https://www.faz.net/-gqz-t1ff

Demographie : Die Balkan-Familie lebt

Bild: F.A.Z.

Nirgends auf unserem Kontinent ist die Geburtenrate annähernd so hoch wie im Kosovo. Nicht der Mangel an Kindern, sondern der Überfluß daran ist zu einer gesellschaftlichen Herausforderung geworden.

          5 Min.

          Nirgends auf unserem Kontinent ist die Geburtenrate annähernd so hoch wie im Kosovo. Die demographischen Schwierigkeiten, denen sich das alt gewordene Europa gegenübersieht, existieren hier nur in ihrer Umkehrung. Nicht der Mangel an Kindern, sondern der Überfluß daran ist zu einer gesellschaftlichen Herausforderung geworden.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Selbst in einem halben Jahrhundert sozialistischer Herrschaft, die ihre familienzersetzende Wirkung doch anderswo recht zuverlässig entfaltete, hat sich im Kosovo wenig daran geändert. Im Jahr 1948 hatte die durchschnittliche Kernfamilie im Kosovo 6,4 Mitglieder. Bis zum Beginn der achtziger Jahre war diese Zahl dank besserer Gesundheitsvorsorge auf knapp sieben gestiegen. Inzwischen sinkt sie auf hohem Niveau und hat ungefähr wieder den Wert von 1948 erreicht.

          Keine Krise der Familie

          Das moderne Einsamkeitseuropa, das sonst selbst auf dem Balkan kein unbekanntes Phänomen mehr ist - Griechenland hat eine der niedrigsten Geburtenraten in der EU -, hat das Kosovo nie erreicht. Die Krise der Familie hat diesen Landstrich Europas ausgespart. Zeugungsstreik, Bindungsunfähigkeit, Lebensabschnittspartner, Singlehaushalt, Scheidungskrieg? Das klingt amüsant im ländlichen Kosovo, wo die Mehrheit der Bevölkerung lebt.

          Strenggenommen leben sogar alle Kosovaren auf dem Lande, denn auch ihre Städte sind eigentlich nur übereinandergestapelte Dörfer. Mag sich in der Hauptstadt Prishtina und in anderen größeren Orten einiges geändert haben in den vergangenen Dekaden und in den Jahren der UN-Verwaltung für das Kosovo - auf dem Lande ist den Frauen die Sorge um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiterhin meist abgenommen. Eine Aussicht auf Arbeit bietet sich ihnen ohnehin nicht, aber daß sie einen bis heute noch oft für sie Auserwählten heiraten und dann Kinder gebären werden, männliche und, wenn es sein muß, auch Mädchen, die später in andere Familien einheiraten, für die Versorgung ihrer Eltern im Alter also ausfallen werden - das alles ist unausweichlich.

          Schwere Folgen für die Region

          Weil auch das historische Ventil zum Abbau des kosovarischen Bevölkerungsüberdrucks fast ganz geschlossen ist, weil die massenhafte Auswanderung zum ersten Mal seit Menschengedenken auf dem Amselfeld nicht mehr stattfindet, hat das schwere Folgen für die Region. Zur türkischen Zeit gingen die jungen Männer aus dem Kosovo in den osmanischen Wirtschaftszentren Saloniki oder Istanbul auf Arbeitssuche, später zog es sie nordwärts nach Belgrad. Es folgte die Zeit der Gastarbeiter, doch auch die ist vorbei. Die westeuropäischen Arbeitsmärkte sind durch die Schengener Mauer abgeschottet, und Belgrad kommt als Auswanderungsziel aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht mehr in Frage. Nur der florierende kosovarische Gebärmarkt produziert fast wie zuvor.

          Jahr für Jahr drängen im Kosovo viele tausend junge Menschen auf einen Arbeitsmarkt, der sie nicht aufnehmen kann. Die durch das Erbrecht in immer kleinere Parzellen pulverisierten Höfe sind zur Subsistenzwirtschaft verurteilt. In der Provinz, um welche die Nato 1999 den ersten Angriffskrieg ihrer Geschichte führte, gärt es wie nie seit dem Einmarsch der internationalen Truppen.

          Weitere Themen

          Eine Hochzeit mit Hindernissen

          Japanisches Kaiserhaus : Eine Hochzeit mit Hindernissen

          Prinzessin Mako will bald ihren Freund Kei Komuro heiraten. Nicht alle Japaner freuen sich. Denn die Prinzessin will Japan in einem beispiellosen Schritt verlassen und ihrem künftigen Angetrauten nach New York folgen.

          Topmeldungen

          Armin Laschet und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak am Montag in Berlin

          Laschet und die Union : Der Kandidat, der enttäuschte

          Nach dem enttäuschenden Wahlergebnis muss der CDU-Vorsitzende Armin Laschet die Parteifreunde besänftigen. Vom zweiten Platz aus versucht die Union, eine Regierungsperspektive zu behalten.
          Jörg Meuthen, Tino Chrupalla und Alice Weidel am Montag in Berlin

          AfD in Ostdeutschland : Blau blüht das Kernland

          Die AfD wird in Sachsen und Thüringen stärkste Kraft, obwohl sie im Vergleich zur Wahl von 2017 teilweise Stimmenanteile verliert. Was folgt daraus für die Partei? In Berlin zofft sich die Führung auf offener Bühne.
          Christian Lindner (rechts), FDP-Vorsitzender und Robert Habeck, Grünen-Vorsitzender, nehmen am Deutschen Arbeitgebertag 2018 teil.

          Die Grünen und die FDP : Gespräche geübter Gegner

          Inhaltlich liegen FDP und Grüne in vielen Politikfeldern über Kreuz. Doch der Wille zu einer gemeinsamen Regierung bringt sie nun einander näher.
          Die Ko-Vorsitzenden Habeck und Baerbock am Montag in der Bundespressekonferenz

          Nach F.A.Z.-Informationen : Grüne wollen Habeck als Vizekanzler

          Mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin sind die Grünen an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert. Nun ist nach Informationen der F.A.Z. klar: Wird die Partei Teil der nächsten Bundesregierung, will sie Robert Habeck zum Vizekanzler machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.