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Demenzszenario : 2030 - Odyssee in eine gealterte Gesellschaft

Darüber hinaus will die Regierung laut Koalitionsvertrag eine steuerliche Förderung privater Zusatzvorsorge etablieren, die sinnvoll erscheint, weil die gesetzliche Pflegeversicherung als eine Art Teilkaskoversicherung konzipiert ist - laut dem Robert-Koch-Institut deckt sie nur etwa dreißig Prozent der tatsächlich anfallenden Kosten ab. Den Rest bringen die Familien oder im Notfall die Sozialhilfe auf, zu einem geringen Teil die Krankenversicherung. Oft fallen bei erhöhtem Pflegebedarf heute schon das Eigenheim oder die Ersparnisse zum Opfer. Konkretisiert wurden die angekündigten Pläne für eine Förderung privater Pflegevorsorge bisher nicht, lediglich das zuständige Ministerium hat gewechselt - hin zu den Finanzen -, und es steht fest, dass die Zusatzversicherung freiwillig sein soll.

Kein langlebiges Polster

Da verlorene Einzahlungsjahre teuer zu stehen kommen, drängt die Zeit hierbei mindestens ebenso wie bei der Schaffung von Rückstellungen für den Zeitraum von 2020 an, in dem die Babyboomer das kritische Alter von Rente und möglicher Pflegebedürftigkeit erreichen. Erschwerend hinzu kommt, dass der Begriff der Pflegebedürftigkeit, welcher der gesetzlichen Versicherung zugrunde liegt, dringend reformbedürftig ist. Er ist zu stark an körperlichen Gebrechen orientiert und benachteiligt vor allem Demenzkranke, die laut Statistischem Bundesamt inzwischen gut zwei Drittel der mehr als 700 000 Pflegebedürftigen in deutschen Heimen ausmachen und im Spätstadium rund um die Uhr betreut werden müssen. Ein Expertenbeirat hatte vor zwei Jahren einen neuen Pflegebegriff definiert, die Überarbeitung ist von der Regierung seither angekündigt, aber nicht vollzogen worden. Ihre Auswirkung auf die Kalkulation der bis dato mit einem Mittelbestand von mehr als fünf Milliarden Euro versehenen gesetzlichen Pflegeversicherung (bei jährlichen Ausgaben von etwa zwanzig Milliarden) ist unklar; das teuerste Szenario geht von vier Milliarden Euro Mehrkosten jährlich aus. Es wäre vorschnell, den sich guter Konjunktur verdankenden Überschuss als langlebiges Polster zu preisen.

Beim Thema Pflege und Demenz sind wir mittendrin im Schlamassel unserer alternden Gesellschaft. Dabei ist es paradox: Zwar hat Deutschland eine zumindest grob umrissene Strategie für das Zukunftsthema „Energiewende“ - erst vor einigen Tagen wurden zusätzliche Mittel für die Gebäudesanierung bereitgestellt -, es hat aber, was WHO und Gesundheitsverbände seit Jahren fordern, keine nationale Demenz-Strategie. „Demenz ist eine der bedeutendsten gesellschaftlichen, gesundheitlichen und ökonomischen Risiken des 21. Jahrhunderts“, sagt die WHO, und die Welt-Alzheimer-Gesellschaft errechnet, dass durch Demenz weltweit jährliche Gesamtkosten von 600 Milliarden Dollar anfallen, was in etwa dem Bruttoinlandsprodukt der Türkei oder einem Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung entspräche. Warum hat Deutschland nicht schon längst einen Demenz-Beauftragten, einen Bundespräsidenten der Weißhaarigen, jemanden wie Henning Scherf, der 2030 immerhin fast zehn Prozent der Bevölkerung über achtzig repräsentieren würde?

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