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Debatte : Die Vermessung der Krise

  • -Aktualisiert am
Stößt die Mandarine der Wirtschaftswissenschaft vor den Kopf: Nassim Nicholas Taleb

Die Zuversicht, dass die Physik der Ökonomie aus der Patsche helfen kann, schöpfte Weinstein aus der erwiesenen Fähigkeit der Naturwissenschaften, über ihr Wesen hinauszuwachsen und sich doch eisern an Regeln zu halten. Er brauchte auf Zustimmung nicht lange zu warten. Auch der Physiker und Kosmologe Lee Smolin bezeichnete die Ökonomie als Paradebeispiel eines komplexen Systems, das jetzt mehr und mehr ins Blickfeld der theoretischen Physik gerate. Smolin stellte keine schnellen Lösungen in Aussicht. In der naturwissenschaftlichen Unternehmung, die Fundamente der Ökonomie freizulegen, könnten, wie er fürchtete, kompliziertere Probleme auftauchen als in seinem ureigenen Forschungsbereich. Von der Furcht aber wollte er sich nicht den Schneid nehmen lassen, provozierende Fragen zu stellen und ungeahnte Verbindungen aufzudecken. Weinstein verglich den Versuch der Konferenz, Anstöße für eine neue Wirtschaftstheorie zu geben, mit den Bemühungen der Computerindustrie, immer wieder verbesserte Software anzubieten. Von den Ökonomen, die zurzeit in Washington das Sagen haben, ist das jedenfalls nicht zu erwarten.

Der beliebteste Buhmann der Konferenz

Während Washington versucht, geplatzte Reifen zu flicken, sollte in Waterloo, wie Weinstein es forderte und formulierte, das Rad neu erfunden werden. Von der Möglichkeit, vielleicht sogar der Gewissheit, dabei zu scheitern, nahm er gebührend Notiz, setzte sein antiautoritäres, revolutionäres Gedankenspiel aber unbeirrt fort. Warum auch nicht, mit vorsichtigem Lavieren dürfte die Krise kaum zu meistern sein. Taleb wurde denn auch spielend seinem Ruf als Revoluzzer gerecht, als er empfahl, alle wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten zu schließen. Dadurch, so sein mit außerwissenschaftlichen Kraftausdrücken gewürzter Befund, erhöhte sich automatisch unser Wissen. Um die Unberechenbarkeit wirtschaftlicher Ereignisse und den Autismus führender Ökonomen zu belegen, gab er Alan Greenspan, den wohl beliebtesten Buhmann der Konferenz, der Lächerlichkeit preis. Der ehemalige Notenbankchef bezeichnete einst gewisse Ereignisse als unmöglich, weil sie sich noch nie ereignet hatten. Also, folgerte Taleb, muss Greenspan unsterblich sein. Sein Tod habe sich ja auch noch nie ereignet.

Typische Ereignisse gibt es nicht in Talebs Wirtschaftsweltsicht. Mit dieser Einsicht hätte die Konferenz ihr frühes Ende finden können. Wollte sich ihm auf derartigen Extremtouren auch niemand anschließen, so ließ es selbst ein Starökonom wie Nouriel Roubini, auf dessen Stimme Washington heute wieder hört, an deutlichen Worten nicht fehlen. Selbstregulierung, dozierte er, sei so gut wie keine Regulierung. Das leuchtet auch dem Laien ein. Umso mehr mag der sich über Roubinis Hinweis wundern, es gebe so viele ausgeklügelte Modelle der Wirtschaft, obwohl deren Grundlagen weiterhin unklar seien. Wie aber sind Modelle ohne solide Grundlagen überhaupt anzufertigen? Wozu taugen Analysten, wenn das Entstehen einer Wirtschaftsblase im Nachhinein schlicht damit erklärt wird, dass alle Beteiligten ihr Vergnügen daran haben, solange sie sich nur aufbläht?

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