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Demenzszenario : 2030 - Odyssee in eine gealterte Gesellschaft

Die Statistiken verheißen nichts Gutes für das Jahr 2030. Es scheint für die alternde Gesellschaft nur einen Ausweg zu geben: Familiensinn, medizinischen Fortschritt, eine neue Beweglichkeit in der Gesellschaft, genügend Arbeit und Kinder, Kinder, Kinder Bild: Kat Menschik

Mit Europas Zukunft hat die Politik gerade alle Hände voll zu tun. Dabei vergisst sie die alternde Gesellschaft. Anhand seriöser Voraussagen entwerfen wir in einer erfundenen Familiengeschichte ein Demenz- und Gesellschaftsszenario für das Jahr 2030.

          13 Min.

          Für das Jahr 2030 hat sich die Welt viel vorgenommen. Die Bundesregierung will dann schon seit acht Jahren den Ausstieg aus der Atomenergie vollzogen und sechs Millionen Elektroautos auf deutsche Straßen gebracht haben. Die ESA will bemannt auf den Mars fliegen, Saudi-Arabien hat wahrscheinlich sein letztes von sechzehn neuen Atomkraftwerken gebaut. Nach Schätzung der UN braucht die Welt mindestens fünfzig Prozent mehr Nahrung, etwa fünfzehn Prozent mehr Wasser und, so die IEA, dreißig Prozent mehr Energie als zu Beginn des Jahrtausends. Hart konkurrieren die entwickelten Länder um Facharbeiter aus aller Welt.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Mitte des Jahres, irgendwo im Westen Deutschlands, erkennt Klaus W. plötzlich seine Frau nicht mehr. Nach der Alzheimer-Diagnose im Jahr 2027 hatten Medikamente seinen Zustand einigermaßen stabil gehalten. Jetzt kann er sich oft selbst nicht mehr helfen. Nach einer Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes ist er einer von etwa zwei Millionen Alzheimer-Kranken - zu Beginn des Jahrhunderts lag der Wert noch bei etwas mehr als einer Million -, gehört zu den 6,3 Millionen Deutschen über achtzig und den ungefähr drei Millionen Pflegebedürftigen des Landes. Seine Frau Ingrid kann ihn nicht mehr rund um die Uhr betreuen, sie ist selbst schon Mitte achtzig, leidet an Zucker und hat ein schwaches Herz. Jahrelang hat sie als Altenpflegerin gearbeitet, den Mann in Schwächephasen unterstützt, jetzt fehlt ihr die Kraft für intensive Pflege.

          Die Lage wird sich weiter zuspitzen

          Sie beruft den Familienrat ein, Sohn, Tochter und Schwiegersohn; Letztere wohnen in der Nähe. Klaus soll im Familienverband gepflegt werden. Das ist jedoch in keinem der zur Familie gehörenden Häuser möglich, sie sind zu klein und für die nötige Barrierefreiheit ungeeignet. Die finanzielle Lage ist bei allen angespannt. Klaus war angestellter Handwerker, außer einem sanierungsbedürftigen Haus gibt es kaum Vermögenswerte oder Ersparnisse, die gemeinsame Durchschnittsrente reicht, wie von Fachleuten seit Jahrzehnten vorausgesagt, nur für das Nötigste. Die Leistungen der gesetzlichen Versicherung, die in den letzten Jahren mehrfach angepasst werden mussten, wären zu knapp für ausreichende Betreuung. Trotz staatlicher Förderung haben sich die W.s nicht zusatzversichert.

          Nicht besser steht es finanziell um die Kleinfamilie von Tochter Claudia und deren Mann Thomas, man zahlt noch das Eigenheim ab. Thomas - ein später Babyboomer - steht kurz vor der Rente mit, das raten wir jetzt, 68 Jahren, Claudia hat gerade wegen des starken Rückgangs der Erwerbsfähigenzahl in Deutschland problemlos auf Vollzeit aufstocken können. Eigentlich war das zusätzliche Einkommen dafür gedacht, regelmäßig die Tochter Anna in Kanada zu besuchen; sie arbeitet dort in der medizinischen Forschung und hat gerade ein Kind bekommen, den ersten Urenkel von Klaus. Kaum haben Claudia und Thomas die Ausbildungskosten für Anna beglichen, stehen sie nun abermals in der Pflicht. Die Lage wird sich, das wissen sie, aller Voraussicht nach weiter zuspitzen.

