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De Coubertins Idee : Wie olympisch sind die Olympischen Spiele?

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Die Spiele in den Zeiten ihrer Überschaubarkeit: Programmheft der Olympischen Spiele von London im Jahr 1908 Bild: akg-images

Die Antike gilt als Vorbild, nach dem Pierre de Coubertin 1896 die Olympischen Spiele der Neuzeit begründete. Aber die Absichten und Ideale des Franzosen speisten sich aus anderen Quellen.

          In der Antike zählte nur der Sieger. Die Olympischen Spiele waren ein Fest zu Ehren des Zeus. Nur die siegreichen Athleten durften mit Aufmerksamkeit rechnen. Dann wurde ihr Name in Stein gemeißelt, möglicherweise sogar eine Statue von ihnen aufgestellt. Wer aber verlor, der fiel dem Vergessen anheim oder sah sich sogar geächtet, weil er Schande über die Polis brachte, die ihn nach Olympia entsandt hatte. Mancher, der mit großen Hoffnungen nach Olympia gekommen war, sich aber schon im Training ausrechnen konnte, dass er am Ende leer ausgehen würde, trat gar nicht erst zum Wettkampf an, so dass es verschiedentlich zu sogenannten „staublosen Siegen“ kam. Nichts wäre für die Beteiligten befremdlicher gewesen als das Motto „Dabeisein ist alles“. Hätte der französische Baron Pierre de Coubertin (1863-1937) sich diese Merkmale der olympischen agone vergegenwärtigt, als er die „Wiedergeburt“ der antiken Spiele plante, hätte er möglicherweise von der Idee gleich wieder Abstand genommen. Coubertins Nichtwissen war, so gesehen, eine Voraussetzung seiner Initiative.

          Einem weiteren Missverständnis unterlag Coubertin hinsichtlich einer zweiten Quelle seiner Inspiration, der English sports. Denn das englische Verb to sport leitet sich vom lateinischen disportare her und bedeutet „sich zerstreuen“, „sich vergnügen“. Nicht irgendwelchen höheren Zielen sollten jene Wettkämpfe genügen, welche in England seit dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert enorm an Popularität gewonnen hatten, sondern schlicht dem Bedürfnis nach Unterhaltung und Geselligkeit. Da die Entwicklung der Marktgesellschaft auf den Britischen Inseln weit fortgeschritten war, ging es immer auch ums business. Diese kommerziellen Nebenabsichten ließen sich nicht mehr unterdrücken, als Reformer seit den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts begannen, die populären Disziplinen in ihre elitären Klubs und Bildungsinstitutionen zu überführen, sie nach einheitlichen Regeln durchzuführen und die Teilnahme auf sogenannte Amateure zu beschränken. Die professionellen Athleten blieben im Geschäft, und der Sport als Teil der Unterhaltungsindustrie florierte mehr denn je.

          Das antike Modell wurde geplündert

          Durch diese Kombination von Missverständnissen hinsichtlich der griechischen agone und der English sports machte sich Coubertin zu einem Protagonisten der fragwürdigen, weil anachronistischen Vorstellung vom „antiken Sport“ - eine Redeweise, die er nicht erfunden hat, aber zu verbreiten half. Sie hatte ihren Ursprung im „Mythos Olympia“, der in der Renaissance entstanden war und sich seitdem immer wieder erneuert hat. Bildhauer formten Repliken antiker Statuen, Antonio Vivaldi komponierte die Oper L’Olimpiade, und der Buchdruck vermittelte Generationen bildungsbeflissener Europäer die angeblich „griechischen“ Ideale des Humanismus. Das große Medieninteresse für die Ausgrabungen der olympischen Stätten unter Ernst Curtius bewirkte eine scheinbare Konkretisierung der vagen Vorstellungen. Im Zentrum des Mythos standen Athleten mit harmonischem Körperbau, die ihre Kräfte im edlen Wettstreit maßen und das angeblich für die griechische Kultur charakteristische „agonale Prinzip“ (Jakob Burckhardt) feierten.

