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Ernst-Ludwig Winnacker achtzig : Kind der biologischen Revolution

Ernst-Ludwig Winnacker. Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Wissenschaftler Ernst-Ludwig Winnacker widmete sein Forscherleben den Viren. Die Generation der mRNA- und Vektorimpfstoffe gegen Covid-19 wäre ohne Pioniere wie ihn nicht möglich. Heute wird er achtzig.

          2 Min.

          Viel von dem Ansehenskapital, das seit Beginn der Pandemie aufseiten einiger Wissenschaften hinzugewonnen wurde, hat eine lange Vorgeschichte. An ihr ist Ernst-Ludwig Winnacker wesentlich beteiligt. Nicht alles daran jedoch genießt jene Popularität, wie sie für die Virologie zweifelsohne festzuhalten ist. Winnacker, der in Frankfurt gebürtige Biochemiker, Sohn des ehemaligen Hoechst-Vorstandsvorsitzenden Karl Winnacker, ist ein Kind der molekularbiologischen Revolution.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die erfolgreiche neue Impfstoffgeneration der mRNA- und Vektorimpfstoffe gegen Covid-19 wäre ohne das tiefe Verständnis der Materie, die hinter der Vererbung und dem fahrlässigerweise oft immer noch verpönten mechanistischen Weltbild dieser Forschergeneration steht, praktisch unmöglich. Das Gen als zentrale Informationseinheit des Lebens war Gegenstand einiger erfolgreicher Bücher Winnackers. Und es hat etwas ausgelöst, das in seiner gesellschaftlichen und politischen Reichweite von wenigen so klar und früh erkannt wurde wie von Winnacker.

          Heute, da plötzlich jeder mit Begriffen wie Virus-Varianten und Mutationen hantiert, ist das leicht nachzuvollziehen. Damals Ende der sechziger und in den siebziger Jahren, als Winnacker anfing, zuerst an der ETH Zürich, anschließend an der University of California in Berkeley, kurz darauf am Karolinska-Insitut in Stockholm und schließlich 1972 als Assistent am Institut für Genetik der Universität Köln, den „Lebensfaden“ biochemisch zu entwirren, da wurde ein Geist entfacht, wie er heute am ehesten vielleicht mit den fantastischen bis gruseligen Entwürfen in der Künstlichen Intelligenz zu vergleichen ist. Winnacker ging 1977 als Professor von Köln an die Universität München. Er war damit, wenn man so will, Geburtshelfer von zwei der bald vier deutschen Genzen­tren. Und es sollten nicht seine einzigen wissenschaftlichen Hebammendienste bleiben.

          Start-up-Gründer und Vermittler

          Aus dem jungen Biochemiker, der sich im Labor intensiv mit Zellen, Viren und fehlgefalteten Eiweißen beschäftigte, wurde alsbald ein Start-up-Gründer und geschickter Vermittler – heute würde man sagen Kommunikator. Kein Diplomat, denn Winnacker ist kein Drumherumredner. Seine gelegentlich scharf geschliffene Sprache, die dann von ebenso scharfer Ironie pointiert wird, verrät seinen markantesten Zug, der ihn schon als Nachwuchspianist mit Konzertambitionen ausgezeichnet haben muss: Zielstrebigkeit und ein Wille zur bedingungslosen Exzellenz.

          Seine Berührungen schließlich zur Politik und Wirtschaft waren mit Beginn seiner Münchener Zeit so zahl- und erfolgreich, dass er sich damit über die Jahre einen bis heute fast beispiellosen Einfluss in praktisch allen gesellschaftlichen Sphären sicherte. Winnacker prägte zuerst die Enquetekommission zu Chancen und Risiken der Gentechnologie, wurde 1998 für acht Jahre zum Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, machte sie als zentralen Forschungsförderer noch mächtiger und unabhängiger von den Landesfürsten und wurde schließlich als erster Generalsekretär des Europäischen Forschungsrates an eine Schlüsselstelle für die zumindest quantitativ hinter die USA und China zurückgefallene Spitzenforschung auf dem Kontinent berufen. So jedenfalls Winnackers Hoffnung und nicht nur die seine. Doch der Versuch, den Nationen-Proporz zugunsten einer hochselektiven Elitenforschung herauszuhalten, erwies sich für ihn als „Schocktherapie“.

          Die Begegnung mit den Brüsseler „Eliten“ wurde zum Desaster. Gesellschaftlich und vor allem biopolitisch hingegen blieb sein Einfluss auch als Emeritus ungeschmälert. Er führte die Großdebatte um die Stammzellforschung im Land fort, die er als DFG-Präsident initiiert hatte, erreichte Erleichterungen für Forscher und wurde als internationaler Prüfer des zwischenzeitlich von einem Skandälchen geschüttelten Weltklimarats berufen. Vor wenigen Wochen bewies er als Arbeits­gruppenmitglied der Leopoldina-Stellungnahme zugunsten einer breiteren Grundlagenforschung mit „überzähligen“ In-vitro-Embryonen, wie sehr ihm am Anschluss an die internationale Spitzenforschung mit Blick auf die Revolutionen in den Lebenswissenschaften gelegen ist. Ein neues Buch über „Mein Leben mit Viren“ soll dieses Ansinnen auch für jeden sichtbar unterstreichen. An diesem Montag feiert Ernst-Ludwig-Winnacker seinen achtzigsten Geburtstag.

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