          In einem sind sich Politiker und Wissenschaftler einige: Die Verlängerung des Berufslebens entlastet nicht nur die Sozialversicherungen, sie vermindert auch das Demenz-Risiko
          In einem sind sich Politiker und Wissenschaftler einige: Die Verlängerung des Berufslebens entlastet nicht nur die Sozialversicherungen, sie vermindert auch das Demenz-Risiko : Bild: Kat Menschik

          Thorsten, Claudias Bruder - Geschwister waren bis zum Ende der sechziger Jahre noch der Normalfall -, hat vor zehn Jahren von Buchbinder auf Krankenpfleger umgeschult und wäre für die Pflege der Eltern eigentlich prädestiniert. Er wohnt aber weit entfernt, ist geschieden und unterstützt noch seine beiden Kinder in der Ausbildung. Eine Patentlösung fällt keinem auf Anhieb ein, ob das zur Verfügung stehende Geld ausreicht, ist unklar, man hat das Thema entgegen aller Ratschläge lange vor sich hergeschoben. Thomas will sich bei seinen Eltern, die seit zwei Jahren in einer Alten-WG leben, nach alternativen Wohnformen erkundigen. Die beiden fühlen sich in der neuen Umgebung wohl und hatten gelegentlich von einer Demenz-Wohngemeinschaft in ihrer Nähe gesprochen. Die Familie vertagt sich einigermaßen ratlos.

          Kinderlose zahlen schon jetzt mehr

          So angespannt die Lage der Familie jetzt ist, sie könnte noch schlimmer sein. Viel war in den Medien von der rasch steigenden Zahl Demenzkranker im Osten Deutschlands die Rede. All jene Gebiete, in denen der Kontrast zwischen Alt und Jung besonders groß ist - im Grenzgebiet von Ostdeutschland und Tschechischer Republik, im Umland von Berlin oder in den alten Industriegebieten Westdeutschlands -, haben sich seit den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts zur sozialen Achillesferse Deutschlands entwickelt. Da Abwanderung eine Reaktion auf schlechte wirtschaftliche Voraussetzungen ist, dreht sich in diesen Gebieten unaufhörlich eine Abwärtsspirale und führt zu einer Verödung ganzer Landstriche. Dort herrscht anhaltender Pflegenotstand.

          Zurück in die Gegenwart, ins Jahr 2012: An Voraussagen der pflegewirtschaftlichen Misere 2030 hat es nicht gemangelt. Im Jahr 2005 hatte Herwig Birg im Feuilleton dieser Zeitung in einem „Grundkurs Demographie“ darauf hingewiesen, dass die absehbare Schrumpfung unserer Gesellschaft deren Volkswirtschaft und die durch Umlageverfahren finanzierten Sozialversicherungen vor kaum lösbare Probleme stellen werde. Wenig musste er von seinen Voraussagen bis heute zurücknehmen, unnachgiebig drückt sich die Ausstülpung der zwischen 1955 und 1965 geborenen Babyboomer-Jahrgänge durch die unten immer weiter zerbröckelnde Bevölkerungspyramide Deutschlands nach oben.

          Bevölkerung in Deutschland 2030 in Tausend
          Bevölkerung in Deutschland 2030 in Tausend : Bild: F.A.Z.

          Wenige der naheliegenden Gegenmaßnahmen wie das erhöhte Renteneinstiegsalter wurden bisher politisch umgesetzt. Wie sehr Birgs nachvollziehbares Plädoyer, konsequent die Familien und damit den Nachwuchs zu fördern, verhallte, konnte man erst kürzlich wieder sehen, als Bundeskanzlerin Merkel Forderungen aus der eigenen Partei nach einer unglücklich formulierten Kinderlosen- oder Demographie-Abgabe als „nicht zielführend“ bezeichnete. Dabei zahlen Kinderlose schon jetzt in der Pflegeversicherung einen höheren Beitrag als Eltern, ohne dass es bisher zur gesellschaftlichen Spaltung kam.