          Die Redeweise vom „antiken Sport“ verwendeten nicht nur Coubertin und andere seiner Generation mit größter Selbstverständlichkeit; sie hat sich auch in der sportinteressierten Öffentlichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts erhalten und ist mittlerweile sogar von der Altertumswissenschaft übernommen worden. Die damit einhergehende Verschmelzung von Quellenbefund und Interpretation in der „antiken Sportgeschichte“ lässt die Frage, ob und in welcher Hinsicht Coubertin mit seinen Olympischen Spielen der Neuzeit eine Kopie gelang, müßig erscheinen. Doch was bedeutete es für die modernen Olympischen Spiele, dass ein antikes Modell zur Plünderung bereit stand? Wären sie auch ohne diese Inspiration ein so überzeugendes Symbol geworden?

          Das Konzept: eine in doppelter Hinsicht internationale Veranstaltung

          Die ersten „Olympischen Spiele der Neuzeit“ in Athen 1896, die auf Coubertins Initiative ausgerichtet wurden, setzten eine Tradition ähnlicher Veranstaltungen fort, die seit dem siebzehnten Jahrhundert geplant und zum Teil auch durchgeführt worden waren. Die meisten waren von aufgeklärten Fürsten für ihre Untertanen oder den Aktivisten der jungen Nationalbewegungen in Europa und Übersee organisiert worden. Derartige Initiativen lassen sich für Schweden, Ungarn, Frankreich, England, Griechenland und die deutschen Staaten nachweisen; auch aus den Vereinigten Staaten und Kanada gibt es Beispiele. Was unterschied Coubertins Vorhaben von diesen Vorläufern? Worin bestand sein spezifischer Beitrag?

          Die Besonderheit seiner Initiative tritt hervor, wenn man sich vergegenwärtigt, dass er das Naheliegende gerade nicht tat: Coubertin verzichtete auf die Kooperation mit den Olympioniken seiner Zeit, obwohl er manche von ihnen persönlich kannte und Anregungen von ihnen erhalten hatte. Er wagte den Alleingang. Nur bei den Vorbereitungen von Athen 1896 kooperierte er mit den Griechen - offenbar weil sie sich so intensiv um die Finanzierung bemühten. Zu Coubertins Reserviertheit mag beigetragen haben, dass er ein Aristokrat war, als solcher standesbewusst auftrat und sich nicht mit jedem vom Hellenismus beseelten Provinzbürger gemein machen wollte. Auch der Volksfestcharakter mancher lokalen Olympiaveranstaltung dürfte ihn gestört haben. Wichtiger war aber wohl, dass Coubertin bestimmte höhere Ziele, die er als französischer Patriot mit seiner Initiative verband, nur dann erreichen zu können glaubte, wenn er die lokalen und nationalen Grenzen systematisch überschritt und seine Spiele als eine in zweifacher Hinsicht internationale Veranstaltung konzipierte: Teilnehmer und Publikum sollten aus der ganzen Welt kommen, und - ein Affront gegen die Griechen, die eine wiederkehrende Veranstaltung für ihre Hauptstadt sichern wollten - das Fest sollte von Land zu Land wandern.

          Die ausländische Konkurrenz: Dort lag die Zukunft

          Olympia als Wanderzirkus - zu dieser Idee hatten Coubertin die Weltausstellungen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts inspiriert, die ein internationales Publikum in die Metropolen der aufstrebenden Nationalstaaten zogen, um den technischen Fortschritt zu feiern. Die tieferen Motive für seine Initiative sind jedoch in seiner Persönlichkeit zu suchen. Als Spross einer alten französischen Adelsfamilie war Coubertin ein Nationalist, seitdem er als Siebenjähriger die Niederlage Frankreichs gegen Preußen bei Sedan erlebt hatte. Sedan blieb sein Trauma. Er begann über die Ursachen der Niederlage nachzudenken und verschrieb sich der Aufgabe, zum Wiedererstarken seines Vaterlandes beizutragen. „Rebronzer la France“ - für dieses Lebensziel schlug er die Militärkarriere aus und wurde Pädagoge. Konkret strebte Coubertin die Reform der Körpererziehung in den französischen Schulen nach dem Modell des britischen Sports an, war doch, wie die Briten versicherten, die Niederlage Napoleons bei Waterloo „on the playing fields of Eton“ vorbereitet worden.

