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Demenzszenario : 2030 - Odyssee in eine gealterte Gesellschaft

Die Probleme sind online nicht zu lösen

Das Jahr 2025 übergehen wir rasch. Thomas wurde sechzig, die Zahl der Erwerbsfähigen hatte in den letzten fünfzehn Jahren in Deutschland stark abgenommen, die der Fünfzig- bis Vierundsechzigjährigen stieg um fast zwei Millionen. Bei Klaus wurde 2027 eine Alzheimer-Erkankung per Bluttest festgestellt - ein neues Verfahren. Erfolgreich absolvierte er danach ein umfangreiches Therapieprogramm.

Seine Notlage im Jahr 2030 kennen wir schon. Die Familie hat sie bewältigt. Durch Zufall ist eine Einheit in der Wohngemeinschaft von Peter und Renate frei geworden. Sie ist, anders als es in den zehner Jahren noch der Fall gewesen wäre, für die Familien bezahlbar, da alle Mitglieder nach entsprechender Schulung wichtige Betreuungsaufgaben übernehmen. Claudia legt Familienzeit ein, Thomas ist regelmäßig zu Hause, Thorsten tut, was er kann, und will in die Nähe ziehen. Die Gemeinschaft ist mit einem Kinderhort und einem Netzwerk freiwilliger Helfer verbunden, die hohe Kompetenz im Umgang mit Dementen besitzen. Überall in Deutschland gibt es inzwischen Pflegekurse, das Wissen über die Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass fast jeder auf der Straße einen Dementen an Gang und Verhalten erkennt. Demente sind keine Porzellanpuppen mehr, niemand hat Berührungsängste mit der Krankheit.

Es wird, so Beyreuther, als erträglich gelten, Alzheimer im ersten Stadium zu haben. Im zweiten zieht man sich nicht zurück, sondern geht aktiv gegen die Krankheit vor, Heime für die dritte Phase wird es weiterhin geben. Es herrscht allenthalben zuversichtlicher Pragmatismus im Umgang mit der Krankheit, der sich in der schon seit 2012 erhältlichen Therapie-Robbe „Paro“ versinnbildlicht. Die Welt wird virtueller, aber die Probleme können nicht online gelöst werden.

Solidarität, Optimismus, Kinder- und Forschungsfreundlichkeit gelten als Bürgerpflicht. Konrad Beyreuther sagt: „Unsere Gesellschaft kommt ja auch mit der Betreuung von Kindern zurecht, warum soll sie es nicht mit betreuungsbedürftigen Alten schaffen.“ Vielleicht entsteht durch die Überalterung und die durch sie geforderte gegenseitige Hilfe in einer paradoxen Kehrtwende sogar eine neue Kinderfreundlichkeit, denn - das ist nun wirklich ein Rechenexempel - eine Anhebung der Kinderzahl in Deutschland weit über die zu Beginn des Jahrhunderts übliche Ziffer von 1,4 pro Paar hinaus ist die Grundvoraussetzung für eine machbare Zukunft.

Den Reichen geht es gut

Dass eine solidarische Grundhaltung jetzt schon von vielen als das beste Rezept erkannt wird, zeigt der nicht zufällig bisher von mehr als sechs Millionen Zuschauern in Deutschland (und fast zwanzig Millionen in Frankreich) gesehene Film „Ziemlich beste Freunde“, in dem von einer Situation erzählt wird, wie sie uns in zwanzig Jahren häufig ereilen wird: Ein Pfegebedürftiger, der zwar kein Alzheimer hat, sondern querschnittsgelähmt ist, sucht einen Betreuer. Der Betreuungsaufwand entspricht dem für einen Schwerdementen. Nur einer tanzt aus der Bewerberreihe staatlich geprüfter Langweiler: ein junger Mann mit afrikanischen Wurzeln, der eigentlich nur eine Unterschrift fürs Sozialamt ergattern will, damit er weiter sein Arbeitslosengeld beziehen kann. Doch er gefällt dem Rollstuhlfahrer, weil er stark, unterhaltsam und, wie er selbst von sich sagt, pragmatisch ist. Zum Schluss kehrt der Pfleger, nachdem er die Laune gehoben hat und beide zu Freunden geworden sind, flexibel, wie ein Mann mit Herz es sein muss, zu seiner Familie zurück, die ihn jetzt nötiger braucht als der Freund. Allen geht es gut am Schluss.

Der Nachteil dieses Happy Endings: Es stellt sich nur ein, weil der Pflegebedürftige, offenbar ein Kunsthändler, stinkreich ist. Woraus der Zuschauer abermals schließen kann, dass er neben der Solidarität auch die Rücklage im Auge behalten muss für eine ermutigende Gesellschaft 2030.

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