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De Coubertins Idee : Wie olympisch sind die Olympischen Spiele?

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Eine dieser Maßnahmen war die Verklärung eines olympischen Friedens (ekekeiria), der bei dem antiken Fest angeblich geherrscht habe. Das war eine kühne Behauptung, hatten die alten Griechen es doch lediglich für erforderlich gehalten, dass die Athleten und Zuschauer unbeeinträchtigt durch kriegerische Handlungen zu den Wettkämpfen reisen konnten. Es ging also um Immunität, nicht um Frieden. Weitere Maßnahmen dienten einer Überhöhung der Olympischen Spiele der Neuzeit durch Symbole und Zeremonien. Durch die Erzeugung einer weihevollen Atmosphäre sollten die sportlichen Wettkämpfe von der politisch-sozialen Umwelt separiert werden, um den „olympischen Frieden“ prägnant erfahrbar zu machen.

Siegertreppchen, Feuer, Fackellauf

In dieser Absicht wurde bereits bei den Spielen in Antwerpen 1920 eine olympische Flagge gehisst. Coubertin hatte sie 1913 höchstpersönlich entworfen, um alle Landesfarben der bisherigen Gastgeberländer der Neuzeitspiele abzubilden. Nun, nach dem Weltkrieg, sollten die verschlungenen Ringe als Symbol für die Verbundenheit der fünf Kontinente auf der Erde verstanden werden. In dieselbe Richtung wies der olympische Eid, den die Teilnehmer der Spiele leisten mussten. Sie sollten fortan nicht nur „zur Ehre unseres Vaterlandes“, sondern auch „zum Ruhme des Sports“ kämpfen. Das olympische Feuer als Symbol der Reinheit und des Lebens wurde 1928 in Amsterdam angezündet, als auch Deutschland, der Anstifter des Weltkriegs, wieder teilnehmen durfte. In Los Angeles 1932 wurde das dreistufige Siegertreppchen aufgestellt, das die Athleten über die sie ehrenden Staatsmänner und Funktionäre hinaushob. Bei diesen Spielen wurden die Teilnehmer erstmals auch in einem Olympischen Dorf untergebracht, wo sie sich abseits der politischen und gesellschaftlichen Konflikte miteinander austauschen sollten. Für die Spiele 1936 in Berlin gab das Organisationskomitee bei dem Komponisten Richard Strauss eine olympische Hymne in Auftrag. Zugleich wurde mit dem Fackellauf von den antiken Stätten in Griechenland ins Berliner Stadion das wohl bedeutendste Symbol der olympischen Bewegung geschaffen.

Der greise Coubertin gab den Fackelläufern in einer Radioansprache eine Botschaft mit auf den Weg, in der von einem „kraftvollen und durchgeistigten Frieden“, von Fortschritt und der „Ehre der Menschheit“ die Rede war. Dieser größte gemeinsame Nenner aller Kultur gab den Journalisten, Werbeexperten und den professionellen Olympioniken der Teilnehmerländer ein Stichwort, das geeignet war, ihre eigene Tätigkeit mit Sinn zu erfüllen und aufzuwerten. So bewirkten diese Multiplikatoren im Laufe der Zeit eine nachhaltige kulturelle Aufwertung nicht nur der Olympischen Spiele der Neuzeit, sondern auch der antiken Spiele.

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