          Darüber hinaus will die Regierung laut Koalitionsvertrag eine steuerliche Förderung privater Zusatzvorsorge etablieren, die sinnvoll erscheint, weil die gesetzliche Pflegeversicherung als eine Art Teilkaskoversicherung konzipiert ist - laut dem Robert-Koch-Institut deckt sie nur etwa dreißig Prozent der tatsächlich anfallenden Kosten ab. Den Rest bringen die Familien oder im Notfall die Sozialhilfe auf, zu einem geringen Teil die Krankenversicherung. Oft fallen bei erhöhtem Pflegebedarf heute schon das Eigenheim oder die Ersparnisse zum Opfer. Konkretisiert wurden die angekündigten Pläne für eine Förderung privater Pflegevorsorge bisher nicht, lediglich das zuständige Ministerium hat gewechselt - hin zu den Finanzen -, und es steht fest, dass die Zusatzversicherung freiwillig sein soll.

          Kein langlebiges Polster

          Da verlorene Einzahlungsjahre teuer zu stehen kommen, drängt die Zeit hierbei mindestens ebenso wie bei der Schaffung von Rückstellungen für den Zeitraum von 2020 an, in dem die Babyboomer das kritische Alter von Rente und möglicher Pflegebedürftigkeit erreichen. Erschwerend hinzu kommt, dass der Begriff der Pflegebedürftigkeit, welcher der gesetzlichen Versicherung zugrunde liegt, dringend reformbedürftig ist. Er ist zu stark an körperlichen Gebrechen orientiert und benachteiligt vor allem Demenzkranke, die laut Statistischem Bundesamt inzwischen gut zwei Drittel der mehr als 700 000 Pflegebedürftigen in deutschen Heimen ausmachen und im Spätstadium rund um die Uhr betreut werden müssen. Ein Expertenbeirat hatte vor zwei Jahren einen neuen Pflegebegriff definiert, die Überarbeitung ist von der Regierung seither angekündigt, aber nicht vollzogen worden. Ihre Auswirkung auf die Kalkulation der bis dato mit einem Mittelbestand von mehr als fünf Milliarden Euro versehenen gesetzlichen Pflegeversicherung (bei jährlichen Ausgaben von etwa zwanzig Milliarden) ist unklar; das teuerste Szenario geht von vier Milliarden Euro Mehrkosten jährlich aus. Es wäre vorschnell, den sich guter Konjunktur verdankenden Überschuss als langlebiges Polster zu preisen.

          Beim Thema Pflege und Demenz sind wir mittendrin im Schlamassel unserer alternden Gesellschaft. Dabei ist es paradox: Zwar hat Deutschland eine zumindest grob umrissene Strategie für das Zukunftsthema „Energiewende“ - erst vor einigen Tagen wurden zusätzliche Mittel für die Gebäudesanierung bereitgestellt -, es hat aber, was WHO und Gesundheitsverbände seit Jahren fordern, keine nationale Demenz-Strategie. „Demenz ist eine der bedeutendsten gesellschaftlichen, gesundheitlichen und ökonomischen Risiken des 21. Jahrhunderts“, sagt die WHO, und die Welt-Alzheimer-Gesellschaft errechnet, dass durch Demenz weltweit jährliche Gesamtkosten von 600 Milliarden Dollar anfallen, was in etwa dem Bruttoinlandsprodukt der Türkei oder einem Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung entspräche. Warum hat Deutschland nicht schon längst einen Demenz-Beauftragten, einen Bundespräsidenten der Weißhaarigen, jemanden wie Henning Scherf, der 2030 immerhin fast zehn Prozent der Bevölkerung über achtzig repräsentieren würde?

