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Europäische Befindlichkeiten : Wo, bitte, sind die Hipster?

Wer macht die Europäische Idee wieder sexy? Greta Thunberg mit Schülern am Brandenburger Tor. Bild: dpa

Europa ist kompliziert, Berlin aber auch: Im Haus der Berliner Festspiele redete man über die EU und schuf ein Mosaik gegenwärtiger Befindlichkeiten.

          Es ist ein ermutigendes Zeichen für demokratisches Engagement, wenn sich hundert Menschen an einem sonnigen Vormittag im Haus der Berliner Festspiele versammeln, um fünf Leuten auf einem Podium zuzuhören, die sich im Rahmen der Reihe „Reden über Veränderung“ mit dem Thema „Neue Träume für Europa“ befassen. Und in gewissem Sinn winkte dafür auch ein Lohn. Denn nach einer Dreiviertelstunde bat der Moderator Hans Dieter Heimendahl vom Deutschlandfunk, der die Veranstaltung live übertrug, das Publikum um Fragen, Kritik, Anregungen, und da stiegen einige auf die Bühne hinauf, setzten sich auf den leeren Stuhl und sagten, was sie zu sagen hatten.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Zuvor war zum Beispiel von Südeuropa die Rede gewesen. Da kam ein Bayer und sagte, er sei ein „Fremder aus dem tiefen Süden“, und alle mussten lachen. Der Herr aus Bayern hatte aber etwas Ernstes vorzubringen. Er sei gegen Vereinheitlichung, ihm schwebe eher etwas Loseres vor, er nannte es „Verbindung“. Das war der Schauspielerin Maryam Zaree unheimlich. Zaree wurde in einem iranischen Gefängnis geboren und kam als Zweijährige nach Deutschland, kann also jede Menge Geschichten über kulturelle Vielfalt und ihre Bedrohung erzählen. Und schon stand – wohlgemerkt: nicht in Gestalt des Mannes aus Bayern – die große Frage wieder im Raum, die seit längerem die Podien des Landes beherrscht: Wie begegnet man einem immer aggressiver auftretenden identitären Populismus, der die Verteidiger der liberalen Demokratie in die Defensive drängt?

          Ein Opa für Europa

          Aus den weiteren Publikumsfragen entstand so etwas wie ein Mosaik gegenwärtiger Befindlichkeiten. „Wir bekämpfen die Armen, nicht die Armut“, klagte eine Frau und erhielt viel Beifall. „Wie wird die Europa-Idee wieder sexy?“, wurde von anderer Seite gefragt, worauf eine Frau erwiderte, Europa sei „verdammt sexy“, es fehlten nur die jungen Leute, die sich dafür engagierten: „Wo sind die Hipster?“, fragte sie mit einem Blick in die Runde. „Die liegen noch in ihren Betten, weil sie tanzen waren!“ Entspannter wurde es mit einem älteren Herrn, der mit seiner Selbstbeschreibung einen Lacher erntete: „Ich bin ein Opa für Europa.“

          Soziale Ungleichheit und Schieflagen des Kapitalismus waren die Reizthemen der Veranstaltung, da wurde im Publikum gestöhnt, gemurrt oder begeistert zugestimmt. Etwa, als der Berliner Kunstgalerist Johannes König sagte, die viel zu niedrige Besteuerung von Konzernen wie Facebook oder Starbucks gebe einem das Gefühl, in Europa laufe etwas falsch. Die eigentliche Europa-Debatte fand jedoch zwischen der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und dem Schweizer Journalisten Roger de Weck statt. Guérot setzt sich bekanntlich für eine echte Republik Europa ein, und damit ist weniger eine eigene Nation gemeint als ein Raum für Bürger, die dieselben Rechte genießen. Roger de Weck, der ehemalige Chefredakteur der „Zeit“, gab den Optimisten, dem all diese Utopien zu schnell gehen. Europa brauche sie gar nicht. Er selbst sei ein „Freund der Komplexität“ und könne in der vielgescholtenen europäischen Unübersichtlichkeit nichts Schlimmes entdecken. Im Gegenteil: „Der EU geht es gut, sie war nie attraktiver.“ Und alles nur dank der „Kompromissmaschine Brüssel“.

          Das Unbehagen bleibt unscharf

          Ein Signum der Mediengesellschaft ist es, dass alle zu jeder Zeit ihr Unbehagen artikulieren können, und sei es im kalten Chatroom. Die Globalisierung hat jedoch dazu beigetragen, dass die Ursachen dieses Unbehagens immer schwerer zu lokalisieren sind, weil die Konfliktlinien verschwimmen. Viele wissen nicht, ob sie die gegenwärtigen Krisen dem Zustand der Europäischen Union anlasten sollen, der digital beschleunigten Moderne oder einem globalisierten Kapitalismus, der alle Grenzen überspringt – oder gar allen dreien. So bleiben Sorge und Überdruss unscharf.

          Alldem setzt Ulrike Guérot mit rhetorischem Geschick einen Minimalkatalog entgegen, der die Zukunft der Europäer konkret verbessern könnte und gerade dort eingriffe, wo soziale Ungleichheit zu teils dramatischen gesellschaftlichen Verwerfungen geführt hat, von der Griechenland-Pleite über den Brexit bis zum „Gelbwesten“-Phänomen. Wäre nämlich jeder Bürger der Europäischen Union vor dem Gesetz gleich, unterstünde also in wichtigen Bereichen einem allen gemeinsamen Recht, könnte Europa zusammenwachsen, ohne dass man endlose Debatten über Nation, Heimat und Identität führen müsste. So etwas ginge nur über Vereinheitlichung in der Behandlung der Rechtssubjekte und die „Vergesellschaftung der Solidarität“. Eine europäische Steuernummer und eine europäische Sozialversicherungsnummer müssten her, sagte Guérot und schlug dafür den Stichtag 1. Januar 2025 vor. Nein, fand de Weck, das sei völlig unrealistisch! Er sehe dergleichen eher in hundert Jahren. Die Europa-Debatte darüber, wer von beiden recht behalten wird, könnte man schon einmal langfristig anberaumen.

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