          Coubertins Bemühungen um die Verankerung des englischen Sports im französischen Schulsystem blieb der Erfolg versagt - eine Erfahrung, die umso enttäuschender für ihn war, als die Schulen sich stattdessen auf gymnastische Übungen verlegten, welche dem Turnen des preußischen Erbfeindes sehr ähnlich waren. Er versuchte daher, sein Ziel mit indirekten Mitteln zu erreichen. „Es musste ein internationales Anliegen werden, weil in Frankreich nur die Anregungen, die von außen kommen, einen dauerhaften und wirksamen Einfluss haben“, schrieb er rückblickend. „Die ausländische Konkurrenz. Dort lag die Zukunft. Es galt Kontakte zu schaffen zwischen unserer jungen französischen Leichtathletik und der in anderen Ländern, die uns auf dem Weg der Körperertüchtigung vorangegangen waren. Diese Kontakte mussten ... regelmäßig stattfinden und mit einem gewissen Prestige ausgestattet sein.“

          Ein Drittel Friedensfreunde auf der Patronageliste

          Worin lag Coubertins Vertrauen in die Kraft des Internationalismus begründet? Eine Antwort lautet: in der Beobachtung des regen internationalen Wettkampfbetriebs im europäischen Sport seiner Zeit. Denn das Modell der nach verbindlichen Regeln durchgeführten und beaufsichtigten Wettkampfveranstaltungen war aus England auf den Kontinent und so auch nach Frankreich exportiert worden; die English sports hatten daher per definitionem internationalen Charakter. Bei Leichtathletikwettbewerben, die im Rahmen von internationalen Gewerbeausstellungen und Weltausstellungen stattfanden, zeigte sich überdies, dass die English sports durchaus geeignet waren, sich mit dem ausgeprägten Nationalismus der jungen europäischen Nationalstaaten zu verbinden - ein Effekt, der durch Zeremonien wie Flaggenhissen und Hymnenabspielen verstärkt werden konnte.

          Coubertin lebte in Paris, seine Stadtwohnung lag nur wenige Schritte vom Weltausstellungsgebäude entfernt. Zu seinen Freunden und Bekannten, die dort ein- und ausgingen, gehörten neben Geschäftsleuten auch Aktivisten der Friedensbewegung, einer weiteren internationalen Erscheinung der Zeit. Coubertin hatte Zugang zu diesen Kreisen gefunden, als er an der Vorbereitung eines internationalen Kongresses für Körpererziehung mitwirkte, der im Rahmen der Weltausstellung von 1889 stattfand. Seine Friedensfreunde, darunter mehrere spätere Nobelpreisträger, stellten schließlich etwa ein Drittel der Namen auf der Patronageliste jenes internationalen Kongresses zur Diskussion der Amateurfrage im Sport, auf dem 1894 das Comité Internationale Olympique ins Leben gerufen wurde.

          Die wertvollen Verbindungen des Hochadels

          Längerfristig waren es jedoch weder die Geschäftsleute noch die Friedensfreunde, die Coubertins olympische Initiative zu einer internationalen machten, sondern jene Angehörigen des europäischen Hochadels, die er in das IOC berief. Er tat das aus pragmatischen Überlegungen. Erstens waren seine Standesgenossen, anders als potentielle bürgerliche Komiteemitglieder, nicht auf das nationale Prinzip, sondern auf ihre verwandtschaftlichen Blutsbande eingeschworen, und diese überspannten die Grenzen der Nationalstaaten. Zweitens hatten sie keine Einwände gegen Coubertins Führungsrolle und die undemokratische Entscheidungsfindung im IOC. Drittens waren sie reich genug, um ihre Reisekosten zu den Olympischen Spielen und Kongressen in aller Welt selbst zu bestreiten. Und viertens verfügten sie über wertvolle Verbindungen zu den europäischen Königshäusern und Regierungen; sie konnten daher als „Botschafter“ des Komitees in ihren jeweiligen Ländern betrachtet werden.

          Dieser letzte Aspekt erwies sich aus der historischen Rückschau auch deshalb als wichtig, weil die Olympischen Spiele nach dem gelungenen Auftakt in Athen 1896, als der Einmarsch der Nationen ins Stadion die angestrebte Verbindung von Internationalismus und Nationalismus augenfällig dargestellt hatte, nicht nach Coubertins Vorstellungen verliefen. Die Spiele von 1900 in Paris und die von 1904 in St. Louis waren Teil des Rahmenprogramms der dort organisierten Weltausstellungen, so dass sie in der Sportöffentlichkeit kaum Beachtung fanden, und der Amateurgedanke als fester Bestandteil des spezifisch englischen Verständnisses von sportsmanship war dem Publikum in dem kommerziellen Umfeld nicht zu vermitteln. Selbst manche Athleten waren sich nicht darüber im Klaren, dass sie an Olympischen Spielen teilnahmen.

