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Debatte : Die Vermessung der Krise

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Wiederaufbau nach alten Plänen

Nach Talebs Analyse hat die Fragilität des Wirtschaftssystems zu seiner Zerstörung geführt. Statt eine robustere Version von Grund auf neu zu bauen, begnüge sich die amerikanische Regierung nun mit dem Wiederaufbau nach alten Plänen. Roubini gefällt es vor allem nicht, dass Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Aber die Hoffnung, die Krise und allein eine solche Krise könne eine Veränderung des Systems auslösen, will er nicht aufgeben. Und als vorschriftsmäßig zukunftsfroher Amerikaner erweist sich auch Weinstein, wenn er Auswirkungen des atmosphärischen Wandels, der über Amerika mit dem Regierungsantritt Barack Obamas gekommen ist, für den Wirtschaftssektor nicht ausschließt.

War es schon schwer genug zu ergründen, was überhaupt in den vergangenen Monaten passiert ist, musste es unmöglich erscheinen, einen genauen Fahrplan für die kommenden Monate und Jahre vorzulegen. Die Konferenz suchte darum eher Ansporn zu geben als Rezepte auszustellen. Andrew Lo, der zu den Propheten gehörte, die aufgrund gezielter Systemstudien den Zusammenbruch dieses jüngsten Systems voraussagten, sprach den Wirtschaftswissenschaften womöglich auch deshalb nicht ab, Wissenschaft zu sein. Er brachte es fertig, einen Beweis für die Effizienz des Marktes noch im Absturz der Raumfähre „Challenger“ 1986 zu finden. Eine Regierungskommission brauchte danach viereinhalb Monate, um die Öffentlichkeit über die Absturzursache zu informieren. Der Markt wusste es nach einer halben Stunde, als die Aktien des Unternehmens, das die fehlerhaften Dichtungsringe hergestellt hatte, einbrachen. Lo erkennt darin die Weisheit der vielen.

Tschernobyl oder Challenger

Den Gegenbeweis lieferte er umgehend. Wie leicht wir uns in unserer Wahrnehmung täuschen lassen, führte er mit einem Videoclip vor, in dem ein Mensch im Gorillakostüm durch eine ballspielende Gruppe tanzt. Wir sehen aber den Gorillamenschen nicht, denn unsere Aufmerksamkeit wurde zuvor auf die Ballspieler gelenkt. Warum sollten wir erwarten, dass menschengemachte Märkte anders reagieren, dass sie rational ausgerichtet sind? Die Schlussfolgerungen, die Lo für die aktuelle Krise zieht, sind nicht beruhigender als seine Voraussagen für all die gewiss kommenden Krisen. Wie Richard Alexander, der an der Konferenz teilnehmende Biologe, spürt Lo in der Marktdynamik die Prinzipien der Evolution auf. Menschliches Verhalten plus komplexer Systeme plus enger emotionaler Gruppenbildung plus fehlenden negativen Feedbacks ergibt: Tschernobyl oder Challenger oder die Wirtschaftskatastrophe, die wir jetzt erleben.

Jeder könnte es wissen, aber niemand will es wissen, bis die Erfolgssträhne abbricht und auf den Märkten die Feierlaune der Ernüchterung weichen muss. Hedgefondsmanager verhalten sich da nicht anders als Kleinanleger. Bei John Maynard Keynes, dem Comeback Kid unserer Katastrophentage, lief das noch unter der Rubrik „animal spirits“. Aber auch wenn die nächste Krise, weil in der menschlichen Natur begründet, unvermeidlich ist, wäre es verantwortungslos, ihr in tatenloser Ergebenheit entgegenzusehen. Um ihre Auswirkungen zu begrenzen und uns vor uns selbst zu schützen, müssen wir Vorkehrungen treffen, und zwar jetzt. Allein in Krisenzeiten sind wir dazu bereit.

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