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Burkaverbot : Das Gesicht der Frauen

Deutsche Politiker sagen, sie wollten hierzulande keine Burka sehen. Keiner von ihnen sagt: Ich will die Gesichter dieser Frauen sehen. Bild: AFP

Es wird heftig über ein Verbot der Vollverschleierung diskutiert – aber nicht über die Frauen, die es betrifft. Wo bleiben die Hauptpersonen in dieser Debatte?

          Eines fällt auf an der Debatte über ein mögliches Burkaverbot: Es wird viel über Burka und Niqab geredet – aber kaum über die Frauen darunter. Dies ist eine Stellvertreterdiskussion. Sie degradiert die Frauen, um die es eigentlich gehen sollte, zu anonymen Vehikeln der mit großer Aufmerksamkeit bedachten Vollverschleierung.

          Die Debatte zeigt, wie gut Burka und Niqab ihren einzigen Zweck erfüllen: Frauen unsichtbar zu machen. Deutsche Politiker sagen, sie wollten hierzulande keine Burka sehen. Keiner von ihnen sagt: Ich will die Gesichter dieser Frauen sehen. Ich will ihre Persönlichkeit wahrnehmen. Ich will sehen, wie es ihnen geht. Dass die Frauen sich so ja gar nicht integrieren können, beanstandete unter anderem Angela Merkel. Selbstverständlich können sie das nicht. Sie können nicht mal in der Öffentlichkeit etwas essen oder trinken. Der Niqab, der wie ein Tuch vor dem Gesicht herunterhängt, lässt sich dafür anheben, aber das tut eine anständige Frau in der Öffentlichkeit nicht. Bei der Burka, die bis auf den Boden hängt, ist es aussichtslos.

          Diese Verhüllungen erschweren die Teilhabe an der Gesellschaft nicht, sie wollen sie verhindern. Die Frau soll nach Hause kommen, sobald sie Hunger oder Durst hat. Nach Hause, wohin sie gehört. Allein schon deshalb sind Niqab und Burka nicht mit dem Kopftuch vergleichbar. Musliminnen, die sich bewusst und aus freien Stücken, oft sogar zur Verblüffung ihrer Familie für ein Kopftuch entscheiden, lassen ihre Haare verschwinden. Aber sie verschwinden nicht selbst. Sie können mit dem Kopftuch alles tun, was ihre Männer auch tun – weil ihr Gesicht frei ist.

          Für vollverschleierte Frauen gilt das nicht. Ihr Gesichtsfeld ist so eingeschränkt, dass schon die Überquerung einer belebten Straße ein erhöhtes Risiko birgt. Sie bewegen sich in einer mobilen Gefängniszelle, während ihre Männer oftmals in kurzen Hosen und Flipflops neben ihnen her flanieren.

          Aber sie tragen das doch freiwillig, wird meist eingewendet. Niemand zwingt diese Frauen morgens mit vorgehaltener Waffe, sich zu verhüllen. Das ist richtig, doch eine Wahl haben sie trotzdem nicht. Auch das unterscheidet sie von vielen Frauen in Deutschland, die sich an irgendeinem Punkt ihres Erwachsenenlebens für ein Kopftuch entschieden haben. In einem Land, in dem eine Frau ohne Burka befürchten muss, auf der Straße Säure ins Gesicht gekippt zu bekommen, muss man sie freilich nicht morgens zwingen.

          Die Verhüllung fühlt sich daher für viele Frauen an wie ein Schutz. Dass sie einen solchen Schutz nicht sofort von sich werfen, sobald sie in Europa aus dem Flugzeug steigen, versteht sich von selbst. Aber es ist gar keine physische Bedrohung nötig – es genügt schon zu wissen, dass die eigene Familie sich abwenden und man niemals einen Ehemann finden würde ohne diese Stoffberge um Gesicht und Körper.

          Die Religionsfreiheit gilt uns zu Recht als hohes Gut. Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, ob man gesellschaftlich und juristisch eine religiöse Auslegung unterstützen möchte, die für die Hälfte ihrer Anhängerschaft ein Leben zweiter Klasse vorsieht. Für die schwächere Hälfte, natürlich. So ist es ja immer.

          Es gibt einen guten Grund, der gegen ein Burka-Verbot spricht: Frauen dürfen hier anziehen, was sie wollen, ob das nun religiös geprägt ist oder nicht. Ein Verbot wäre genauso paternalistisch wie der Zwang zur Vollverschleierung. Man kann jedoch niemanden zur Freiheit zwingen, so traurig das ist. Was man tun kann: eine Haltung haben, die über die schiere Feststellung hinausgeht, dass juristisch nichts zu machen ist. Eine Haltung ist kein Gesetz. Aber sie ist besser als ein Schulterzucken.

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