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Debatte um Zölibat : Ehelosigkeit ist Dienst am Evangelium

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Doch an die ostkirchliche Regelung sind auch Fragen zu richten: Es ist bemerkenswert, dass für die Bischöfe der Zölibat nach wie vor verpflichtend ist, während für die Priester zwar die Ehe gestattet, wohl aber zur Vorbereitung auf die Eucharistiefeier für eine bestimmte Zahl von Tagen eheliche Enthaltsamkeit gefordert wird. Kommt in dieser Regelung nicht eine zwischen liturgisch-sakramentalem Tun und ehelicher Geschlechtsgemeinschaft bestehende Spannung zum Ausdruck?

Als im Zuge der sowjetischen Unterdrückung der katholischen Kirche des östlichen Ritus in der Ukraine und angrenzenden Gebieten im Jahre 1946 zu Lemberg mittels einer von der Partei veranstalteten Pseudo-Synode diese katholischen Kirchen gewaltsam mit der russisch-orthodoxen Kirche vereinigt wurden, verharrten die Bischöfe bis zum Martyrium in der Treue zu Papst und Kirche. Hunderte von Priestern, nun mit der Alternative konfrontiert, entweder weiterhin im Amt verbleibend, ihre Familie ernähren zu können oder sie, der Kirche und ihrem Eid treu bleibend, ins Elend zu stürzen. Es ist leicht vorzustellen, welche Gewissensqualen diese Priester erlitten. Eine Wahl, der sie die Ehelosigkeit enthoben hätte.

Das Verlangen nach Einheit

Die beschriebene östliche Praxis wurde erst durch das Konzil von Konstantinopel 691 eingeführt. Die entsprechenden Bestimmungen waren auf kaiserliches Diktat hin erlassen worden, während sie die Zustimmung Roms zu keinem Zeitpunkt erlangten. In der Tat handelte es sich dabei um einen Bruch mit der apostolischen Tradition, den keiner der Päpste ratifizieren konnte. Mit der Verfestigung des Bruches zwischen Ost und West wurden auch in dieser Hinsicht vollendete Tatsachen geschaffen.

Ein knappes halbes Jahrtausend danach entstand im Zuge der Wiedervereinigung von ehemals getrennten Bistümern mit der Kirche des Westens eine neue Situation. Wenn unter diesen Umständen die Päpste dem dortigen Klerus die Fortführung der bisherigen Praxis zugestanden, so geschah dies im höheren Interesse der wiedergewonnenen Einheit. Eine vergleichbare Situation ergab sich in unseren Tagen, als in der anglikanischen Welt ein breites Verlangen nach Einheit mit der Catholica auftrat und zur Rückkehr ganzer Pfarreien und Bistümer in die Gemeinschaft mit Rom führte. Es war Benedikt XVI., der angesichts dieser historischen Situation für die ehemals anglikanischen Geistlichen, die nun auch die Priesterweihe erstrebten, die Fortsetzung ihrer Ehen gestattete. Fortan dürfen aber nur zum Zölibat bereite Kandidaten zur Weihe zugelassen werden. Möglicherweise wäre dies auch eine zukunftsträchtige Lösung für den Osten gewesen.

In den letzten hundertfünfzig Jahren gab es kaum einen Papst, der nicht Würde, geistige Schönheit und Fruchtbarkeit dieser Weise, Jesus nachzufolgen, hervorgehoben hätte. Der eigentliche Grund liegt im Wesen des Priestertums selbst. Der Priester, der am Altar das Opfer Christi feiert, tut dies „in Persona Christi“ und kraft des Weihesakraments, das er durch Handauflegung des Bischofs empfangen hat. Wer so existentiell in das Erlösungswerk Christi eingebunden ist, sollte er nicht auch in „Persona Christi“ leben, die Lebensform seines Meisters übernehmen?

Über den Autor

Walter Kardinal Brandmüller, 1929 in Ansbach geboren, leitete von 1998 bis 2009 das Päpstliche Komitee für Geschichtswissenschaft.

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