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Englische Aristokratie : Wenn der Adel nicht mehr verpflichtet

Stirbt die britische Aristokratie aus? Eine alte Frage bleibt aktuell. Bild: AP

Nach dem Tod des sechsten Herzogs von Westminster debattiert England über das Ende der Aristokratie. Wer nimmt heute die Last der „noblesse oblige“ auf sich?

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          Ein Herzogtum ist ein Anachronismus, selbst in einer Monarchie wie Britannien. Zusammen mit dem Glanz, den ein exorbitantes Vermögen und die Fähigkeit verleihen, auf Jahrhunderte der eigenen Familiengeschichte zurückblicken zu können, erklärt dies die Aufmerksamkeit, die der Tod des sechsten Herzogs von Westminster gefunden hat. Gerald Grosvenor, der 1979 sein Erbe antrat, war der drittreichste Mann des Landes. Somit verkörpert er in der Neiddebatte das Unrecht des unverdienten Reichtums und des ebenso verpönten Privilegs der Hochgeborenen. Sein Tod wirft freilich auch Fragen auf über die Tragbarkeit des unzeitgemäßen männlichen Erstgeborenrechts in der modernen Gesellschaft. Hinzu kommen Einwände gegen Regelungen, die den Vermögenden erlauben, sich vor der vollen Last der Erbschaftsteuer – in Britannien beträgt diese vierzig Prozent – durch die Einrichtung von Fonds zu schützen. Das weckt in dem gegenwärtigen Klima der Entrüstung über die Dreistigkeit von internationalen Großkonzernen, die mit Hilfe von ausgeklügelten Plänen von Experten Steuerschlupflöcher aufspüren, zusätzliches Unverständnis.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Demnach wirkt dieser Tod wie eine Zäsur, die Anlass gibt zu Reflexionen über das Wesen der britischen Gesellschaft, zumal er zu einem Zeitpunkt kommt, da die Nation noch benommen ist vom Schock des nicht zuletzt auf die Kluft zwischen Arm und Reich zurückgeführten Brexit. Vor dem Hintergrund der Missionserklärung der neuen Premierministerin, dem Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit Vorrang geben zu wollen, gewinnt das ganze Drumherum um den verstorbenen Herzog, seinen Besitz, seinen Titel und seinen fünfundzwanzig Jahre alten Erben zusätzliche Symbolkraft.

          Der Niedergang der Aristokratie

          Thomas Arnold, der einflussreiche Pädagoge des neunzehnten Jahrhunderts, begrüßte die Dampfeisenbahn als Herold des Niedergangs der Aristokratie. Mit diesem Symbol der Modernität verband er das Ende des Feudalwesens. Etwas davon hat sich jedoch, wie Figuren vom Schlag des Herzogs darlegen, ins einundzwanzigste Jahrhundert hinübergerettet. Das Vermögen der Herzöge von Westminster beruht größtenteils auf Londoner Grundeigentum, das 1677 durch die Heirat eines Vorfahren mit einer reichen Erbin in die Familie kam und mit wertvollen Immobilien bebaut wurde.

          Das daraus entstandene Grovenor Estate zählt wie die Krone und die Kirche sowie verschiedene andere Adelsgeschlechter und Privatinternate wie Eton zu den Großgrundbesitzern, denen ganze Stadtteile Londons gehören. Lange Zeit haben diese Feudalherren sich mit der Rendite aus dem Grundzins für ihre verpachteten Immobilien zufriedengegeben. Die Beschneidung ihrer Rechte durch das Grundstückgesetz von 1993, das Pächtern unter bestimmten Umständen erlaubt, Volleigentümer zu werden, hat sie jedoch bewogen, neue Strategien zu entwickeln. Der Herzog von Westminster, der aus Protest gegen diese „Zwangsenteignung“ aus der Konservativen Partei ausgetreten ist, hatte schon früher unter der Last lähmender Erbschaftsteuern erkannt, dass der Immobilienfonds erneuerungsbedürftig sei. Seine Grosvenor Gruppe ist inzwischen weltweit in sechzig Städten aktiv.

          Großeigentümer wird es immer geben

          Das lange Fortbestehen ihres Grundbesitzes verdanken Adelsfamilien wie die Herzöge von Westminster dem Erstgeborenenrecht, das die Parzellierung verhindert. Obgleich die Regelung der Thronfolge im Jahr 2011 vor der Geburt des Prinzen George geändert wurde, um festzulegen, dass Erstgeborene ungeachtet des Geschlechts zur Sukzession gelangen, hält der Adel noch an der männlichen Primogenitur fest. So tritt Hugh Grosvenor das väterliche Erbe an, obwohl er ältere Schwestern hat. Sein Vater, der stets unter der Last seines Vermächtnisses litt, sagte einmal von seinem Sohn, dieser sei mit dem allerlängsten silbernen Löffel zur Welt gekommen. Doch könne er nicht ewig daran lutschen. Gerald Grosvenor wusste, dass sein Erbe auch Verpflichtungen mit sich brachte. Im Jahr 2018 wird ein neues Rehabilitierungszentrum für verletzte Mitglieder der Streitkräfte eröffnet, das nicht nur auf sein Betreiben zurückgeht. Der Herzog hat auch fünfzig Millionen Pfund gestiftet.

          Seine Neider verkennen, dass es in einer liberalen Gesellschaft immer Großeigentümer geben wird. Die Grosvenor Gruppe war bis vor einigen Jahren der wertvollste Immobilienfonds des Landes. Inzwischen hat ein chinesischer Unternehmer ihn überflügelt. Fragt sich, ob dessen Gewinnlust mit der gleichen Auffassung des „nobless oblige“ einhergeht. Brian Appleyard, Kolumnist der „Sunday Times“, geht so weit zu beklagen, dass der Adel im besten Fall für eine Art von Unabhängigkeit einstand, das dem neuen Establishment aus Unternehmern, Medienfiguren, Parteispendern und anderen Opportunisten fehle. Er deutet den Tod des Herzogs als Requiem für die ganze Aristokratie und die politische Ordnung des achtzehnten Jahrhunderts, die Britannien stabilisiert und die Grundlage für seine flüchtige Größe gelegt haben. Wo, so fragt er, sind in der dem trüben Gruppendenken des Zeitgeistes verfallenen Gegenwart die unabhängigen Köpfe zu finden, welche die Last der „noblesse oblige“ auf sich nehmen?

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