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Debatte um Takis Würgers Roman : Landet „Stella“ vor Gericht?

  • Aktualisiert am

Nicht nur das Cover des Romans „Stella“ steht in der Kritik. Bild: dpa

Die Erben von Stella Goldschlag wollen gegen den Hanser Verlag und die Neuköllner Oper juristisch vorgehen. Der Roman mache aus dem Schicksal der jüdischen „Greiferin“ kulturindustrielle Unterhaltung.

          Seit seinem Erscheinen im Hanser Verlag vor zwei Wochen wird über den Roman „Stella“ debattiert, der vom Leben der Jüdin Stella Goldschlag während des zweiten Weltkriegs handelt. Bisher ging es um inhaltliche und stilistische Kritik, um ethische und ästhetische Fragen, die Vorgeschichte des Autors Takis Würger und die fragwürdige Vermarktung durch den Verlag. Jetzt bahnt sich ein Rechtsstreit an.

          Wie die „Zeit“ berichtet, fordern die über die Persönlichkeitsrechte verfügenden Erben von Stella Goldschlag über einen Berliner Anwalt vom Hanser Verlag, Würgers Roman nicht mehr zu vertreiben. Auch das seit 2016 laufende „Stella“-Musical an der Neuköllner Oper soll nicht weiter gezeigt werden. Der Anwalt habe dem Verlag vor einer Woche mitgeteilt, „Frau Goldschlag alias Gärtner lag besonders daran, dass ihre Biographie in verantwortungsvoller Weise dargestellt wird. Sie wollte unter keinen Umständen, dass einzelne Abschnitte ihres tragischen Lebens aus dem Gesamtzusammenhang gerissen und damit verfälscht dargestellt werden. Das Vermächtnis von Stella war: 'Mein Verhalten als Greiferin darf nie ohne die Vorgeschichte dargestellt werden.'“

          Die jüdische Gestapo-Agentin

          Stella Goldschlag hatte 1943 bis zu 300 Juden in Berlin an die Gestapo verraten. Ihre Erben sind die Nachkommen des 2014 verstorbenen Historikers Ferdinand Kroh, dem Goldschlag vier Jahre vor ihrem Selbstmord im Jahr 1990 ihre Persönlichkeitsrechte übertrug. In dem der „Zeit“ vorliegenden Vertrag soll verfügt worden sein, dass allein Kroh Goldschlags Lebensgeschichte in Presse, Funk, Fernsehen, Verlagswesen, Theater und Film veröffentlichen dürfe. Kroh drehte 1995 einen Dokumentarfilm über „die jüdische Gestapo-Agentin“. Zuvor hatte Goldschlags früherer Mitschüler Peter Wyden ein Sachbuch über ihr Leben geschrieben.

          Die „Zeit“ erinnert jetzt an den seelischen Schaden, den Stella Goldschlag davontrug, nachdem die Gestapo sie gefoltert und gefügig gemacht hatte, und an ihr lebenslanges Leiden, das aus Briefen hervorgehen soll, die den Erben Ferdinand Krohs vorliegen. Takis Würgers Buch verdrehe das, was Stella Goldschlag in all ihrer Tragik am Ende noch wollte, ins groteske Gegenteil: in kulturindustrielle Unterhaltung.

          Wenn es zu einem Rechtsstreit kommt, wird es vor allem um die Frage gehen, wie stark Würger und die Neuköllner Oper sich die historische Figur der Stella Goldschlag zu eigen machten – und darum, was man ihnen als Kunstfreiheit durchgehen lässt.

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