          Betreuungssituation der Zukunft: Szene aus dem französischen Erfolgsfilm „Ziemlich beste Freunde“
          Betreuungssituation der Zukunft: Szene aus dem französischen Erfolgsfilm „Ziemlich beste Freunde“ : Bild: Senator Filmverleih

          Demenz-Erkrankungen werden sich aller Voraussicht nach weiter ausbreiten. Unweigerlich scheinen wir bei sich ständig erhöhender Lebenserwartung statistisch gesehen in Altersbereiche zu gelangen, in denen, so belegen zahlreiche Studien weltweit, vor allem das Alzheimer-Risiko exponentiell ansteigt. An der weitaus häufigsten Demenzform erkranken bei den über Achtzigjährigen bereits fünfzehn Prozent, bei den über Fünfundachtzigjährigen ist es schon ein Viertel, und bei den über Neunzigjährigen sind es sogar mehr als dreißig Prozent, wobei Frauen weit häufiger an Alzheimer erkranken als Männer, weil sie älter werden. Dieser Rechnung zufolge wäre, vereinfacht gesagt, unter vier Großeltern im Alter von über 85 Jahren eine oder einer betroffen.

          Wer pflegt die Kinderlosen?

          Alzheimer-Demenz wiederum erfordert besonders intensive Pflege, für die, laut Robert-Koch-Institut, derzeit durchschnittliche Kosten pro Patient und Jahr von 44 000 Euro anfallen. Denkt man an Pflege im heimischen Umfeld, die von der Politik nicht nur aus Kostengründen zu Recht favorisiert wird, benötigt man in schweren Fällen für Rund-um-die-Uhr-Versorgung bei einer angenommenen Achtstundenschicht mindestens drei Pflegepersonen, woraus eine unfassbar große Gesamtzahl folgen würde. Bis zum Jahr 2030 - von heute an gerechnet also im Zeitraum einer Volljährigkeit - errechnet das Statistische Bundesamt ein Anwachsen der Pflegefälle um knapp fünfzig Prozent auf 3,4 Millionen, das wären mehr, als es heute Arbeitslose gibt. Zu den ohnehin schon zahlreichen sozialen Problemen würden sich neue gesellen und unser Versuch, die neuen Probleme zu lösen, mit bestehenden kollidieren.

          Im Moment werden in Deutschland etwa zwei Drittel der Demenz-Kranken zu Hause gepflegt, meist von Frauen, die im Durchschnitt 55 Jahre alt sind. Das wird in Zukunft in diesem Maß nicht mehr möglich sein. Zu einer Verschärfung des Pflegeproblems wird vor allem die steigende Zahl von Frauen im Erwerbsleben führen, nicht minder die wachsende Mobilität der Gesellschaft und die sich durchsetzende Einkindfamilie. Wer pflegt die Kinderlosen, die - das ist Weltrekord - in Deutschland seit 1965 dreißig Prozent eines Jahrgangs ausmachen, und wie gestaltet man die anfallenden Kosten möglichst sozialverträglich, so dass jeder in Würde altern kann?

          Die 2012 etablierte Familienpflegezeit schafft zwar mehr Flexibilität, kann aber nur der Beginn eines Lösungswegs sein. Flexibilität ist ein überflüssiger Luxus, wenn die heimische Haushaltsplanung ohnehin heikel ist. Darüber hinaus müssen die Deutschen sich mit der erschreckend klaren Prognose des Berlin-Instituts von 2011 auseinandersetzen, derzufolge wir bereits zur Jahrhundertmitte in Deutschland eine Pflegesituation vorfinden werden, die durch Heime nicht mehr abzufangen sein wird, selbst wenn das entsprechende Fachpersonal vorhanden wäre, was schon jetzt nicht der Fall ist. Derzeit gibt es im Pflegebereich mehr als 12 000 offene Vollzeitstellen; nach einer Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes könnte diese Zahl im Jahr 2025 auf mehr als 100 000 angewachsen sein.

