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Demographie : Alte neue Welt

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Alte im chinesischen Dorf Longlaodun, einem der fünf anerkannten „Orte der Langlebigkeit” Bild: picture-alliance / dpa

Die Alterung der Bevölkerung in den OECD-Ländern ist bekannt, dagegen hat man sich mit derjenigen in armen Ländern kaum befaßt. Doch birgt auch letztere erhebliche Risiken für die Weltwirtschaft der Zukunft. Eine Analyse.

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          Voraussagen über die Entwicklung der Welt in den nächsten zwei Jahrzehnten sind immer ein Wagnis. Dennoch können wir heute mit größter Sicherheit behaupten, daß bis 2025 eine Welle der Überalterung die entwickelten Regionen der Welt überfluten wird.

          Wie können wir so gewagte und kategorische Behauptungen über Ereignisse aufstellen, die noch gar nicht eingetreten sind? Die Antwort liegt in der simplen Arithmetik demographischer Projektionen. Da die älteren Menschen von morgen heute bereits leben, können wir ihre zukünftige Zahl recht sicher voraussagen. Nach den aktuellen Projektionen wird die Bevölkerung von 2005 bis 2025 in den weniger entwickelten Regionen um etwa ein Viertel anwachsen. Doch die am schnellsten wachsende Alterskohorte innerhalb dieser Population wird die Gruppe der Menschen von 65 und mehr Jahren sein, und in der Dritten Welt wird die Zahl dieser älteren Menschen sich bis 2025 - wiederum falls es nicht zu Katastrophen kommt - auf etwa 570 Millionen oder 8,5 Prozent der Gesamtbevölkerung verdoppeln.

          Sinkende Geburtenraten sind Motor der Überalterung

          Obwohl die weniger entwickelten Regionen im Jahr 2025 nach der Definition der Vereinten Nationen eine „alternde Bevölkerung“ besitzen dürften (das heißt, der Anteil der Menschen von 65 und mehr Jahren an der Gesamtbevölkerung beträgt mindestens sieben Prozent), wird das Bevölkerungsprofil insgesamt ebenso jung sein wie in Europa Ende der fünfziger oder in Japan Mitte der siebziger Jahre. Doch Ausmaß und Geschwindigkeit der Bevölkerungsalterung werden beträchtlich variieren. Manche Entwicklungsländer werden in den nächsten zwei Jahrzehnten gar keine Alterung ihrer Bevölkerung erleben, während andere eine deutliche Alterung verzeichnen dürften.

          Aus einem rein arithmetischen Grund (der vielleicht der Anschauung ein wenig widerspricht) wird die Alterung der Bevölkerung in einigermaßen „normalen“ Gesellschaften vor allem von Veränderungen des Fertilitätsniveaus und nicht von Veränderungen der Sterblichkeit beeinflußt. Nicht eine höhere Lebenserwartung, sondern eine sinkende Geburtenrate bildet den Motor der Überalterung - und in weiten Teilen der Dritten Welt befindet sich die Fertilität heute schon auf einem sehr niedrigen Niveau.

          Aufstrebende Märkte mit beschleunigter Alterung

          Tatsächlich dürfte der größte Teil der Menschheit bereits jetzt in Ländern leben, deren Reproduktionsrate unterhalb des für eine Bestandserhaltung erforderlichen Werts liegt, sofern man von positiven Wanderungsbewegungen absieht. Da nur ein Fünftel der Weltbevölkerung in den stärker entwickelten Ländern lebt, muß die große Mehrheit der Populationen mit einer für die Bestandserhaltung nicht ausreichenden Fertilität auf Regionen mit niedrigem Einkommen entfallen. Und da die Fertilitätsraten in Gebieten mit niedrigem Einkommen weiterhin fallen - selbst in Gebieten, in denen die Geburtenraten schon jetzt nicht mehr für eine Bestandserhaltung ausreichen -, gewinnt die Alterung der Bevölkerung an Schwung und Geschwindigkeit.

          Das gilt natürlich nicht für den südlich der Sahara gelegenen Teil Afrikas. Dort dürfte das Medianalter in den nächsten zwei Jahrzehnten kaum über zwanzig Jahre steigen. Und sicher auch nicht für arabisch-islamische Länder wie den Jemen, Oman oder Afghanistan, in denen die Gesamtfertilitätsrate offenbar immer noch fünf Geburten pro Frau (auf die gesamte Lebenszeit berechnet) übersteigt. Doch in weiten Teilen Ostasiens, Südostasiens, des Nahen und Mittleren Ostens, Europas und Lateinamerikas ist eine für die Bestandserhaltung nicht ausreichende Reproduktionsrate heute die Regel. Das heißt, die Regionen, in den sich gegenwärtig die aussichtsreichsten aufstrebenden Märkte finden, sind auch die Gebiete, die sich gerade auf den Pfad einer beschleunigten Alterung der Bevölkerung begeben haben.

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