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Ulrich Beck wird siebzig : Riskante Zeiten und das Chaos der Liebe

Deuter der Zweiten Moderne: Ulrich Beck Bild: Andreas Müller

Ein Soziologe, der Zeitkritik mit emphatischer Schaffenskraft und Lebenslust verknüpft: Ulrich Beck zum siebzigsten Geburtstag.

          3 Min.

          Sein großer Wurf war das Buch „Risikogesellschaft“, ein soziologischer Weltbestseller, mit dem Ulrich Beck seit dessen Erscheinen im Jahr 1986 als Zeitdeuter Furore machte. „Risikogesellschaft“ war das Buch der Stunde. Unmittelbar vor der Tschernobyl-Atomkatastrophe verfasst, die nun wie eine makabre historische Beglaubigung des Textes wirkte, und kraftvoll hineingeschrieben in die letzten Zuckungen der abgelebten Fortschritts- und Wachstumsideologie, schien dieses Buch die neue Zeit auf den Begriff zu bringen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit der Akzentuierung des Risikos spannte Beck die Frage auf, was es heißt, unter Unsicherheit zu handeln, wenn sich mit dem Wissen, welches wir erwerben, immer mehr Nichtwissen verbindet; wenn die Interdependenzen immer unüberschaubarer werden; und wenn die Folgendiskussion es daher zunehmend mit den unbeabsichtigten Nebenfolgen zu tun hat, welche die Rede von der Hauptfolge obsolet zu machen drohen.

          Die Inflation drohender Katastrophen

          Bis heute nimmt der Begriff des Risikos in Becks Theoriedesign eine Zentralstellung ein, dem alle neu auftretenden Weltprobleme zugerechnet werden - Terrorrisiko, Klimawandelrisiko und so weiter -, bis sich uns ein Weltkatastrophenszenario bietet, dessen Drohpotential mit gestaffeltem Steigerungsquotienten auch die noch nicht eingetretenen, aber möglichen Katastrophen umfasst: „Wir haben es mit einer Inflation drohender Katastrophen zu tun, wobei die eine Katastrophe der anderen den Rang abzulaufen droht“, wie Beck unlängst erklärte.

          Längst schrieb der langjährige Direktor des Soziologischen Instituts der Uni München deshalb die „Risikogesellschaft“ als „Weltrisikogesellschaft“ (2007) fort, eine Paradigmenerweiterung, dem „kosmopolitischen Blick“ entsprungen, wie das Thema einer Monographie von 2004 lautete, der Beck im selben Jahr „Das kosmopolitische Europa“ an die Seite stellte und damit seinen Reigen einflussreicher europapolitischer Einlassungen eröffnete.

          Freiheit und Individualisierung

          Beck, der als Gastprofessor auch an der London School of Economics and Political Science (LSE) wirkte und vielfach die Ehrendoktorwürde erhielt, versteht sich in einem emphatischen Sinne als Theoretiker der Moderne. Soweit sie das Reflexivwerden ihrer Bedingungen umgreift, nennt er sie auch „Zweite Moderne“. Stehen hier also die klugen Modernen den dummen Modernen gegenüber? Nein, natürlich haben auch die Menschen der ersten Moderne schon nachgedacht, antwortet Beck. Sie seien aber noch nicht im selben Ausmaß wie spätere Generationen mit der Auflösung ihrer Traditionsbestände konfrontiert gewesen, genauer: mit der Einsicht in deren soziales Gewordensein. Und an dieser Stelle wird Beck zum existentialistischen Geworfenheits-Begeisterter, der von der Individualisierung nicht bloß als soziologischem Theorem, sondern nachgerade als Heilsbotschaft zu reden weiß.

          Freiheit und Individualisierung fallen in dieser Sicht zusammen, und das rief alsbald kritische Stimmen auf den Plan, die Individualisierung nicht nur als Phänomen linearer Freiheitsentfaltung begreifen, sondern nicht minder als ein Phänomen komplementärer Konformismen und Pathologien. Beck stellte klar, dass in seinem Individualisierungstheorem immer schon das Modul des Risikos eingebaut sei, etwa wenn er in „Eigenes Leben“ (1995) zur Biographie der zweiten Moderne erklärt: „Die Normalbiographie wird zur Wahlbiographie, zur ,Bastelbiographie‘ (Hitzler), zur Risikobiographie, zur Bruch- oder Zusammenbruchsbiographie“ (siehe dazu auch Titel wie „Das ganz normale Chaos der Liebe“ oder die Verwerfungen in „Fernliebe“). Auch jene „Weltkurzsichtigkeit“ (Miriam Meckel), zu der die algorithmische Individualisierung führt, nimmt Beck als digitales Freiheitsrisiko auf.

          Wohlmeinend könnte man ihm freilich eine Art methodologische Ahistorizität unterstellen. Wie er gelegentlich die begriffliche Strenge zugunsten des Ausladend-Expressiven in den Hintergrund treten lässt, so blendet Beck auf weiten Strecken aus, dass Individualisierung natürlich nicht erst mit der Suhrkamp-Edition Zweite Moderne begann. „Durch die ganze Neuzeit geht das Suchen des Individuums nach sich selbst“, schreibt Georg Simmel im Jahre 1910 zu den historischen Linien der Individualisierung. „Der große weltgeschichtliche Gedanke, dass nicht nur die Gleichheit der Menschen, sondern auch ihre Verschiedenheit eine sittliche Forderung sei, wird durch Schleiermacher zum Drehpunkt einer Weltanschauung. Für diesen Individualismus - man könnte ihn den qualitativen gegenüber dem numerischen des 18. Jahrhunderts nennen - war die Romantik vielleicht der breiteste Kanal, durch den er in das Bewusstsein des 19. Jahrhunderts einfloss.“

          Romantiker im Herzen ist auch Beck geblieben. Wer das Vergnügen hat, mit ihm in einem der Münchner Biergärten beisammenzusitzen, wird angesteckt von seinem sonnigen, selbstironischen Gemüt. Am heutigen Donnerstag wird Ulrich Beck siebzig.

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