          Die fehlenden Pflegekräfte einfach zu importieren, wie im privaten Graubereich schon seit Jahren üblich, wird immer schwieriger. Laut dem Welt-Alzheimer-Bericht 2010 wird die Zahl der Demenz-Erkrankungen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen in den nächsten Jahren schneller steigen als in den Industriestaaten. Die Pfleger aus ärmeren Ländern werden in der Heimat gebraucht.

          Bei angezogener Schuldenbremse

          Lässt man die Aussage des Berlin-Instituts auf sich wirken, kommt man nicht umhin, sich vorzustellen, in welch kurzer Zeit unsere Gesellschaft jetzt eigentlich solidarisch zusammenrücken müsste, schon aus Vernunftgründen. Und gelegentlich hört man bei dieser Vorstellung sogar einen Seufzer der Erleichterung. Der Pflege ins Auge schauen bedeutet, trotz allem Wachstumsstreben eine natürliche Rückgangsbewegung zu akzeptieren, eine Tendenz, die viele dem Kapitalismus der Zukunft ohnehin nahelegen. Das Besondere an der Pflegeproblematik wäre, dass hier, alltäglich erfahrbar, das Gebot der Humanität unversöhnlich mit dem System zusammenstieße. Können wir bei der Bewältigung der notwendigen Anstrengungen überhaupt noch unsere Wirtschaft am Laufen halten, immerhin die Grundlage unseres größtenteils auf Umlageverfahren beruhenden Sozialsystems? Welche Auswirkungen werden allein die jetzt schon absehbaren Zusatzversicherungen und Beitragserhöhungen auf die Kaufkraft haben? Außerdem wollen wir in den nächsten Jahren ja auch noch Europa retten, völlig zu Recht die Kinderbetreuung ausbauen, die Bildung verbessern und die Energiewende schaffen, und das alles bei angezogener Schuldenbremse.

          Doch es wäre unklug, vorschnell schwarzzusehen. Schließlich bedeutete es einen gesellschaftlichen Fortschritt ohnegleichen, wenn es uns gelänge, gesund immer älter zu werden. Das Pflegeproblem zum Beispiel könnte sich abmildern, wenn sich herausstellte, dass sich das Ausbrechen von Alzheimer und andere Demenzformen mit steigender Lebenserwartung nach hinten verschöbe oder, was man jetzt schon im kleinen Rahmen schafft, durch Medikamente zuverlässig verzögern ließe, und sei es nur um ein Jahr oder zwei. Von beidem ist Konrad Beyreuther, einer der weltweit führenden Alzheimer-Forscher, fest überzeugt. „Die Statistiken berücksichtigen nicht den Fortschritt in der Wissenschaft“, sagt er im Gespräch, „der wird aber kommen, da bin ich sicher.“ Auch wenn die Forschung laut dem Welt-Alzheimer-Bericht 2009 noch klar auf Herzkrankheiten und Krebs konzentriert ist, publizieren inzwischen schon ein Fünftel der 135 000 Neurowissenschaftler weltweit über Alzheimer. „Auf tausend Patienten kommt ein Forscher, das ist ein gutes Verhältnis“, sagt Beyreuther. Und auch für die sekundäre Vorsorge in der Zeit nach der Diagnose sieht er erhebliches Verbesserungspotential. Es sei auch noch gar nicht ausgemacht, ob die Lebenserwartung überhaupt weiter steige: „Vielleicht haben wir das Potential ja schon annähernd ausgeschöpft.“ Der Optimismus des 71 Jahre alten Forschers hat etwas Mitreißendes. Würden die erhofften positiven Effekte eintreten, würde unsere Gesellschaft zwar immer noch altern, ihre Pflegeanstrengungen sie aber gerade beim Babyboomer-Durchschlag um das Jahr 2040 nicht in die Knie zwingen.

          Insekten statt Fisch

          Zurück zum Anfang: Wie sind, vom Jahr 2012 aus gesehen, die Familien von Ingrid und Claudia in die Lage gekommen, die sie 2030 vor solch große Probleme stellt?

