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Debatte auf Ruhrtriennale : Antisemitismus oder Freiheit der Kunst?

Podiumsdiskussion auf der Ruhrtriennale: Intendantin Stefanie Carp (links), Norbert Lammert und Isabel Pfeiffer-Poensgen, NRW Kultur- und Wissenschaftsministerin Bild: dpa

Ruhrtriennale kakophonisch: Eine Podiumsdiskussion zur Bewegung BDS, die zum Boykott von Israel aufruft, streitet darüber, wie viel politisches Gepäck ein Festival schultern darf.

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          Gleich nach dem ersten Satz, den Stefanie Carp, die Intendantin der Ruhrtriennale, am Samstag auf der Podium in der Bochumer Turbinenhalle sagt, schlägt ihr ein Chor der Empörung entgegen. Sie habe in diesem Jahr zum ersten Mal von BDS gehört, der Bewegung, die im Kampf gegen die israelische Besatzungspolitik auf die Waffen Boykott, Investitionsabzug („divestment“) und Sanktionen setzt. Hohngelächter ist die Antwort. „Lüge, Lüge!“ Die entschiedenen Freunde Israels, die Israel-Fähnchen in den Saal mitgebracht haben, verdächtigen Frau Carp, das Festival, als dessen Leiterin sie für drei Jahre bestallt ist, in den Dienst einer antisemitischen Agenda zu stellen. Sie habe die schottische Hiphop-Band Young Fathers nach Bochum holen wollen, um BDS in Deutschland salonfähig zu machen. Dass sie früher Trotzkistin war, wird als Grund angeführt, ihr den Willen zur Vernichtung Israels zu unterstellen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Frau Carp gibt an, sie habe nichts gewusst von der Aufregung, welche die Young Fathers vor einem Jahr ausgelöst hatten, als sie ein Berliner Festival boykottierten, das die israelische Botschaft mit Reisekostenzuschüssen unterstützt. Nun darf man fragen: Liest die Intendantin keine Zeitungen? Vor die Alternative gestellt, Frau Carps Agieren – sie lud die Young Fathers aus und wieder ein, nur um sich eine Absage einzufangen – mit Torheit oder einer dreisten Lüge zu erklären, wird sich gleichwohl nicht jedermann für die Lüge entscheiden. Der Musiker und Schriftsteller Schorsch Kamerun kritisiert die Intendanz, die ein politisches Festival will, sich aber nicht darüber kundig macht, mit welchem „Gepäck“ die eingeladenen Künstler anreisen, und er kritisiert Künstler, die mit Unterschriften Politik machen wollen. „Boykott ist nicht die Sprache der Kunst.“ Der BDS instrumentalisiere die Künstler.

          Kein Raum mehr für Argumente pro BDS?

          Mit dieser Aussage zieht auch Kamerun den Hohn der Verteidiger Israels auf sich, welche die gesamte Veranstaltung mit lauten Zwischenrufen kommentieren. Die Figur des nützlichen Idioten halten sie für eine Verharmlosung. Donnernden Applaus erntet Kamerun, als er Stefanie Carp gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz nimmt. Ist die unwillkommene Aufmerksamkeit für die Ruhrtriennale die Folge einer Panne? Zu dieser Sicht des Skandals neigt Michael Vesper, der Vorsitzende des Freundeskreises und frühere nordrhein-westfälische Kulturminister. Er beschränkt seine Kritik auf das Krisenmanagement, den Eindruck eines Schlingerkurses. Die Freunde, sagt Vesper, hätten auch die Einladung der Young Fathers mitgetragen. Dafür hätte aber die Intendanz das „Gepäck“ der BDS-Unterstützung zum Thema machen müssen – und damit zum Gegenstand einer möglichen Debatte.

          Den lautstarken Israelfreunden geht es schon zu weit, dass nach dem Eklat noch Debattierbedarf gesehen wurde. Immer wieder rügen sie Äußerungen von Podiumsrednern als BDS-Apologetik, die auf einem staatlich subventionierten Kulturfestival nicht geäußert werden dürfe. Malca Goldstein-Wolf, die mit einem Protestbrief die Kampagne gegen Stefanie Carp in Gang setzte, springt mehrfach auf und verweist auf die Bundesregierung, als wäre damit alles gesagt. Nachdem Bundesregierung und Bundestag BDS offiziell als antisemitisch verurteilt haben, soll im öffentlich geförderten Kultursektor kein Raum mehr sein für Argumente pro BDS. Als Unterstützung dieser Position war in der Tat der Kommentar zu verstehen, den Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, für die Tageszeitung „Die Welt“ schrieb.

