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De Coubertins Idee : Wie olympisch sind die Olympischen Spiele?

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Die Kunstgriffe der Kirchenmänner

Der olympische Geist hatte mit den antiken Spielen erst recht nichts zu tun. Das Motto der Neuzeitspiele citius, altius, fortius ist bezeichnenderweise in Latein, nicht Griechisch formuliert, was sich daraus erklärt, dass es aus der Predigt eines Pariser Dominikanerpriesters stammt, die Coubertin außerordentlich beeindruckt hatte. Auf einen weiteren Kirchenmann, den Bischof von Pennsylvania, geht der schwache Trost für die Verlierer zurück, dass die Hauptsache im Leben nicht der Triumph, sondern der Kampf, und das Teilnehmen wichtiger als das Siegen sei. Aus ähnlichen Rücksichten wurden im reformierten englischen Sportmodell des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zweite und dritte Plätze notiert. Die Sitte, diese Anerkennung durch die Vergabe von Medaillen zu unterstreichen, war den Weltausstellungen abgeschaut.

Dass der Amateurgedanke gänzlich un-olympisch war, wurde bereits erwähnt. Hinzuzufügen ist, dass die Sieger des alten Olympia nicht erst nach der Rückkehr in ihre Polis mit Reichtümern überhäuft wurden. Sie erfreuten sich auch schon am Wettkampfort direkter Einnahmen, weil sie die dicke Schicht aus Öl, Schweiß, Blut und Staub, die nach dem Kampf auf ihrer Haut klebte, mit einem goldenen Schaber abzukratzen und dem Publikum unter Verweis auf darin enthaltene magische Kräfte zu verkaufen pflegten.

Immunität anstelle olympischen Friedens

Nur in einem Punkt hatte Coubertin das antike Vorbild wirklich getroffen, nämlich darin, dass er Wettbewerb und Ehrgeiz instrumentalisierte, um Rivalität zu schüren und so an den Patriotismus der Athleten zu appellieren. Der Unterschied zum antiken Olympia bestand lediglich darin, dass die modernen Athleten nicht eine griechische polis, sondern ihren Nationalstaat repräsentierten. Gerade diese Entwicklung erschien Coubertin jedoch zusehends problematisch, begann der „olympische Geist“ doch bereits im Vorfeld des Ersten Weltkriegs sich selbständig zu machen: Manch ein internationaler Konflikt wurde auf dem Sportfeld symbolisch ausgetragen, und so geriet freundliche Konkurrenz immer öfter zu scharfer Rivalität. Coubertin beobachtete all dies mit gemischten Gefühlen. Einerseits entsprach die Entwicklungsdynamik seiner erklärten Absicht des „rebronzer la France“, und so hörte man weder von ihm noch vom IOC Friedensappelle, als der Weltkrieg tatsächlich ausbrach. 1919 nannte er den Krieg sogar eine gelungene „Feuerprobe“ der olympischen Idee und feierte den französischen Sieg über Deutschland als „Sieg des Sports“. Andererseits sah Coubertin, dass der Weltkrieg sein Lebenswerks diskreditierte und gefährdete. Zwar fanden bereits 1920 wieder Olympische Spiele statt (in Antwerpen, also im neutralen Belgien), doch weigerten sich die Siegermächte des Weltkriegs, die Anstifter und Verlierer als Teilnehmer zuzulassen; das war im Übrigen eine generelle Tendenz im internationalen Sport. Coubertin und seine Mitstreiter ergriffen nun gezielte Maßnahmen, um die Figur des Athleten aufzuwerten und den Eigenweltcharakter der Spiele zu unterstreichen.

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