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Demeter-Bauer Carsten Bauck : So viel Oberweite braucht keine Pute

Wie wollen wir in Zukunft essen? Dürfen wir Tiere wie Sachen behandeln? Carsten Bauck leitet den ältesten deutschen Demeter-Hof und hat überzeugende Antworten.

          13 Min.

          Wir haben keine Angst, obwohl Grund genug dazu besteht. Doch wir sind ganz ruhig, so ruhig wie die zwei Dutzend dreivierteltonnenschweren Mastbullen, die uns auf einer Weide in der Lüneburger Heide umkreisen, umzingeln, beäugen, beschnuppern. „Wenn man uns jetzt angreifen würde, würden sie uns ihr Hinterteil zuwenden und eine Wagenburg bilden“, sagt Carsten Bauck, der die Bullen mit so zärtlichen, so liebevollen Rufen angelockt hat, als wären sie eine Schar Gänse. „Meine Senftiere“ nennt er sie, weil alle möglichen Rindviecher so lange ihren Senf in den Gentopf gegeben haben, bis eine wilde Mischung aus Charolais, Limousin, Angus und noch einigem mehr entstanden ist – eine biologisch undefinierbare Spezies friedlicher, freundlicher Tiere, die uns sofort als ihresgleichen in ihre Herde aufnehmen. „Wenn ich hier stehe“, sagt Bauck mit einem versonnenen Lächeln, „bekomme ich jedes Mal feuchte Augen. Und wenn ich mich schlecht fühle, gehe ich zu meinen Rindern, weil Rinder uns Menschen immer guttun.“

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Carsten Bauck, der Geschäftsführer des ältesten durchgängig bewirtschafteten Demeter-Hofs in Deutschland, mag auf der Weide wie ein rettungsloser Rinderromantiker wirken. Doch er ist weder ein Bullenflüsterer noch ein Latzhosenidealist und schon gar kein Ökoesoteriker, sondern ein knorriger Bauer mit Quadratschädel, Prellbockkinn und Schraubstockhändedruck, der mit beiden Beinen fest in der sandigen Erde der Lüneburger Heide verwurzelt und dennoch auf seine Weise ein Weltverbesserer ist. Er will es nicht hinnehmen, dass in unserer Landwirtschaft Tiere wie Sachen behandelt werden, dass in unserer Ernährung nur noch das Gesetz der Gedankenlosigkeit gilt, dass aus Lebensmitteln, den Garanten unseres Lebens, bloße Nahrungsmittel, Produkte einer Industrie, geworden sind.

          Er galt im Dorf als Spinner und Sonderling

          Diese Weltanschauung ist Carsten Bauck vor neununddreißig Jahren buchstäblich in die Wiege gelegt worden. Sein Großvater hatte 1932 den Bauckhof als Demeter-Hof in Klein Süstedt bei Uelzen gegründet, mehr aus Not als aus Überzeugung, weil er zweimal seinen kompletten Bestand an Mastschweinen wahrscheinlich durch die Schweinegrippe verloren hatte. Er schwor der konventionellen Landwirtschaft ab, machte sich mit der anthroposophischen Lehre vertraut und galt fortan als Spinner und Sonderling im Dorf, dem auch die Nationalsozialisten argwöhnisch misstrauten, die ihn dann aber in Frieden ließen, weil er aus Heidegras kriegswichtige Tarnnetze für Panzer flocht.

          „Mein Vater“, sagt Bauck, „bekam in der Dorfschule Dresche für die Ideen seines Vaters.“ Dabei waren diese alles andere als dumm: Großvater Bauck wollte möglichst autark sein, verzichtete auf Monokulturen, veredelte seine Erzeugnisse auf dem Hof, hielt sich an die fünfjährige Fruchtfolge zur Schonung des Bodens, begann den Zyklus immer mit zehrenden Kulturen wie Kartoffeln, um ihn mit humusbildenden Pflanzen wie Kleegras zu beenden. Und er strebte einen geschlossenen Kreislauf an, indem er das Futter der Tiere auf den eigenen Feldern erntete – lauter Prinzipien, die bis heute auf dem Bauckhof gelten.

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