Eine Mehrheit der Alten hat es in noch keiner Gesellschaft vor uns gegeben. Ist da ein negatives Bild vom Alter, zumindest von den Jungen aus gedacht, nicht schon rein psychologisch äußerst naheliegend?

          Das ist eine Gefahr. Begegnen können ihr die Älteren von heute und morgen durch einen neuen Lebensstil. Die klassische Dreiteilung des Lebens in Ausbildung, Leistung und Ruhestand muss verschwinden. Es muss normal werden, auch im Alter zu arbeiten und sich zu bilden. Eine passive, auf Erholung ausgerichtete Mehrheit im Ruhestand würde den Groll der Jungen auf sich ziehen, schon weil die wenigen Arbeitenden völlig überlastet wären. Deshalb ist es so wichtig, dass die Älteren auf allen Ebenen produktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Das erfordert ein radikales Umdenken in der ganzen Gesellschaft.

          Sie kennen die Demographiedebatte weltweit. Gibt es da deutsche Besonderheiten?

          Kein anderes Land hat so viel Angst vor dem demographischen Wandel wie Deutschland. Bei einer der Demographiekonferenzen des Bundespräsidenten gab es eine Meinungsumfrage, bei der die meisten Teilnehmer angaben, dass die Zukunft schlechter sein wird als die Vergangenheit - woher nehmen sie diesen Pessimismus? Die Deutschen haben zwei Weltkriege, Hitler, den Kommunismus überstanden und leben im Wohlstand. Als Amerikaner bin ich da auch nach mehr als zehn Jahren in Deutschland noch immer erstaunt.

          Aber gerade Ihr Institut weist auf Probleme hin, die uns durch Überalterung und Kindermangel bevorstehen. Der Film macht sie nur sehr plastisch greifbar.

          Deshalb gefällt mir, dass die Möglichkeit enormer sozialer Unterschiede im Alter thematisiert wird. Die Altersarmut wird in Zukunft wieder aktuell, besonders betroffen sind alleinstehende ältere Frauen, geschieden oder ohne Kinder. Es wird überhaupt härter für Kinderlose und für Einzelkinder ohne Familiennetz. Aber die Schärfe im Film halte ich doch für reichlich unrealistisch. Realistischer ist die Darstellung von Brandenburg als entvölkerter Region. Es kann passieren, dass aus ganzen Landstrichen die Jugend wegzieht und nur die Alten zurückbleiben, mit allen Problemen. Das ist jetzt schon zu beobachten.

          Warum sollte die Projektion in dem Film zur Altersarmut zu scharf geraten sein? Obwohl zurzeit die geburtenstarken Jahrgänge voll im Arbeitsleben stehen, sind Renten-, Gesundheits- und Pflegesystem kaum zu finanzieren.

          Ich kenne keine seriöse ökonomische Prognose, die davon ausgeht, dass die Deutschen im Jahr 2030 ärmer sein werden als heute. Wenn es gelingt, das reale Rentenalter zunächst auf die offizielle Grenze von fünfundsechzig Jahren zu bringen und dann auf siebenundsechzig Jahre anzuheben, gerät das Rentensystem nicht aus den Fugen. Damit dies so kommt, muss enorm viel passieren, die Arbeitskraft der Älteren darf zum Beispiel nicht weiter grundsätzlich so teuer bleiben, Arbeitgeber sollten Ältere nicht als unproduktiv abstempeln. Der Film zeigt ja gerade, dass die Älteren sehr wohl noch arbeiten können. Sie pflegen Gärten, waschen Wäsche. Nur frage ich mich, warum der Ingenieur im Film Fenster putzen muss und nicht weiter als Ingenieur arbeiten kann. Das ist in der Realität alles machbar, wie andere Länder zeigen, etwa Dänemark.

          Könnten Politiker Ihren Optimismus nicht als Ausrede zum Nichtstun nutzen?

          Das wäre falsch, denn sie würden die Mühen unterschätzen, die es für Politik und Wirtschaft bedeutet, von den typischen Lebensläufen wegzukommen, die Jüngeren zu entlasten und den Älteren gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Auch für den Einzelnen bedeutet es, sein Leben neu zu denken. Der Ingenieur muss bis siebenundsechzig oder länger arbeiten wollen und nicht die Tage bis zum Ruhestand zählen.

          Der brutale Umgang mit hochbetagten Menschen reicht im "Aufstand der Alten" bis hin zu einer Art Euthanasieprogramm. Davon sind wir natürlich weit entfernt, aber hinter der Chiffre "Pflegenotstand" verbergen sich doch schon heute fürchterliche Schicksale, im Heim oder zu Hause. Ein Weckruf?

          Ja, aber einer, der sich auf eine Minderheit bezieht, um die sich endlich jemand kümmern muss. Man denke nur daran, wie ausgeliefert Demenzkranke ohne Familie sind. Aber ich muss auch bei diesem Thema etwas einwenden: Erstens ist die medizinische Versorgung der wirklich Alten gar nicht so teuer, wie immer behauptet wird. Sie sterben an Herzinfarkten, Schlaganfällen, Grippe, deren Behandlung nicht so teuer ist wie zum Beispiel beim Krebs. Die Häufigkeit von Krebs nimmt über fünfundsiebzig Jahren wieder ab. Der phänomenale Anstieg der Lebenserwartung wird, was die Hochbetagten betrifft, gar nicht so teuer erkauft. Zweitens entscheiden in einer Demokratie die Wähler. Die Zahl der älteren Wähler wird bis 2030 stark zunehmen, die Älteren bekommen also mehr Macht in der Gesellschaft, nicht weniger.

          Was nützt den Alten Macht, wenn die Jungen fehlen?

          Ich setze darauf, dass die Alten der Zukunft so weise sein werden, ihre eigene Gerontokratie zu verhindern. Sonst wird man sich über die Auswanderung von jungen hochqualifizierten Menschen noch mehr Sorgen machen müssen. Man muss dafür sorgen, dass mehr Hochqualifizierte nach Deutschland einwandern. Sie brauchen gute Gründe, nicht nach Amerika oder Kanada zu gehen, Länder, die eine optimistische Kultur und viele Einstiegschancen bieten.

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