          Im Jahr 2015 feierte Thomas seinen fünfzigsten Geburtstag. Alle waren gekommen: Claudias Eltern und Thorsten mit Kindern, die Eltern des Jubilars - Peter und Renate, beide über siebzig, und aus der Schweiz Thomas’ Bruder Frank, zwei Jahre jünger, Maschinenbauer, verheiratet, ein Kind. Tischgespräch war die kürzlich eingeführte staatliche Förderung der privaten Pflegevorsorge. Außer den Eltern von Thomas hatte bis jetzt noch niemand zugegriffen, Klaus und Ingrid waren der Versicherung zu alt und zu krank, die zusätzliche Vorsorge wäre sie zu teuer gekommen. Frank schmähte seine deutschen Verwandten, weil sie darüber überhaupt nachdächten: In der Schweiz gebe es nicht einmal eine explizite gesetzliche Pflegeversicherung. Aus seiner Sicht zahlten Familien bei einer Zusatzversicherung doppelt: neben dem eigentlichen gesetzlichen Beitrag den generativen für die späteren Träger der gesetzlichen Versicherung - die eigenen Kinder - und zusätzlich den für die private Absicherung. Thomas sagte, ihm fehle die Motivation zur Zusatzvorsorge, denn der Bedarfsfall sei viel unwahrscheinlicher als bei der Rente. Thorsten setzte auf die Solidarität unter den deutschen Senioren der Zukunft. Allgemeines Gelächter. Anna wollte in Kürze Abitur machen und Medizin studieren. Alle rieten ihr zu, die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt galten als glänzend. Und einen Mediziner in der Familie könnte man immer gebrauchen.

          Fünf Jahre später: 2020 war in Deutschland das große Abrechnungsjahr für die Energieeinsparung. Die Treibhausgase sollten um vierzig Prozent vermindert werden, der Energieanteil am Stromverbrauch von Sonne, Wind und Co. satte 35 Prozent betragen. Der Wärmebedarf des Gebäudebestands sollte in den letzten zehn Jahren um zwanzig Prozent gesunken sein, eine Million Elektroautos auf deutschen Straßen fahren - zwei Jahre später sollte der Ausstieg aus der Atomenergie vollzogen sein. Polen wollte zur gleichen Zeit in die Atomkraft einsteigen. Die Renten im Osten fielen teilweise unter das Grundsicherungsniveau. Thomas’ älteste Babyboomer-Kohorten-Kollegen standen kurz vor der Rente.

          In den Supermärkten gab es neuerdings - die WHO riet zu - getrocknete Insekten als Alternative zu Fleisch und dem knapp gewordenen Fisch. Die Presse meldete, dass die Gesundheitsausgaben drastisch zugenommen hätten, eine weitere Erhöhung der Krankenversicherungsbeiträge schien unvermeidlich.

          Anna, die in Kürze ihr Medizinstudium abschließen wird, spielte mit dem Gedanken, nach Nordamerika zu gehen. Thorsten schulte auf Altenpfleger um. Alte Leute pflegen sei zwar nicht sein Traumberuf, sagte er, aber dieser Arbeitsplatz sei wenigstens krisensicher, und die vielen jungen Kolleginnen aus dem Ausland munterten ihn auf. Seit einiger Zeit bereute er, dass er seine Kinder (damals vierzehn und sechzehn) in jungen Jahren nicht Chinesisch hatte lernen lassen. Hochqualifizierten stand die Zukunft offen.

          Indien, das 2020 ein entwickeltes Land sein wollte, schickte Menschen zum Mond, Russland wollte dort zur gleichen Zeit Helium-3 abbauen.

          Die Probleme sind online nicht zu lösen

          Das Jahr 2025 übergehen wir rasch. Thomas wurde sechzig, die Zahl der Erwerbsfähigen hatte in den letzten fünfzehn Jahren in Deutschland stark abgenommen, die der Fünfzig- bis Vierundsechzigjährigen stieg um fast zwei Millionen. Bei Klaus wurde 2027 eine Alzheimer-Erkankung per Bluttest festgestellt - ein neues Verfahren. Erfolgreich absolvierte er danach ein umfangreiches Therapieprogramm.

