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Debatte auf Ruhrtriennale : Antisemitismus oder Freiheit der Kunst?

Die Verurteilung von BDS als antisemitisch trifft auch die jüdischen Unterstützer

Ebenso ergeht es dem New Yorker Komponisten Elliott Sharp, der sich als Sohn von Holocaust-Opfern vorstellt, und dem israelischen Filmemacher Udi Aloni, der auf die lauten Störungen in gleicher Lautstärke antwortet. Michael Vesper fühlt sich auf Parteitage in der Gründungsphase der Grünen zurückversetzt. Der Moderator Norbert Lammert wird früh aufgefordert, die Zwischenrufer zur Ordnung zu rufen. Davon wolle er absehen, erklärt der ehemalige Bundestagspräsident, solange es sich um Äußerungen zur Sache handele. Doch in jeder anderen Versammlung wären die Störer zweifellos des Saales verwiesen worden. Elliott Sharp sagt in seinem Schlusswort: „Es ist peinlich, von einem Mob unhöflicher Menschen niedergebrüllt zu werden, die nur das hören wollen, was sie selbst immer schon sagen.“

Für deutsche Politiker stellt sich die Bewertung einer Bewegung, die sich den Boykott von Israel auf die Fahnen geschrieben hat, nicht als schwieriges Problem dar. Wie Vesper sagt, können sie die Assoziation „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ unmöglich unterdrücken. In Bochum erleben die drei Politiker Pfeiffer-Poensgen, Lammert und Vesper an diesem Nachmittag die Intensität des moralischen Meinungsstreits, der über BDS trotzdem entbrannt ist. Es handelt sich auch um eine innerjüdische Auseinandersetzung. Das New Yorker Kapitel von BDS, sagt Aloni, sei identisch mit der Gruppe Jewish Voice for Peace. „Von Deutschen lasse ich mir nicht sagen, was ich als Jude zu tun habe!“ Lammert weist diesen Vorwurf zurück: Das habe auf dem Podium niemand getan. Aber Aloni bezieht sich auf den Bundestag: Die Verurteilung von BDS als antisemitisch trifft auch die jüdischen Unterstützer.

Nun gibt es auch jüdische Antisemiten. Es gibt zur Erklärung des Phänomens sogar einen Topos: den jüdischen Selbsthass. Als Lammert nach dem Ende der Veranstaltung das Gespräch mit der Fraktion der Protestler sucht, wird ihm vorgehalten, dass das jüdische Kontingent auf dem Podium aus Selbsthassern bestanden habe. Lammert zeigt sich überrascht darüber, dass überhaupt Juden anwesend sind: Der Zentralrat habe doch erklärt, dass wegen des Sabbat kein Vertreter geschickt werden könne. Er wird darüber aufgeklärt, dass das Ruhegebot nur für religiöse Juden gelte.

Am Existenzrecht des Staates Israel dürfe kein Zweifel aufkommen – von dieser vertrauten Formel versprechen sich die Politiker auf dem Podium sichere Unterscheidungen. Sharp berichtet, die größte Sorge junger Juden in seinem Bekanntenkreis sei die Befürchtung, dass der israelische Staat mit seiner Politik antijüdische Gefühle verstärke. In der deutschen Antisemitismusforschung, wie sie die Studie der TU Berlin unter Federführung von Monika Schwarz-Friesel repräsentiert, gilt dieses Argument selbst als antisemitisch. Der Vergleich von Israel mit dem Apartheidregime in Südafrika und erst recht mit Hitlers Deutschland verbietet sich – für Deutsche, wie auch Stefanie Carp bekräftigt, oder für alle rechtschaffenen Menschen? Aloni nimmt den Verweis der Politiker auf die deutschen Erinnerungspflichten auf: „Genau wie Sie sich für die Juden verantwortlich fühlen, fühle ich mich verantwortlich für die Palästinenser.“

Kulturministerin Pfeiffer-Poensgen äußert später im Gespräch mit dieser Zeitung den Eindruck, in Deutschland wüssten wir noch nicht genug darüber, wie sehr auch unter Juden über BDS gestritten werde. Auch deshalb spricht sich die Ministerin dagegen aus, BDS-Sympathisanten grundsätzlich von der Ruhrtriennale auszuschließen.

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