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Debatte um Zölibat : Ehelosigkeit ist Dienst am Evangelium

  • -Aktualisiert am

Was ist von der oft zu lesenden Behauptung, der Zölibat sei kein Dogma, zu halten? Bild: dpa

Geist in der Flasche: Zeiten kirchlich-kultureller Blüte waren stets auch durch Treue zum Zölibat gekennzeichnet. Eine Antwort auf Hubert Wolfs Thesen.

          6 Min.

          Rechtzeitig vor Beginn der umstrittenen Amazonas-Synode, die für Oktober einberufen ist, erscheint ein Artikel von Hubert Wolf über den Zölibat: „Ehe und Weihe stehen nicht gegeneinander“. Niemand, der die gegenwärtige Situation der katholischen Kirche aufmerksam beobachtet, wird im Ernst glauben, dass es bei der Synode im Oktober wirklich um das Schicksal der Amazonaswälder und ihrer Bewohner – es sind nicht mehr als gerade die Hälfte der Einwohner von Mexiko-City – gehen soll. „Amazonas“ ist nur das Etikett – der „Geist in der Flasche“ heißt anders: radikaler Umbau der Kirche nach dem bekannten Programm.

          Ein Kernpunkt ist dabei der Zölibat. Wenn dieser fällt, so sagten schon die Gegner der Kirche im späteren neunzehnten Jahrhundert, dann ist auch die Kirche am Ende. In diese Strategie sind auch der Artikel und das neue Buch von Hubert Wolf einzureihen. Anstatt Wolfs einzelne Behauptungen kritisch zu würdigen, erscheint es zielführender, auf den wirklichen Sachverhalt zu verweisen. Da ist klarzustellen, dass die Zölibatsforderung an Kandidaten der höheren Weihen nicht einfach auf einem kirchlichen Gesetz beruht, das durch gesetzgeberischen Akt eines Papstes oder Konzils außer Kraft gesetzt oder abgeändert werden könnte.

          Die Apostel haben alles verlassen

          Auch die oft zu lesende Behauptung, der Zölibat sei kein Dogma, ist nicht schlüssig. In der Tat, der Zölibat ist nicht eine Lehre der Kirche. Wohl aber wird die Bereitschaft des Weihekandidaten gefordert, mit dem Priestertum sich auch die Lebensform Christi und seiner Apostel zu eigen zu machen. Ebendeshalb ist der Zölibat genuiner Inhalt der apostolischen Überlieferung. Diese ist, was die Apostel „durch mündliche Predigt, durch Beispiel und Unterweisung weitergeben, was sie aus Christi Mund, im Umgang mit ihm und durch sein Wirken empfangen oder was sie unter Eingebung des Heiligen Geistes gelernt hatten“. So lehrt es das II. Vatikanische Konzil. Dieser „Tradition“ kommt die gleiche Verbindlichkeit zu wie der Heiligen Schrift: Beide enthalten göttliche Offenbarung.

          Die ersten Jünger Jesu, die er dann Apostel (Gesandte) nannte, haben also nach Ausweis der Evangelien Haus, Hof, Frau und Kinder, Vater und Mutter verlassen, um Jesus nachzufolgen. Es wäre unverständlich anzunehmen, dass die Verfasser der Evangelien hier ein Ideal gezeichnet hätten, dem ihr eigenes tatsächliches Leben widersprochen hätte. Das „alles Verlassen“ um des Evangeliums willen ist jedenfalls die Lebensform der Jesus-Jünger des ersten Jahrhunderts. Nehmen wir noch den Apostel Paulus hinzu, der die Ehelosigkeit um des Dienstes an der „Sache Jesu“ willen hochschätzt, dann ist klar, dass die Ehelosigkeit dem Dienst am Evangelium entsprach – und entspricht.

          Im Übergang zur nachapostolischen Zeit von 70 nach Christus an entstanden zahlreiche Christengemeinden in den Städten, weshalb schon in den Briefen an Titus und Timotheus die Einsetzung von Presbytern – Ältesten – durch Handauflegung (Weihe) angeordnet wird. Vom Kandidaten wird nun unter anderem gefordert, er dürfe „nur einmal verheiratet“ gewesen sein, womit ein in zweiter Ehe Verheirateter ausgeschlossen wird.

