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Debatte : Grass und das Geheimnis

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Chwin verteidigt Günter Grass Bild: dpa

In Polen hat das Geständnis von Günter Grass für Diskussionen gesorgt. Der in Danzig geborene Schriftsteller Stefan Chwin nimmt seinen Kollegen in Schutz: Als Künstler habe er das Recht, seine Biographie frei zu formen.

          Als Günter Grass mir im Juni 2005 beim Abendessen im Danziger Rathaus von seiner Kriegsjugend erzählte, fiel das Wort „SS-Mann“ kein einziges Mal. Es war von der Luftschutzartillerie und den U-Booten die Rede. Später, als wir den Karpfen auf jüdische Art, die Rote-Bete-Suppe mit Teigtaschen und die Pischingertorte verspeist hatten, kamen wir nicht mehr darauf zurück. Wir waren gut gelaunt. Die anderen Gäste übrigens auch. Grass las auf deutsch einen Auszug aus meinem Roman „Tod in Danzig“, und ich trug auf polnisch einige seiner Gedichte vor. Er war nach Danzig mit zwanzig seiner Übersetzer aus aller Welt gekommen, um ihnen die Stadt des Oskar Matzerath zu zeigen.

          Sein öffentliches Bekenntnis, er habe der Waffen-SS angehört, hat in Polen einen Schock ausgelöst. Das Wort „SS-Mann“ bedeutet in polnischer Sprache so viel wie „reine Verkörperung des Bösen“, „Teufels Sohn“.

          Grenzenlosigkeit der Einbildungskraft

          Für die Menschen meiner Generation war Grass immer wichtig. Wir lernten von ihm die antitotalitäre Haltung, die Freiheit des Denkens, die Grenzenlosigkeit der Einbildungskraft. Aber auch die Kunst des Vergebens. Zum ersten Mal erreichte uns „Die Blechtrommel“ als eine zusammengeheftete, auf schlechtem Papier gedruckte konspirative Untergrundausgabe, die heimlich von Hand zu Hand gereicht wurde. Ich las sie neben den Schriften von Havel und Solschenizyn an einem geschenkten schwarzen Tisch, auf dem der Graphiker Jerzy Janiszewski das Logo der „Solidarnosc“ - den berühmten, aus roten Buchstaben zusammengeflochtenen Namen - entwarf.

          Volker Schlöndorffs Verfilmung der „Blechtrommel“, die in Polen damals absolut verboten war, durfte ich mir zusammen mit einer Gruppe von Danziger Schriftstellern im Gebäude des lokalen Parteikomitees anschauen, weil die Partei nach der Aufhebung des Kriegszustands eine versöhnliche Geste in Richtung der Kulturschaffenden tun wollte. Nachdem wir im Arbeitszimmer des Parteisekretärs vor dem Fernseher Platz genommen hatten, holte der kommunistische Würdenträger die Videokassette aus einer Panzerkasse hervor. Übrigens hatten wir uns, allen Parteirestriktionen zum Trotz, schon früher mit dem Werk von Grass an der Danziger Universität unter der Leitung von Maria Janion beschäftigt. Es ist ein Paradox, daß zu den polnischen „Kindern“ von Grass auch diejenigen zählen, die ihn heute verbissen attackieren.

          Grass ist wie seine Bücher

          Grass ist ein geheimnisvoller, ein bei aller Vitalität in sich gekehrter Mensch, und ich habe niemals versucht, ihn zu verstehen. Es war mir lieber, daß er so blieb wie seine Bücher: verworren, unklar, zweideutig. Oskar Matzerath ist keineswegs ein positiver Held, und „Die Blechtrommel“ ist kein „sauberes“ Buch. Ich spürte darin immer etwas Ungutes. Genau deshalb schätzte ich es. Wahre Literatur spielt mit der Wahrheit und der Moral, wie man mit dem Feuer spielt.

          Doch einen solchen Grass wollen viele Menschen nicht. Sein Geständnis fiel in Polen mit dem Wahlkampfbeginn vor den Kommunalwahlen, mit der Lustration von Politikern und Künstlern und mit den Spannungen zusammen, die zwischen der polnischen Regierung und Deutschland wegen der Berliner Ausstellung „Erzwungene Wege“, aber auch zwischen ihr und der Europäischen Union herrschen. Deshalb rief es eine so heftige Debatte hervor. Einige Politiker der regierenden national-konservativen Koalition griffen sofort die konkurrierende Bürgerplattform (PO) an, deren Mitglieder, die im Danziger Stadtrat eine Mehrheit bilden, Grass 1993 die Ehrenbürgerschaft von Danzig zuerkannt hatten. Der gleiche Abgeordnete, der die Forderung formulierte, der Stadtrat solle sie Grass wieder aberkennen, hatte übrigens im Lebenslauf des PO-Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten, Donald Tusk, eine „fatale Episode“ entdeckt: daß nämlich Tusks Großvater, ein gebürtiger Kaschube, in der Wehrmacht gedient habe. Das hatte bis zu einem gewissen Grad über Tusk' Niederlage bei den Wahlen entschieden.

          Instrumentalisierung von Literatur

          Die national-konservativen Politiker stellten in ihren Attacken Grass in eine Reihe mit Erika Steinbach, deren Bild in einer schwarzen SS-Uniform vor einiger Zeit auf der Titelseite einer polnischen Wochenschrift erschienen war. Die Affäre Grass wurde auch dazu benutzt, die polnische „laizistische liberale Linke“ anzugreifen, die, ähnlich wie Grass, an die Tradition der europäischen Aufklärung anknüpft und für die national-konservativen Parteien die „Verfaultheit“ des gesamten Westeuropa verkörpert. Man versuchte auch, verschiedene Sozialdemokraten zu kompromittieren, indem man suggerierte, die Verteidigung von Grass komme einem Pakt mit den „roten“ Postkommunisten vom Bündnis der Demokratischen Linken (SLD) gleich. Diese Art von politischer Instrumentalisierung der Literatur hat in mir stets eine tiefe Abneigung geweckt.

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