          Wechselseitige Befruchtung der sportlichen und nationalen Rivalität

          Es bedeutete daher eine entscheidende Wende in der Geschichte der jungen olympischen Bewegung, als der Cheforganisator der Londoner Spiele 1908, das IOC-Mitglied Lord Desborough of Taplow, dafür sorgte, dass für dieses Ereignis eigens ein repräsentatives Stadion gebaut wurde und die Wettkämpfe explizit als „Olympische Spiele“ firmierten. London 1908 erwies sich auch in anderer Hinsicht als Weichenstellung. Zwar fanden auch diese Spiele noch einmal im Rahmen einer Ausstellung, diesmal einer franco-britischen Gewerbeschau, statt, doch war Lord Desborough sensibel genug, um vorauszusehen, dass die Veranstaltung bei den governing bodies des englischen Sports nur dann Resonanz finden würde, wenn die Amateurregel für die Olympiateilnehmer obligatorisch wurde. Daher lud er internationale Vertreter der einzelnen Disziplinen schon in der Planungsphase in ein Komitee für den Umgang mit dem Amateurprinzip ein, das einen „code of rules for every sport“ erarbeiten sollte. Dieser Code wurde dann in drei Sprachen übersetzt und musste von den Vertretern aller Teilnehmerländer anerkannt werden. Auf diese Weise wurde der Amateurgedanke in den Regularien der Olympischen Spiele verankert und - das war ein von Lord Desborough und Coubertin gleichermaßen angestrebter Nebeneffekt - das englische Sportmodell erneut bekräftigt. Denn anderswo in Europa hatte man zum Teil abweichende Vorstellungen und wollte eigene Ideen einbringen.

          Bei den letzten Spielen vor dem Ersten Weltkrieg in Schweden 1912 spielten Aristokraten ebenfalls eine Vermittlerrolle und erreichten, dass sich das Königshaus und die Regierung für die Veranstaltung engagierten. Mit Stockholm machte erstmals auch die ausrichtende Stadt die Olympischen Spiele zu ihrer Sache. In die Vorbereitung der Spiele von Berlin 1916 schalteten sich der deutsche Kaiser und das Militär ein, und es wurde ein Reichstrainer für Leichtathletik eingestellt, um olympiaverdächtige Soldaten fit zu machen. Ähnlicher Aufmerksamkeit beim Establishment erfreuten sich die Spiele in Dänemark, Norwegen, Russland und in einigen lateinamerikanischen Staaten. Coubertin durfte sich daher in seinen Erwartungen bestätigt fühlen, dass über internationale Wettkämpfe eine wechselseitige Befruchtung der sportlichen und nationalen Rivalität zustande kommen könnte.

          Finden sich bei Coubertin überhaupt antike Elemente?

          Dies umso mehr, als auch die Zuschauer die olympischen Wettkämpfe zunehmend als eine Angelegenheit des nationalen Prestiges betrachteten. Amerikanische und britische Schlachtenbummler kauften Eintrittskarten en bloc, bildeten auf den Tribünen einen Pulk, winkten mit Fähnchen und skandierten nationalistische Parolen. Tageszeitungen veröffentlichten Medaillenspiegel und Weltrekordtabellen, und in Publikationen europäischer Intellektueller wurde der Krieg als „der vornehmste Sport“ bezeichnet.

          Angesichts der vielfältigen Erwägungen, die Coubertin mit seiner olympischen Initiative verband, erscheint seine Reverenz an die Spiele der Antike als eine zusätzliche, aber letztlich eher nebensächliche Werbemaßnahme, um dem gebildeten Publikum die Seriosität seines Unternehmens zu versichern. Er ging mit dem historischen Modell bewusst pragmatisch um: „Das neue Olympia darf das antike nur insoweit berücksichtigen, als die Erfordernisse der Gegenwart mit den antiken Gebräuchen zusammentreffen“, schrieb er 1908. „Außerhalb dieser Zufälligkeit muss man Neuerungen einführen.“ Diese pragmatische Sicht der Dinge provoziert die Frage, ob in dem Programm, das Coubertin der Welt als „Olympische Spiele der Neuzeit“ hinterließ, überhaupt Elemente des antiken Modells wiederzufinden sind.