          Stefanie Carp bittet auf dem Podium ihre Geldgeber, Vesper und dessen heutige Nachfolgerin im Kulturministerium, Isabel Pfeiffer-Poensgen, dazu Stellung zu nehmen. Dürfe sie nie wieder jemanden einladen, der BDS unterstützt? Während bei den Young Fathers die eine Berliner Aktion genügt, um die Musiker zu unerwünschten Personen zu machen, gehört zu den Dauergästen der Ruhrtriennale der belgische Choreograph Alain Platel, dessen Compagnie mit BDS-Gruppen in den palästinensischen Gebieten zusammenarbeitet. Platels Dramaturgin Hildegard de Vuyst, die dieses Engagement erläutert, kann keinen Satz sagen, ohne aus dem Saal beschimpft zu werden.

          Die Verurteilung von BDS als antisemitisch trifft auch die jüdischen Unterstützer

          Ebenso ergeht es dem New Yorker Komponisten Elliott Sharp, der sich als Sohn von Holocaust-Opfern vorstellt, und dem israelischen Filmemacher Udi Aloni, der auf die lauten Störungen in gleicher Lautstärke antwortet. Michael Vesper fühlt sich auf Parteitage in der Gründungsphase der Grünen zurückversetzt. Der Moderator Norbert Lammert wird früh aufgefordert, die Zwischenrufer zur Ordnung zu rufen. Davon wolle er absehen, erklärt der ehemalige Bundestagspräsident, solange es sich um Äußerungen zur Sache handele. Doch in jeder anderen Versammlung wären die Störer zweifellos des Saales verwiesen worden. Elliott Sharp sagt in seinem Schlusswort: „Es ist peinlich, von einem Mob unhöflicher Menschen niedergebrüllt zu werden, die nur das hören wollen, was sie selbst immer schon sagen.“

          Für deutsche Politiker stellt sich die Bewertung einer Bewegung, die sich den Boykott von Israel auf die Fahnen geschrieben hat, nicht als schwieriges Problem dar. Wie Vesper sagt, können sie die Assoziation „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ unmöglich unterdrücken. In Bochum erleben die drei Politiker Pfeiffer-Poensgen, Lammert und Vesper an diesem Nachmittag die Intensität des moralischen Meinungsstreits, der über BDS trotzdem entbrannt ist. Es handelt sich auch um eine innerjüdische Auseinandersetzung. Das New Yorker Kapitel von BDS, sagt Aloni, sei identisch mit der Gruppe Jewish Voice for Peace. „Von Deutschen lasse ich mir nicht sagen, was ich als Jude zu tun habe!“ Lammert weist diesen Vorwurf zurück: Das habe auf dem Podium niemand getan. Aber Aloni bezieht sich auf den Bundestag: Die Verurteilung von BDS als antisemitisch trifft auch die jüdischen Unterstützer.

          Nun gibt es auch jüdische Antisemiten. Es gibt zur Erklärung des Phänomens sogar einen Topos: den jüdischen Selbsthass. Als Lammert nach dem Ende der Veranstaltung das Gespräch mit der Fraktion der Protestler sucht, wird ihm vorgehalten, dass das jüdische Kontingent auf dem Podium aus Selbsthassern bestanden habe. Lammert zeigt sich überrascht darüber, dass überhaupt Juden anwesend sind: Der Zentralrat habe doch erklärt, dass wegen des Sabbat kein Vertreter geschickt werden könne. Er wird darüber aufgeklärt, dass das Ruhegebot nur für religiöse Juden gelte.

          Am Existenzrecht des Staates Israel dürfe kein Zweifel aufkommen – von dieser vertrauten Formel versprechen sich die Politiker auf dem Podium sichere Unterscheidungen. Sharp berichtet, die größte Sorge junger Juden in seinem Bekanntenkreis sei die Befürchtung, dass der israelische Staat mit seiner Politik antijüdische Gefühle verstärke. In der deutschen Antisemitismusforschung, wie sie die Studie der TU Berlin unter Federführung von Monika Schwarz-Friesel repräsentiert, gilt dieses Argument selbst als antisemitisch. Der Vergleich von Israel mit dem Apartheidregime in Südafrika und erst recht mit Hitlers Deutschland verbietet sich – für Deutsche, wie auch Stefanie Carp bekräftigt, oder für alle rechtschaffenen Menschen? Aloni nimmt den Verweis der Politiker auf die deutschen Erinnerungspflichten auf: „Genau wie Sie sich für die Juden verantwortlich fühlen, fühle ich mich verantwortlich für die Palästinenser.“

          Kulturministerin Pfeiffer-Poensgen äußert später im Gespräch mit dieser Zeitung den Eindruck, in Deutschland wüssten wir noch nicht genug darüber, wie sehr auch unter Juden über BDS gestritten werde. Auch deshalb spricht sich die Ministerin dagegen aus, BDS-Sympathisanten grundsätzlich von der Ruhrtriennale auszuschließen.

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