https://www.faz.net/-gqz-shwh

Debatte : Wenn das Wort Nation fällt, kommt der Arzt

  • Aktualisiert am

„Man fühlt sich doch den eigenen Leuten näher”: Matthias Matussek Bild: F.A.Z.-Christian Thiel

Sein Buch „Wir Deutschen“ hat eine Debatte über Patriotismus ausgelöst. Autor Matthias Matussek über seinen Stolz auf Dürer, Heines Luftreich der Träume und die Marke Deutschland.

          Sein Buch „Wir Deutschen“ hat eine Debatte über Patriotismus ausgelöst. Autor Matthias Matussek über seinen Stolz auf Dürer, Heines Luftreich der Träume und die Marke Deutschland.

          Jahrzehntelang, so schreiben Sie in Ihrem Buch, sei „Nie wieder Deutschland!“ unter den Intellektuellen eine mehrheitsfähige Parole gewesen. Glauben Sie das wirklich?

          Ja. Gerade habe ich eine Kultursendung erlebt, in der über das Cover meines Buches hinweggeschwenkt wurde, und dann wurde sofort ein Psychiater interviewt und danach ein ehrwürdiger Historiker, der vor nationalen Räuschen warnte. Wenn hierzulande das Wort Nation fällt, wird sofort nach dem Bewährungshelfer, dem Soziologen oder dem Arzt gerufen. Mein Buch ist da so eine Art Lockerungstraining.

          Wozu brauchen wir denn eigentlich ein Nationalgefühl?

          Wir haben es, ob wir wollen oder nicht. Wir wünschen uns, daß Porsche im Lande bleibt und die Arbeitsplätze nicht nach Ungarn verlagert. Wir wollen, daß Deutschland Fußball-Weltmeister wird und nicht England. Wir identifizieren uns, aber meistens nur heimlich, weil wir es für unschicklich halten. Johannes Rau sagte einmal, daß sich bei ihm im Zusammenhang mit Nation das Wort „Stolz“ nicht ergeben will. Wohlgemerkt, unser Staatsoberhaupt druckste da so herum. Undenkbar so was in den USA, in Brasilien, in Großbritannien, wo ich die letzten Jahre gelebt habe.

          Das war doch ein ganz entspannter Satz von Johannes Rau.

          Finden Sie? Ich spüre da aus jeder Silbe die wahnsinnige Furcht, etwas Falsches zu sagen. Jeder Fehltritt ist der politische Tod. Doch in den Stürmen der Globalisierung, die auf uns zukommen, werden kulturelle Identitäten und Affirmationen wieder wichtiger. Das weiß jeder. Die USA, Großbritannien, Holland, Dänemark, alle Nationen stellen sich derzeit die Frage: Wer sind wir?

          Der verhältnismäßig kurzlebige deutsche Nationalstaat, 1871 in Versailles gegründet und 1945 untergegangen, ist nicht gerade das, worauf man stolz sein muß.

          Aber nicht nur. Wir haben auch tausend Jahre was anderes gemacht. Große Musik, große Dichtung, große Kunst. Den kategorischen Imperativ gedacht und das Penicillin erfunden. Im Vergleich zum Britischen Empire waren wir ein sehr friedliches Volk. Und sind es wieder. Es waren die Engländer, die gerade in den Irak-Krieg zogen, nicht die Deutschen.

          Selbst Ihr Pazifismus trumpft nationalistisch auf!

          Nation, wie ich sie verstehe, ist ein linker Begriff, kein rechter. Nation bedeutet nicht Angriff, sondern Verteidigung. Bedeutet zum Beispiel auch Widerstand gegen die Nivellierungen des globalen Marktes. Etwas Romantisches. Wie Heine sagte: Wir sind im Luftreich des Traums zu Hause.

          Vor fünfzehn Jahren haben Sie mit „Palasthotel“ Ihre Version der deutschen Einheit abgeliefert, ein ziemlich wildes Buch.

          Die Zeit war ja auch wild. Damals entstand Deutschland für mich. Vorher gab es nur West oder Ost, die Blöcke eben. Damals habe ich meine Frau kennengelernt. Sie war bei der FDJ.

          Auch das vorliegende Buch ist reichlich wild. Sie werden es nicht gerne hören: Es versprüht angelsächsischen Humor.

          Wieso soll ich das nicht gerne hören?

          Weil Sie den Engländern auch in Ihrem Buch bei jeder Gelegenheit vor die Schienbeine holzen. Warum hassen Sie sie so?

          Tu' ich ja gar nicht. Ich habe erkannt, daß es zur Folklore gehört, wenn sie die Deutschen immer noch als Nazikrauts beschimpfen. Ich schimpfe einfach zurück. Es ist wohl eines dieser ritualisierten Schreispiele afrikanischer Dorfplätze, die zur Aggressionsabfuhr dienen. Es macht Spaß.

          Ihr Bruder war Botschafter, und Sie waren Korrespondent in London. War das nicht kompliziert?

          Wir hatten im Laufe der Zeit eine ziemlich simple Arbeitsteilung: Ich beschimpfte die Briten, und er entschuldigte sich dafür. Allerdings: Der „Guardian“ hat mich letzte Woche um eine neue Arie gebeten. Scheint, daß sie meine Schimpfereien vermissen.

          Wann waren Sie zuletzt stolz, Deutscher zu sein?

          Bei der Dürer-Ausstellung in Madrid. Die Leute standen um den Block, um einen deutschen Maler aus dem 15. Jahrhundert zu sehen, visionär und handwerklich perfekt, der deutsche Handwerkerkünstler, das gibt es sonst nirgends.

          Das bestreitet doch auch niemand. Brauchen Dürer, Beethoven und Mozart Ihre Hilfe?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

          Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.
          Hans Kammler (Mitte) auf dem Weg zu einer rüstungstechnischen Anlage bei Ebensee (1944).

          „Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

          Hans Kammler gehörte zur engeren Führung des NS-Regimes. Er war mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.