          Dampfsegeln, Pistolenschießen, Lawn Tennis

          Die Betrachtung der frühen Spiele von Athen 1896 bis Stockholm 1912 unter diesem Gesichtspunkt ergibt ein weitgehend negatives Ergebnis. Die wichtigste Übereinstimmung war der vierjährige Rhythmus der Spiele, der sich endgültig durchsetzte, nachdem die Griechen im IOC 1906 noch einmal olympische „Zwischenspiele“ in Athen veranstaltet hatten. Eine weitere Gemeinsamkeit war der Ausschluss von Frauen aus der Gruppe der Athleten. An anderen Wettkämpfen der Antike hatten Frauen und Mädchen vereinzelt teilnehmen dürfen; in Olympia war das jedoch nicht der Fall gewesen. Coubertin verteidigte dieses antike Erbe auch dann noch, als seine Mitstreiter im IOC sich in den zwanziger Jahren dem Zeitgeist anpassten. Über diese beiden Punkte hinaus war der Bezug auf die Antike recht uneindeutig, zumal unter Berufung auf die alten Spiele auch solche Gestaltungsmerkmale zur Geltung gebracht wurden, die mit dem Vorbild nicht das Geringste zu tun hatten. Das betrifft nicht nur den dezidiert weltlichen Rahmen der Olympischen Spiele der Neuzeit, sondern auch die Wettkämpfe im engeren Sinn.

          Betrachtet man das Spektrum der Sportdisziplinen bei den Spielen 1896 bis 1912, zeigt sich, dass die Herkunft der meisten anderswo als im antiken Olympia zu suchen ist. Sicher, Lauf-, Sprung- und Wurfwettbewerbe, Box- und Ringkämpfe waren auch dort schon durchgeführt worden. Aber aktuell stand ohne Zweifel England Pate, weil die dort gültigen Sportregeln zugrunde gelegt wurden - übrigens auch bei den Wettbewerben im Schwimmen und Gewichtheben sowie beim Fußballturnier, die keine antiken Vorläufer hatten. Lediglich das in England nicht beliebte Diskuswerfen war dem antiken Vorbild abgeschaut. Der Marathonlauf war griechisch, nicht olympisch. Vielleicht sollte ein für London 1908 geplantes Autorennen Reminiszenzen an das olympische Wagenrennen wecken. Aber schon beim „Dampfsegeln“ und Pistolenschießen verbieten sich solche Spekulationen, sind antike Vorläufer für diese Sportarten des modernen Industriezeitalters doch ebenso wenig zu ermitteln wie für Lawn Tennis, ein um 1870 erfundenes Gesellschaftsspiel, für das man das Equipment über den Versandhandel beziehen konnte. Es bleibt das Fechten, also jene Disziplin, die Coubertin selbst aktiv betrieb und die später in den „modernen Fünfkampf“ integriert wurde. Doch auch dem Fechten fehlte die antike Grundlage. Diese Disziplin war vielmehr eine Hommage an die im Untergang begriffene Kultur des europäischen Adels und sein Statussymbol, den Degen.

          Die Kunstgriffe der Kirchenmänner

          Der olympische Geist hatte mit den antiken Spielen erst recht nichts zu tun. Das Motto der Neuzeitspiele citius, altius, fortius ist bezeichnenderweise in Latein, nicht Griechisch formuliert, was sich daraus erklärt, dass es aus der Predigt eines Pariser Dominikanerpriesters stammt, die Coubertin außerordentlich beeindruckt hatte. Auf einen weiteren Kirchenmann, den Bischof von Pennsylvania, geht der schwache Trost für die Verlierer zurück, dass die Hauptsache im Leben nicht der Triumph, sondern der Kampf, und das Teilnehmen wichtiger als das Siegen sei. Aus ähnlichen Rücksichten wurden im reformierten englischen Sportmodell des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts zweite und dritte Plätze notiert. Die Sitte, diese Anerkennung durch die Vergabe von Medaillen zu unterstreichen, war den Weltausstellungen abgeschaut.

