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Debatte um Zölibat : Ehelosigkeit ist Dienst am Evangelium

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Zeiten kirchlich-kultureller Blüte

Wie ist diese Einschränkung begründet? Man traute einem, der als Witwer nochmals heiratete, nicht zu, die vom Presbyter geforderte Enthaltsamkeit zu bewahren. Ebendeshalb weihte man Männer, die schon erwachsene Kinder hatten. So wurde vom Augenblick der Weihe an zwar das Familienleben fortgesetzt, nicht aber die eheliche, sexuelle Gemeinschaft.

Dass dies gelebte Praxis war, lange bevor man sie in aller Form als Gesetz vorgab, ist evident. Es gibt deshalb auch keine Spur von Auseinandersetzungen darüber, wie sie im Gefolge eines neuen, autoritär übergestülpten Gesetzes zu erwarten gewesen wären. Indes ging man bald dazu über, nur noch unverheiratete jüngere Männer zu weihen. Es führt eine direkte Linie von den Worten und dem Beispiel Jesu und der Apostel über das Corpus Iuris Canonici des Mittelalters zum Codex Iuris Canonici vom Jahre 1983.

Dieser Weg durch die Jahrhunderte führte zweifellos bergauf und bergab. Aber in der Rückschau ist deutlich, dass Zeiten kirchlich-kultureller Blüte stets auch durch Treue zum Zölibat gekennzeichnet waren – und umgekehrt. Da war etwa die Zeit Karls des Großen und seiner Nachkommen, die Zeiten der „Karolingischen Renaissance“, dann die kirchlich-kulturelle Blüte unter den Sachsenkaisern, die hier zu nennen wären.

Das Ideal der Ehelosigkeit

Alsdann zeugen die franziskanische Bewegung, der Orden des heiligen Dominikus, der sich in den entstehenden Universitäten epidemisch ausbreitete, und schon vorher die Gründung von Hunderten von Zisterzienserklöstern bis hinein nach Polen von der Anziehungskraft des Ideals der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen. Dies waren die mächtigen Impulse, aus denen die Kultur des hohen Mittelalters erblühte. Diese weite Landschaft des Wahren, Guten, Schönen, Heiligen verschwindet, wenn sich der Punktstrahler voyeurhaft auf jene natürlich auch vorhandenen Skandale richtet, die in unseren Tagen dazu dienen sollen, Institution, geistlichen Wert des priesterlichen Zölibats zu diskreditieren.

Da kann von seriöser Geschichtswissenschaft ebenso wenig die Rede sein wie dort, wo nur Heiligenviten und Heldenlieder geschrieben werden. Mit welcher Begründung ignoriert Wolf die Ergebnisse anerkannter Autoren wie Henry Crouzel (1963), Roger Gryson (1970), Christian Cochini (1981/1990), Johannes Bours und Franz Kamphaus (1991), Alfons M.Stickler (1993), Stefan Heid (2003), Klaus Berger (2009) und Andreas Merkt (2015)?

In welchem Abschnitt der Geschichte sich nun Licht und Schatten verhalten haben, mag diskutiert werden – aber, bitte, gemäß den Anforderungen der historisch-kritischen Methode und nicht unter dem Einfluss von Adrenalin. Nun aber wird in diesem Zusammenhang stets auf das Beispiel der orthodoxen oder mit Rom vereinten Kirchen byzantinisch-orientalischer Tradition verwiesen. Dort wird zwar von den Bischöfen, nicht aber von den Priestern die Ehelosigkeit gefordert, weshalb die Diakone in der Regel vor der Priesterweihe eine Ehe eingehen.

Unterschiede zwischen Bischöfen und Priestern

In dieser Praxis meinen „Reformkreise“ ein Modell zu erblicken, womit dem Priestermangel im lateinischen Westen abgeholfen werden könnte – ein Priestermangel, der, vergleicht man die Zahl der Priester mit jener der am kirchlichen Leben teilnehmenden Katholiken, eigentlich gar nicht besteht. In Wirklichkeit will man gar keine geweihten Priester mehr, die Martin Luther als bloße „Ölgötzen“ geschmäht hat, da doch alle Getauften als solche schon Papst, Bischof oder Priester seien.

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