          Zeiten kirchlich-kultureller Blüte

          Wie ist diese Einschränkung begründet? Man traute einem, der als Witwer nochmals heiratete, nicht zu, die vom Presbyter geforderte Enthaltsamkeit zu bewahren. Ebendeshalb weihte man Männer, die schon erwachsene Kinder hatten. So wurde vom Augenblick der Weihe an zwar das Familienleben fortgesetzt, nicht aber die eheliche, sexuelle Gemeinschaft.

          Dass dies gelebte Praxis war, lange bevor man sie in aller Form als Gesetz vorgab, ist evident. Es gibt deshalb auch keine Spur von Auseinandersetzungen darüber, wie sie im Gefolge eines neuen, autoritär übergestülpten Gesetzes zu erwarten gewesen wären. Indes ging man bald dazu über, nur noch unverheiratete jüngere Männer zu weihen. Es führt eine direkte Linie von den Worten und dem Beispiel Jesu und der Apostel über das Corpus Iuris Canonici des Mittelalters zum Codex Iuris Canonici vom Jahre 1983.

          Dieser Weg durch die Jahrhunderte führte zweifellos bergauf und bergab. Aber in der Rückschau ist deutlich, dass Zeiten kirchlich-kultureller Blüte stets auch durch Treue zum Zölibat gekennzeichnet waren – und umgekehrt. Da war etwa die Zeit Karls des Großen und seiner Nachkommen, die Zeiten der „Karolingischen Renaissance“, dann die kirchlich-kulturelle Blüte unter den Sachsenkaisern, die hier zu nennen wären.

          Das Ideal der Ehelosigkeit

          Alsdann zeugen die franziskanische Bewegung, der Orden des heiligen Dominikus, der sich in den entstehenden Universitäten epidemisch ausbreitete, und schon vorher die Gründung von Hunderten von Zisterzienserklöstern bis hinein nach Polen von der Anziehungskraft des Ideals der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen. Dies waren die mächtigen Impulse, aus denen die Kultur des hohen Mittelalters erblühte. Diese weite Landschaft des Wahren, Guten, Schönen, Heiligen verschwindet, wenn sich der Punktstrahler voyeurhaft auf jene natürlich auch vorhandenen Skandale richtet, die in unseren Tagen dazu dienen sollen, Institution, geistlichen Wert des priesterlichen Zölibats zu diskreditieren.

          Da kann von seriöser Geschichtswissenschaft ebenso wenig die Rede sein wie dort, wo nur Heiligenviten und Heldenlieder geschrieben werden. Mit welcher Begründung ignoriert Wolf die Ergebnisse anerkannter Autoren wie Henry Crouzel (1963), Roger Gryson (1970), Christian Cochini (1981/1990), Johannes Bours und Franz Kamphaus (1991), Alfons M.Stickler (1993), Stefan Heid (2003), Klaus Berger (2009) und Andreas Merkt (2015)?

          In welchem Abschnitt der Geschichte sich nun Licht und Schatten verhalten haben, mag diskutiert werden – aber, bitte, gemäß den Anforderungen der historisch-kritischen Methode und nicht unter dem Einfluss von Adrenalin. Nun aber wird in diesem Zusammenhang stets auf das Beispiel der orthodoxen oder mit Rom vereinten Kirchen byzantinisch-orientalischer Tradition verwiesen. Dort wird zwar von den Bischöfen, nicht aber von den Priestern die Ehelosigkeit gefordert, weshalb die Diakone in der Regel vor der Priesterweihe eine Ehe eingehen.

          Unterschiede zwischen Bischöfen und Priestern

          In dieser Praxis meinen „Reformkreise“ ein Modell zu erblicken, womit dem Priestermangel im lateinischen Westen abgeholfen werden könnte – ein Priestermangel, der, vergleicht man die Zahl der Priester mit jener der am kirchlichen Leben teilnehmenden Katholiken, eigentlich gar nicht besteht. In Wirklichkeit will man gar keine geweihten Priester mehr, die Martin Luther als bloße „Ölgötzen“ geschmäht hat, da doch alle Getauften als solche schon Papst, Bischof oder Priester seien.

