https://www.faz.net/-gqz-8koyn

Burka-Debatte : Das Leben ist keine Zumutung

Die Freiheit hat Grenzen: Wer hier lebt und Teil unseres Gemeinwesens ist, den müssen die anderen auch sehen dürfen. Bild: dpa

Die Flucht in die Anonymität der Burka dürfen wir nicht tolerieren. Denn die Vollverschleierung bedroht das Fundament unserer europäischen Kultur.

          Religionen passen ihre Regeln ständig an. Jetzt hat der Mufti der zu Russland gehörenden Kaukasus-Republik Karatschajewo-Tscherkessien, Ismail Berdiew, die Beschneidung von Mädchen verteidigt, weil die sexuelle Lust der Frauen gedämpft werden müsse. Eigentlich sollte man alle Frauen beschneiden, dann gebe es keine Unzucht auf der Welt, fügte Berdiew, der im Religionsrat von Präsident Putin sitzt, hinzu, wollte das freilich später so nicht gemeint haben. Doch der konservative Erzpriester Wsewolod Tschaplin, der erst kürzlich Massenterror als manchmal nützlich und den westlichen Humanismus als satanisch bezeichnet hatte, verteidigte Berdiew als ehrenwerten Traditionshüter.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die europäische Kultur wird mittlerweile auch aus Regionen angegriffen, die eigentlich zu ihrem Einzugsgebiet gehören. Russland, dessen Kulturleistungen zweifellos europäische sind, hat sich von Europa abgewandt. Zellen europäischer Zivilität sind dort zwar aktiv, zumal in den großen Städten, wie unlängst die breite Beteiligung an der Debatte über häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder zeigte (F.A.Z. vom 17. Juli). Doch gegen sie läuft eine Autoimmunreaktion.

          Die orthodoxe Kirche, deren Führung sich mit den Moralvorstellungen des Islams offen solidarisiert, toleriert familiäre Gewalt schweigend bis zustimmend. Die konservative Senatorin Jelena Misulina findet sogar, das Gesetz, das häusliche Gewalt unter Strafe stellt, sei eine „Einmischung in innerfamiliäre Angelegenheiten“. Sie will es abschaffen. Aus solchen repressiven Vorstößen religiöser Führer spricht die Stimme der Fortschrittsverlierer. Der russische Staat und auch die Kirche versuchen, der Gesellschaft eine mediale Brille aufzusetzen, durch die vor allem ein Europa der Terroranschläge, Heimatfeinde und Dekadenz zu sehen ist.

          So etwas wie Sinn und Schönheit

          Als dekadent betrachten freilich gerade auch europäisch gesinnte Russen hiesige Appelle, die sich auf dem Kontinent ausbreitende Vollverschleierung bei Frauen aus Gründen der Liberalität zu tolerieren. In Russland, das zu allen seinen Entwicklungssprüngen auch in Richtung Europa mit Gewalt gezwungen wurde, hat man vielleicht einen besonders klaren Blick dafür, dass eine pauschale Alles-ist-erlaubt-Liberalität nicht die Essenz der europäischen Kultur ist, sondern eher Verrat an ihr.

          Diese Kultur, die im Christentum und in der Antike wurzelt und der wir Aufklärung, künstlerische Reichtümer und die Menschenrechte verdanken, hat es verdient, dass wir sie verteidigen und weitertragen. Ihre vornehmste Forderung lautet, man solle lernen, seinen Verstand und seine Sinne zu gebrauchen, um unabhängig von religiösen Dogmen einen humanen Blick auf die Welt und das fragwürdige Selbst zu wagen. Das ist viel verlangt. Doch die europäische Dichtung, die bildende Kunst, die Musik eröffnen Räume, in denen man eigene Verletzungen aus einer verallgemeinernden Distanz betrachten und in den menschlichen Unzulänglichkeiten so etwas wie Sinn und Schönheit finden kann.

          Jederfrau zumutbar

          In einer komplexer werdenden Welt wächst indes das Bedürfnis, sich vor ihr zu schützen. Die Burka, die aus der Frau in der Öffentlichkeit ein wandelndes Zelt macht, bietet, wie der virtuelle Raum des Internets, auch eine Zuflucht vor den Zumutungen des realen Lebens. Manche Frauen wollen sie um keinen Preis aufgeben. Unlängst verklagte eine in Deutschland geborene Burka-Trägerin einen Münchner, der angeblich über sie gelacht und sie so beleidigt habe. Ihre Voyeurstracht wollte sie selbst vor Gericht nicht lüften. Auch die Vollverschleierte, die kurz zuvor in Neuss am Betreten einer Sparkasse gehindert wurde, soll dadurch ernsthaft traumatisiert worden sein.

          Beide Frauen versteckten sich – ob aus eigenem oder Fremdantrieb – hinter dem Ehemann, dem Stamm oder einer virtuellen Identität und beharrten auf einem Peep-Show-Verhältnis zur Außenwelt. Eine liberale Gesellschaft, die darauf angewiesen ist, dass ihre Mitglieder im offenen Austausch eine Balance miteinander finden, wird von solchen schwarzen Löchern von innen zerfressen. Unsere Liberalität könnte sich darin ausdrücken, dass wir Touristinnen aus Iran oder Saudi-Arabien, in deren Heimat Europäerinnen gezwungen werden, Kopftuch zu tragen, asymmetrisch zugestehen, sich bei uns ihrer eigenen Kultur entsprechend zu vermummen.

          Doch wer hier lebt und Teil unseres Gemeinwesens ist, den müssen die anderen auch sehen dürfen. Burkalosigkeit bedeutet ja, wie man an medial verstöpselten Zeitgenossen sieht, keineswegs Kommunikationszwang. Dass man aber anderen den Minimalrespekt erweist, ihnen sein Gesicht zu zeigen, ist jederfrau zumutbar.

          Weitere Themen

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Was darstellen, wenn die Welt untergeht?

          Probleme bei Sky : Was darstellen, wenn die Welt untergeht?

          Knappe Entwicklungszeiten, fehlende Schauspieler: Der Sender Sky kämpft. Gegen Netflix und Amazon muss er sich behaupten. Die Produzenten von Serien, die nicht nur Sky braucht, sind fein raus.

          Topmeldungen

          Der Markt für Smartphone-Hersteller wie Apple, Huawei und Samsung kannte lange nur eine Richtung: nach oben. Diese Ära ist jetzt vorbei.

          Absatz von Smartphones : Handybesitzer zögern Neukauf immer länger hinaus

          Umweltschützer freut es, die Hersteller sind frustriert: Handybesitzer warten immer länger, bis sie sich ein neues Gerät kaufen. Die Top-Marken müssen ein Minus von fast 4 Prozent verkraften – 5G soll das ändern.

          EU-Urheberrecht : Von wegen keine Uploadfilter!

          Innerhalb der nächsten zwei Jahre muss Deutschland das neue EU-Urheberrecht umsetzen – ohne Uploadfilter. Das verspricht jedenfalls die CDU. F.A.Z.-Redakteur Hendrik Wieduwilt hat daran seine Zweifel.

          Video von Trump und Epstein : „Sie ist scharf“

          Donald Trump hat in den vergangenen Wochen immer behauptet, den des Sexhandels beschuldigten Milliardär Jeffrey Epstein kaum zu kennen. Ein Video von 1992 zeigt die beiden jedoch bei einer von Trumps Partys in Florida.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.