https://www.faz.net/-gqz-6yax7

Demenzszenario : 2030 - Odyssee in eine gealterte Gesellschaft

Die Statistiken verheißen nichts Gutes für das Jahr 2030. Es scheint für die alternde Gesellschaft nur einen Ausweg zu geben: Familiensinn, medizinischen Fortschritt, eine neue Beweglichkeit in der Gesellschaft, genügend Arbeit und Kinder, Kinder, Kinder Bild: Kat Menschik

Mit Europas Zukunft hat die Politik gerade alle Hände voll zu tun. Dabei vergisst sie die alternde Gesellschaft. Anhand seriöser Voraussagen entwerfen wir in einer erfundenen Familiengeschichte ein Demenz- und Gesellschaftsszenario für das Jahr 2030.

          Für das Jahr 2030 hat sich die Welt viel vorgenommen. Die Bundesregierung will dann schon seit acht Jahren den Ausstieg aus der Atomenergie vollzogen und sechs Millionen Elektroautos auf deutsche Straßen gebracht haben. Die ESA will bemannt auf den Mars fliegen, Saudi-Arabien hat wahrscheinlich sein letztes von sechzehn neuen Atomkraftwerken gebaut. Nach Schätzung der UN braucht die Welt mindestens fünfzig Prozent mehr Nahrung, etwa fünfzehn Prozent mehr Wasser und, so die IEA, dreißig Prozent mehr Energie als zu Beginn des Jahrtausends. Hart konkurrieren die entwickelten Länder um Facharbeiter aus aller Welt.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          In der Mitte des Jahres, irgendwo im Westen Deutschlands, erkennt Klaus W. plötzlich seine Frau nicht mehr. Nach der Alzheimer-Diagnose im Jahr 2027 hatten Medikamente seinen Zustand einigermaßen stabil gehalten. Jetzt kann er sich oft selbst nicht mehr helfen. Nach einer Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes ist er einer von etwa zwei Millionen Alzheimer-Kranken - zu Beginn des Jahrhunderts lag der Wert noch bei etwas mehr als einer Million -, gehört zu den 6,3 Millionen Deutschen über achtzig und den ungefähr drei Millionen Pflegebedürftigen des Landes. Seine Frau Ingrid kann ihn nicht mehr rund um die Uhr betreuen, sie ist selbst schon Mitte achtzig, leidet an Zucker und hat ein schwaches Herz. Jahrelang hat sie als Altenpflegerin gearbeitet, den Mann in Schwächephasen unterstützt, jetzt fehlt ihr die Kraft für intensive Pflege.

          Die Lage wird sich weiter zuspitzen

          Sie beruft den Familienrat ein, Sohn, Tochter und Schwiegersohn; Letztere wohnen in der Nähe. Klaus soll im Familienverband gepflegt werden. Das ist jedoch in keinem der zur Familie gehörenden Häuser möglich, sie sind zu klein und für die nötige Barrierefreiheit ungeeignet. Die finanzielle Lage ist bei allen angespannt. Klaus war angestellter Handwerker, außer einem sanierungsbedürftigen Haus gibt es kaum Vermögenswerte oder Ersparnisse, die gemeinsame Durchschnittsrente reicht, wie von Fachleuten seit Jahrzehnten vorausgesagt, nur für das Nötigste. Die Leistungen der gesetzlichen Versicherung, die in den letzten Jahren mehrfach angepasst werden mussten, wären zu knapp für ausreichende Betreuung. Trotz staatlicher Förderung haben sich die W.s nicht zusatzversichert.

          Nicht besser steht es finanziell um die Kleinfamilie von Tochter Claudia und deren Mann Thomas, man zahlt noch das Eigenheim ab. Thomas - ein später Babyboomer - steht kurz vor der Rente mit, das raten wir jetzt, 68 Jahren, Claudia hat gerade wegen des starken Rückgangs der Erwerbsfähigenzahl in Deutschland problemlos auf Vollzeit aufstocken können. Eigentlich war das zusätzliche Einkommen dafür gedacht, regelmäßig die Tochter Anna in Kanada zu besuchen; sie arbeitet dort in der medizinischen Forschung und hat gerade ein Kind bekommen, den ersten Urenkel von Klaus. Kaum haben Claudia und Thomas die Ausbildungskosten für Anna beglichen, stehen sie nun abermals in der Pflicht. Die Lage wird sich, das wissen sie, aller Voraussicht nach weiter zuspitzen.

          Weitere Themen

          Russischer Ort streitet über Stalin-Statue Video-Seite öffnen

          Aufstellen oder nicht? : Russischer Ort streitet über Stalin-Statue

          Seitdem in der russischen Ortschaft Kusa eine alte Stalin-Statue in einem Teich entdeckt wurde, spaltet sie das Städtchen. Soll sie am alten Ort wieder aufgestellt werden, wie das der kommunistische Aktivist Stanislaw Stafejew fordert? Oder sollte sie lieber ins Museum?

          Topmeldungen

          Erdgas-Streit mit der EU : „Erdogan fährt eine Kamikaze-Politik“

          Die EU-Außenminister haben Sanktionen gegen die Türkei erlassen, weil sie vor der Küste von Zypern nach Gas bohrt. Ökonomieprofessor Erdal Yalcin spricht im F.A.Z.-Interview über die Abhängigkeit Ankaras und den Rückhalt für Erdogan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.