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Demenzszenario : 2030 - Odyssee in eine gealterte Gesellschaft

Die fehlenden Pflegekräfte einfach zu importieren, wie im privaten Graubereich schon seit Jahren üblich, wird immer schwieriger. Laut dem Welt-Alzheimer-Bericht 2010 wird die Zahl der Demenz-Erkrankungen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen in den nächsten Jahren schneller steigen als in den Industriestaaten. Die Pfleger aus ärmeren Ländern werden in der Heimat gebraucht.

Bei angezogener Schuldenbremse

Lässt man die Aussage des Berlin-Instituts auf sich wirken, kommt man nicht umhin, sich vorzustellen, in welch kurzer Zeit unsere Gesellschaft jetzt eigentlich solidarisch zusammenrücken müsste, schon aus Vernunftgründen. Und gelegentlich hört man bei dieser Vorstellung sogar einen Seufzer der Erleichterung. Der Pflege ins Auge schauen bedeutet, trotz allem Wachstumsstreben eine natürliche Rückgangsbewegung zu akzeptieren, eine Tendenz, die viele dem Kapitalismus der Zukunft ohnehin nahelegen. Das Besondere an der Pflegeproblematik wäre, dass hier, alltäglich erfahrbar, das Gebot der Humanität unversöhnlich mit dem System zusammenstieße. Können wir bei der Bewältigung der notwendigen Anstrengungen überhaupt noch unsere Wirtschaft am Laufen halten, immerhin die Grundlage unseres größtenteils auf Umlageverfahren beruhenden Sozialsystems? Welche Auswirkungen werden allein die jetzt schon absehbaren Zusatzversicherungen und Beitragserhöhungen auf die Kaufkraft haben? Außerdem wollen wir in den nächsten Jahren ja auch noch Europa retten, völlig zu Recht die Kinderbetreuung ausbauen, die Bildung verbessern und die Energiewende schaffen, und das alles bei angezogener Schuldenbremse.

Doch es wäre unklug, vorschnell schwarzzusehen. Schließlich bedeutete es einen gesellschaftlichen Fortschritt ohnegleichen, wenn es uns gelänge, gesund immer älter zu werden. Das Pflegeproblem zum Beispiel könnte sich abmildern, wenn sich herausstellte, dass sich das Ausbrechen von Alzheimer und andere Demenzformen mit steigender Lebenserwartung nach hinten verschöbe oder, was man jetzt schon im kleinen Rahmen schafft, durch Medikamente zuverlässig verzögern ließe, und sei es nur um ein Jahr oder zwei. Von beidem ist Konrad Beyreuther, einer der weltweit führenden Alzheimer-Forscher, fest überzeugt. „Die Statistiken berücksichtigen nicht den Fortschritt in der Wissenschaft“, sagt er im Gespräch, „der wird aber kommen, da bin ich sicher.“ Auch wenn die Forschung laut dem Welt-Alzheimer-Bericht 2009 noch klar auf Herzkrankheiten und Krebs konzentriert ist, publizieren inzwischen schon ein Fünftel der 135 000 Neurowissenschaftler weltweit über Alzheimer. „Auf tausend Patienten kommt ein Forscher, das ist ein gutes Verhältnis“, sagt Beyreuther. Und auch für die sekundäre Vorsorge in der Zeit nach der Diagnose sieht er erhebliches Verbesserungspotential. Es sei auch noch gar nicht ausgemacht, ob die Lebenserwartung überhaupt weiter steige: „Vielleicht haben wir das Potential ja schon annähernd ausgeschöpft.“ Der Optimismus des 71 Jahre alten Forschers hat etwas Mitreißendes. Würden die erhofften positiven Effekte eintreten, würde unsere Gesellschaft zwar immer noch altern, ihre Pflegeanstrengungen sie aber gerade beim Babyboomer-Durchschlag um das Jahr 2040 nicht in die Knie zwingen.

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