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Debatte über „Fake News“ : Im Land der blinden Flecken

Dann meldet mal schön: Facebook fordert seine Nutzer auf, Fakes zu markieren. Der Ertrag der Aktion bleibt hierzulande überschaubar. Bild: dpa

„Fake News“ wurden als die große Gefahr für die Demokratie in diesem Land und für den Bundestagswahlkampf beschworen. Bislang war davon wenig zu sehen. Stattdessen gibt es ein anderes Problem.

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          Fake News? Dazu fällt einem gleich Donald Trump ein. „Fake News“ ist sein Stichwort, wenn es um die amerikanische Medienlandschaft geht, die nichts anderes über ihn verbreite. Diese wiederum, besonders die Zeitungen an der Ostküste, sieht ihn als Erfinder der „Fake News“ an. Was seine Leute als „Alternative Facts“ ausgaben, ist das Metier der Faktenchecker von der „Washington Post“ bis zum Portal „Politifact“. Sie beschäftigen sich mit wenig anderem als seinen Einlassungen und finden Fehler sonder Zahl. Doch „Fake News“, sagt Alex Tornero, der Kreativchef der Werbeagentur „The Strategy Group“ bei einem Besuch auf dem Land in Columbus, Ohio, damit hätten die Linken angefangen, die Demokraten. Dem wollten er und seine Kollegen deshalb das wahre „America First“ entgegensetzen, „The Real Donald Trump“, der sich wirklich um die Leute kümmert und die Belange der „Vergessenen“ ernst nehme. So verschieden kann man das sehen und so sah es denn auch in der Wahlwerbung aus. Der Präsidentschaftswahlkampf war eine mutmaßlich aus Moskau mitgesteuerte „Fake News“-Schlacht, die bis heute andauert.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Von dieser wurde erwartet, dass sie sich auch auf den Bundestagswahlkampf auswirke. Angeblich fürchte jeder Zweite, so eine Umfrage des Instituts Yougov, dass „Fake News“ eine Gefahr für unsere Demokratie darstellen könnten. Zugleich sah sich die Mehrheit der Befragten persönlich dagegen gefeit. Die Probe aufs Exempel fällt bis auf Weiteres bescheiden aus. Bei der Prüfung von Wahlslogans stellt sich zwar heraus, dass mehr versprochen wird, als zu halten ist. Die aber gerade aus russischen Quellen vermutete Falschnachrichten-Kanonade blieb aus. Also halten sich „Faktenfinder“ wie die der „Tagesschau“, mit denen die ARD auch nach dem Wahltag weitermachen will, gerne an die AfD und deren Produktion vermeintlicher Wahrheiten, und sei es eine Schlagzeile zum Oktoberfest, auf dem vermeintlich „gähnende Leere“ herrsche, wie die Rechtsaußenpartei meinte (F.A.Z. vom 22. September). Doch wer dachte, das mit dem Hinweis widerlegt zu haben, in diesem Jahr seien am ersten Wochenende der Wiesn hunderttausend Besucher mehr als im vergangenen Jahr zu verzeichnen gewesen, springt zu kurz – wenn man auf die Bilanz der Jahre zuvor schaut, in denen weit mehr Menschen in die Festzelte strömten. Aus welchen Gründen auch immer.

          Die Oktoberfest-Posse mit ihren Halbwahrheiten deutet auf die Dimension hin, die das Ganze hierzulande hat. „Fake News“ und hetzerische Pseudonachrichten gibt es – vor allem auf Facebook und Twitter und vor allem von rechten Gruppen. Aber sie bleiben auch dort. Sie bestätigen das schräge Weltbild derer, die nur glauben, was sie glauben wollen. Es gebe „Fake News“, „aber ihre Reichweite ist überschaubar“, sagte selbst Alexander Sängerlaub von der Stiftung Neue Verantwortung, die zum Monitoring von Falschnachrichten ein eigenes Projekt aufgelegt hat.

          Die hiesige politische Öffentlichkeit zeigt sich also von einer Robustheit, welche die Öffentlich-Rechtlichen gerne als ihren Verdienst ausweisen. Was aber wiederum nur die halbe, aus naheliegenden Gründen in die Welt gesetzte Wahrheit ist. Denn „Fake News“ gibt es auch dort – der MDR gab dafür in seinem Regionalmagazin „Umschau“ gerade ein schönes Beispiel: eine Bundestagskandidatin der Linkspartei gab sich als vermeintlich unter dem in Leipzig herrschenden Mietwucher leidende Bürgerin aus (zunächst auch noch mit falschem Vornamen). Das war ein propagandistisches Husarenstück.

          „Fake News“: Bei einer Demonstration gegen Donald Trump, im Februar dieses Jahres in Louisville.

          Für die etablierten Medien, denen die Bürger nach wie vor das größte Vertrauen entgegenbringen, sind weniger „Fake News“ ein Problem, deren vermeintliche Bekämpfer sich mangels Gegner übertrieben heldenhaft gebärden und nicht selten ihre eigene Agenda haben. Die eigenen blinden Flecken sind ein größeres Medienproblem.

          So haben zwei Autorinnen von „Spiegel Online“ jetzt, kurz vor der Wahl, ausgemacht, dass „alle demokratischen Parteien“ eine „nüchterne Debatte“ darüber verweigert hätten, dass Frauen in diesem Land „Angst haben, weil mehr Flüchtlinge im Land sind“ (versehen mit einem Fragezeichen). Ein Schuh allerdings wird andersherum daraus: Seit den massenhaften sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht vor zwei Jahren in Köln haben vor allem Aktivistinnen und Journalisten (ganz vorn dabei ein „Spiegel Online“-Kolumnist) das Thema vermint. Sie haben dafür gesorgt, dass, wer eine „nüchterne“ Debatte über die schockierende und massive Zunahme schwerer Gewalt- und Sexualverbrechen, dokumentiert in den Statistiken des Bundeskriminalamts und der Landeskriminalämter, und die Zuwanderung führen will, in die rechte Ecke gerückt wird.

          Und was soll man davon halten, dass ein Münchner Professor für Strafrecht und Kriminologie im Interview mit dem Hessischen Rundfunk angesichts der Zunahme von Sexualstraftaten und dem Beispiel der Vergewaltigung einer Sechzehnjährigen durch drei Flüchtlinge davon spricht, es gebe hier „möglicherweise durchaus auch ein reales Problem“? Solches Herumeiern nutzt nur der AfD. Der es auch nichts ausmacht, im Zentrum der Fake News-Debatte zu stehen. Im Gegenteil, sie profitiert davon.

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