          Doch an die ostkirchliche Regelung sind auch Fragen zu richten: Es ist bemerkenswert, dass für die Bischöfe der Zölibat nach wie vor verpflichtend ist, während für die Priester zwar die Ehe gestattet, wohl aber zur Vorbereitung auf die Eucharistiefeier für eine bestimmte Zahl von Tagen eheliche Enthaltsamkeit gefordert wird. Kommt in dieser Regelung nicht eine zwischen liturgisch-sakramentalem Tun und ehelicher Geschlechtsgemeinschaft bestehende Spannung zum Ausdruck?

          Als im Zuge der sowjetischen Unterdrückung der katholischen Kirche des östlichen Ritus in der Ukraine und angrenzenden Gebieten im Jahre 1946 zu Lemberg mittels einer von der Partei veranstalteten Pseudo-Synode diese katholischen Kirchen gewaltsam mit der russisch-orthodoxen Kirche vereinigt wurden, verharrten die Bischöfe bis zum Martyrium in der Treue zu Papst und Kirche. Hunderte von Priestern, nun mit der Alternative konfrontiert, entweder weiterhin im Amt verbleibend, ihre Familie ernähren zu können oder sie, der Kirche und ihrem Eid treu bleibend, ins Elend zu stürzen. Es ist leicht vorzustellen, welche Gewissensqualen diese Priester erlitten. Eine Wahl, der sie die Ehelosigkeit enthoben hätte.

          Das Verlangen nach Einheit

          Die beschriebene östliche Praxis wurde erst durch das Konzil von Konstantinopel 691 eingeführt. Die entsprechenden Bestimmungen waren auf kaiserliches Diktat hin erlassen worden, während sie die Zustimmung Roms zu keinem Zeitpunkt erlangten. In der Tat handelte es sich dabei um einen Bruch mit der apostolischen Tradition, den keiner der Päpste ratifizieren konnte. Mit der Verfestigung des Bruches zwischen Ost und West wurden auch in dieser Hinsicht vollendete Tatsachen geschaffen.

          Ein knappes halbes Jahrtausend danach entstand im Zuge der Wiedervereinigung von ehemals getrennten Bistümern mit der Kirche des Westens eine neue Situation. Wenn unter diesen Umständen die Päpste dem dortigen Klerus die Fortführung der bisherigen Praxis zugestanden, so geschah dies im höheren Interesse der wiedergewonnenen Einheit. Eine vergleichbare Situation ergab sich in unseren Tagen, als in der anglikanischen Welt ein breites Verlangen nach Einheit mit der Catholica auftrat und zur Rückkehr ganzer Pfarreien und Bistümer in die Gemeinschaft mit Rom führte. Es war Benedikt XVI., der angesichts dieser historischen Situation für die ehemals anglikanischen Geistlichen, die nun auch die Priesterweihe erstrebten, die Fortsetzung ihrer Ehen gestattete. Fortan dürfen aber nur zum Zölibat bereite Kandidaten zur Weihe zugelassen werden. Möglicherweise wäre dies auch eine zukunftsträchtige Lösung für den Osten gewesen.

          In den letzten hundertfünfzig Jahren gab es kaum einen Papst, der nicht Würde, geistige Schönheit und Fruchtbarkeit dieser Weise, Jesus nachzufolgen, hervorgehoben hätte. Der eigentliche Grund liegt im Wesen des Priestertums selbst. Der Priester, der am Altar das Opfer Christi feiert, tut dies „in Persona Christi“ und kraft des Weihesakraments, das er durch Handauflegung des Bischofs empfangen hat. Wer so existentiell in das Erlösungswerk Christi eingebunden ist, sollte er nicht auch in „Persona Christi“ leben, die Lebensform seines Meisters übernehmen?

          Über den Autor

          Walter Kardinal Brandmüller, 1929 in Ansbach geboren, leitete von 1998 bis 2009 das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaft.

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