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Demo gegen Putin : Immerhin fünfhundert Leute

Demonstration gegen Putins Syrien-Politik in Berlin Bild: Jödpa

Die Zeiten des massenhaften, ungezügelten politischen Protests kehren nicht zurück. Die Zeiten der Großdemos sind vorbei – warum? Eine Beobachtung in Berlin.

          2 Min.

          Es wäre schön, hieß es in der E-Mail, wenn wir kämen, um vor der russischen Botschaft in Berlin „wenigstens ein kleines Zeichen gegen das dröhnende Schweigen der Zivilgesellschaft zu dem systematischen Massenmord in Aleppo zu setzen“. Und so finden wir uns um 13 Uhr an der bezeichneten Stelle ein, nahe am Brandenburger Tor, und treffen sofort einen alten Bekannten. Michael Naumann trägt ein Schild mit der Aufschrift: „Putin nach Den Haag“. Die Ironie der Situation bleibt dem ehemaligen Herausgeber der „Zeit“ nicht verborgen. Einen Tag vor seinem 75. Geburtstag geht er noch einmal mit politischen Slogans auf die Straße? Ein Fernsehjournalist tritt hinzu und fragt, ob Naumann für „unsere jungen Zuschauer“ etwas darüber sagen könne, warum so wenig Leute gekommen seien. Nun ja, so die Antwort, es gebe eben eine allgemeine Entpolitisierung, und die jungen Leute, allein vor ihren Bildschirmen, kennten wohl weder „die zwischenmenschliche Erfahrung des Demonstrierens“ noch „das Gefühl der Solidarisierung“.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Da könnte etwas dran sein. Noch läuft der Straßenverkehr normal. Polizisten scheuchen die Demonstranten von der Straße, sie hoffen, das Geschehen auf den Mittelstreifen begrenzen zu können. Aber das ist kurz darauf nicht mehr möglich, denn jetzt machen sich auch die Syrer bemerkbar, sie skandieren: „Putin, raus, raus!“ Es gehe nicht nur um Putin, ruft einer. Es gehe um Assad! Die deutschen Anti-Putin-Proteste machen aber ihr eigenes Ding, auch wenn Michael Naumann sein Schild inzwischen weitergereicht hat. Noch sind die prorussischen Störer nicht aufgetaucht, allenfalls werden einige russische Fahnen geschwenkt und auch eine sehr große britische: Sie stammt von einem Engländer, der für den Brexit gestimmt hat und Putin blind unterstützt.

          „Lasst uns nicht schweigen“

          Nein, es wird keine Großdemonstration. Die Zeiten des massenhaften, ungezügelten politischen Protests kehren nicht zurück. Aber immerhin schaffen es die Veranstalter, um die fünfhundert Leute zu versammeln, drei Autospuren lahmzulegen und die Polizei zum Einsatz von ein paar Mannschaftswagen zu zwingen. Es war eine Spontanaktion, erzählt Uli Schreiber, Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin, innerhalb weniger Tage hätten sich 250 Schriftsteller aus aller Welt mit dem Protest gegen die russischen Bombardements auf Aleppo solidarisiert, darunter die Nobelpreisträgerinnen Elfriede Jelinek und Herta Müller. Wir treffen Wolfgang Thierse. Der ehemalige Bundestagspräsident glaubt nicht, dass die Demonstration viel ausrichten könne. Doch wenigstens aussprechen wolle man, „was Putins Bombenterror, bemäntelt mit dem Kampf gegen Terrorismus“, bedeute.

          Es gibt ein paar wütende Reden, auch wenn das Megafon zu schwach ist, sie bis an die Ränder der Demo zu tragen, dorthin, wo die russischen Störer jetzt lauter werden. Der Journalist Reinhard Mohr, einer der Initiatoren, ruft: „Friedensfreunde aller Nationen, wo bleibt ihr? Wo ist die Linke, die Linkspartei, die jeden Kriegseinsatz der Nato scharf verurteilt? Und wo ist die AfD, die inzwischen ihr Herz für den großen Führer Putin entdeckt hat?“ Mohrs Appell geht an die „Bürger Europas“, die in aller Welt ihre Empörung vor die russischen Botschaften tragen sollten, „bevor Aleppo endgültig dem Erdboden gleichgemacht ist“. Dann spricht Marieluise Beck von den Grünen. Sie erinnert an den Protest ihrer Generation gegen den Vietnamkrieg, an den Krieg in Tschetschenien, sie spricht langsam, laut und deutlich, damit jeder es hören kann: „Lasst uns nicht schweigen, denn das Schweigen beteiligt uns am Verbrechen.“

          Lange ist es her, dass Intellektuelle gegen russische Großmachtpolitik protestiert haben. Der Filmregisseur Volker Schlöndorff erzählt uns von seinem ersten Mal, 1956, als in Budapest die Panzer einrollten. „Da sind wir in meiner Schule in der Bretagne mit den Jesuitenpatres eine Runde durch den Schulhof gezogen. Man wollte die Täter brandmarken.“ Und jetzt?, fragen wir. „Jetzt“, sagt Schlöndorff, „haben wir doch das Gefühl: Es gibt außer Assad einen Haupttäter, und das ist Putin. Daneben gibt es Täter durch Unterlassung, das sind Obama und wir selbst.“

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