          Seine Notlage im Jahr 2030 kennen wir schon. Die Familie hat sie bewältigt. Durch Zufall ist eine Einheit in der Wohngemeinschaft von Peter und Renate frei geworden. Sie ist, anders als es in den zehner Jahren noch der Fall gewesen wäre, für die Familien bezahlbar, da alle Mitglieder nach entsprechender Schulung wichtige Betreuungsaufgaben übernehmen. Claudia legt Familienzeit ein, Thomas ist regelmäßig zu Hause, Thorsten tut, was er kann, und will in die Nähe ziehen. Die Gemeinschaft ist mit einem Kinderhort und einem Netzwerk freiwilliger Helfer verbunden, die hohe Kompetenz im Umgang mit Dementen besitzen. Überall in Deutschland gibt es inzwischen Pflegekurse, das Wissen über die Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass fast jeder auf der Straße einen Dementen an Gang und Verhalten erkennt. Demente sind keine Porzellanpuppen mehr, niemand hat Berührungsängste mit der Krankheit.

          Es wird, so Beyreuther, als erträglich gelten, Alzheimer im ersten Stadium zu haben. Im zweiten zieht man sich nicht zurück, sondern geht aktiv gegen die Krankheit vor, Heime für die dritte Phase wird es weiterhin geben. Es herrscht allenthalben zuversichtlicher Pragmatismus im Umgang mit der Krankheit, der sich in der schon seit 2012 erhältlichen Therapie-Robbe „Paro“ versinnbildlicht. Die Welt wird virtueller, aber die Probleme können nicht online gelöst werden.

          Solidarität, Optimismus, Kinder- und Forschungsfreundlichkeit gelten als Bürgerpflicht. Konrad Beyreuther sagt: „Unsere Gesellschaft kommt ja auch mit der Betreuung von Kindern zurecht, warum soll sie es nicht mit betreuungsbedürftigen Alten schaffen.“ Vielleicht entsteht durch die Überalterung und die durch sie geforderte gegenseitige Hilfe in einer paradoxen Kehrtwende sogar eine neue Kinderfreundlichkeit, denn - das ist nun wirklich ein Rechenexempel - eine Anhebung der Kinderzahl in Deutschland weit über die zu Beginn des Jahrhunderts übliche Ziffer von 1,4 pro Paar hinaus ist die Grundvoraussetzung für eine machbare Zukunft.

          Den Reichen geht es gut

          Dass eine solidarische Grundhaltung jetzt schon von vielen als das beste Rezept erkannt wird, zeigt der nicht zufällig bisher von mehr als sechs Millionen Zuschauern in Deutschland (und fast zwanzig Millionen in Frankreich) gesehene Film „Ziemlich beste Freunde“, in dem von einer Situation erzählt wird, wie sie uns in zwanzig Jahren häufig ereilen wird: Ein Pfegebedürftiger, der zwar kein Alzheimer hat, sondern querschnittsgelähmt ist, sucht einen Betreuer. Der Betreuungsaufwand entspricht dem für einen Schwerdementen. Nur einer tanzt aus der Bewerberreihe staatlich geprüfter Langweiler: ein junger Mann mit afrikanischen Wurzeln, der eigentlich nur eine Unterschrift fürs Sozialamt ergattern will, damit er weiter sein Arbeitslosengeld beziehen kann. Doch er gefällt dem Rollstuhlfahrer, weil er stark, unterhaltsam und, wie er selbst von sich sagt, pragmatisch ist. Zum Schluss kehrt der Pfleger, nachdem er die Laune gehoben hat und beide zu Freunden geworden sind, flexibel, wie ein Mann mit Herz es sein muss, zu seiner Familie zurück, die ihn jetzt nötiger braucht als der Freund. Allen geht es gut am Schluss.

          Der Nachteil dieses Happy Endings: Es stellt sich nur ein, weil der Pflegebedürftige, offenbar ein Kunsthändler, stinkreich ist. Woraus der Zuschauer abermals schließen kann, dass er neben der Solidarität auch die Rücklage im Auge behalten muss für eine ermutigende Gesellschaft 2030.

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