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Debatte um deutsche Romantik : Wie man das Staunen lernt

  • -Aktualisiert am

Gut, dass es französische Augen gibt, die darauf schauen: „Der Morgen“ von Caspar David Friedrich Bild: INTERFOTO

Was fangen wir mit der deutschen Romantik an? Nicht viel, scheint es. Gut, dass uns der Franzose Julien Gracq erklärt, was wir an ihr haben.

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          Der Prophet gilt nichts im eigenen Land – so lautet die Redewendung, so lautet die Regel. Bestätigt wird sie gerade wieder am Beispiel der leidgeprüften deutschen Romantik. Immer findet sich hierzulande noch einer, der meint, sich sorgenvoll über sie beugen und eine niederschmetternde Diagnose anstellen zu müssen. Zu­letzt hat die „Zeit“ ihr mit halbem Ernst bescheinigt, Schuld am Irrationalismus der bundesrepublikanischen Impfskeptiker zu sein. Der romantische Dichter Novalis habe lieber über Bergmetalle gedichtet als „das wahre Leben der Arbeiter“ zu verbessern – daran erkenne man ja schon den falschgepolten Querdenker.

          Und auch sein halbherziger Strafverteidiger wusste nichts Besseres, um der Allgemeinheit seine Be­deutung herauszustellen, als ihn hilflos mit der allseits umjubelten Protestgruppierung „Fridays for Future“ zu assoziieren. All das To­des­sehn­süchtige und Tiefreligiöse aber, das stehe heute „nicht zu Un­recht unter dem Verdacht des Heimeligen und Reaktionären“. Wie altbacken, wie schlecht gelaunt das klingt. Vor al­lem, wenn man parallel dazu zufällig eine französische Stimme zur deutschen Romantik liest, die ihrer Faszination über die poetische Gruppierung aus Jena mitreißend freien Lauf lässt. So präsentiert die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift „Sinn & Form“ das erstmals ins Deutsche übersetzte Vorwort von Julien Gracq zu Novalis’ „Heinrich von Ofterdingen“.

          Es ist ein funkelndes und in seiner Geistesgegenwart außerordentlich wirkungsvolles Feu­erwerk aus Assoziation und Affekt, aus Verehrung und Euphorie. Zum Staunen bereit, zeigt Gracq sich be­eindruckt von dem souveränen Willen der deutschen Romantik, sich „im Schutz der herrlichsten Abschottung von den Zufälligkeiten der Stunde“ die vielfältige Schönheit der Welt anzueignen. Insbesondere ihren, den Dingen gegenüber so zärtlich ge­stimmten Charakter stellt er heraus (nicht ohne in konventioneller Ma­nier die Spätromantiker als „Perückenträger der Heiligen Allianz“ ab­zutun), ihre sorglose Sehnsucht da­nach, die Kunst über die Wirklichkeit zu stellen – und so der surrealistischen Bewegung hundert Jahre später schon den Weg zu bahnen. Der feinsinnig ironische Glaube daran, dass Welt Traum und Traum Welt werden könnte sei es, der ihre schier grenzenlose Fähigkeit erkläre, „einzuhegen, zu verdauen, aufzusaugen“. So macht man die eigene Gegenwart auf Ideen und Träume aus einer fremden Zeit aufmerksam: indem man sein ungläubiges Staunen darüber in Worte fasst. In Deutschland aber hat man das Staunen schon lange verlernt. Von eigenen Propheten der Vergangenheit will man nichts wissen. Sondern schaut stattdessen lieber gebannt auf die Protestler von heute.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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