          Dass der Amateurgedanke gänzlich un-olympisch war, wurde bereits erwähnt. Hinzuzufügen ist, dass die Sieger des alten Olympia nicht erst nach der Rückkehr in ihre Polis mit Reichtümern überhäuft wurden. Sie erfreuten sich auch schon am Wettkampfort direkter Einnahmen, weil sie die dicke Schicht aus Öl, Schweiß, Blut und Staub, die nach dem Kampf auf ihrer Haut klebte, mit einem goldenen Schaber abzukratzen und dem Publikum unter Verweis auf darin enthaltene magische Kräfte zu verkaufen pflegten.

          Immunität anstelle olympischen Friedens

          Nur in einem Punkt hatte Coubertin das antike Vorbild wirklich getroffen, nämlich darin, dass er Wettbewerb und Ehrgeiz instrumentalisierte, um Rivalität zu schüren und so an den Patriotismus der Athleten zu appellieren. Der Unterschied zum antiken Olympia bestand lediglich darin, dass die modernen Athleten nicht eine griechische polis, sondern ihren Nationalstaat repräsentierten. Gerade diese Entwicklung erschien Coubertin jedoch zusehends problematisch, begann der „olympische Geist“ doch bereits im Vorfeld des Ersten Weltkriegs sich selbständig zu machen: Manch ein internationaler Konflikt wurde auf dem Sportfeld symbolisch ausgetragen, und so geriet freundliche Konkurrenz immer öfter zu scharfer Rivalität. Coubertin beobachtete all dies mit gemischten Gefühlen. Einerseits entsprach die Entwicklungsdynamik seiner erklärten Absicht des „rebronzer la France“, und so hörte man weder von ihm noch vom IOC Friedensappelle, als der Weltkrieg tatsächlich ausbrach. 1919 nannte er den Krieg sogar eine gelungene „Feuerprobe“ der olympischen Idee und feierte den französischen Sieg über Deutschland als „Sieg des Sports“. Andererseits sah Coubertin, dass der Weltkrieg sein Lebenswerks diskreditierte und gefährdete. Zwar fanden bereits 1920 wieder Olympische Spiele statt (in Antwerpen, also im neutralen Belgien), doch weigerten sich die Siegermächte des Weltkriegs, die Anstifter und Verlierer als Teilnehmer zuzulassen; das war im Übrigen eine generelle Tendenz im internationalen Sport. Coubertin und seine Mitstreiter ergriffen nun gezielte Maßnahmen, um die Figur des Athleten aufzuwerten und den Eigenweltcharakter der Spiele zu unterstreichen.

          Eine dieser Maßnahmen war die Verklärung eines olympischen Friedens (ekekeiria), der bei dem antiken Fest angeblich geherrscht habe. Das war eine kühne Behauptung, hatten die alten Griechen es doch lediglich für erforderlich gehalten, dass die Athleten und Zuschauer unbeeinträchtigt durch kriegerische Handlungen zu den Wettkämpfen reisen konnten. Es ging also um Immunität, nicht um Frieden. Weitere Maßnahmen dienten einer Überhöhung der Olympischen Spiele der Neuzeit durch Symbole und Zeremonien. Durch die Erzeugung einer weihevollen Atmosphäre sollten die sportlichen Wettkämpfe von der politisch-sozialen Umwelt separiert werden, um den „olympischen Frieden“ prägnant erfahrbar zu machen.

          Siegertreppchen, Feuer, Fackellauf

          In dieser Absicht wurde bereits bei den Spielen in Antwerpen 1920 eine olympische Flagge gehisst. Coubertin hatte sie 1913 höchstpersönlich entworfen, um alle Landesfarben der bisherigen Gastgeberländer der Neuzeitspiele abzubilden. Nun, nach dem Weltkrieg, sollten die verschlungenen Ringe als Symbol für die Verbundenheit der fünf Kontinente auf der Erde verstanden werden. In dieselbe Richtung wies der olympische Eid, den die Teilnehmer der Spiele leisten mussten. Sie sollten fortan nicht nur „zur Ehre unseres Vaterlandes“, sondern auch „zum Ruhme des Sports“ kämpfen. Das olympische Feuer als Symbol der Reinheit und des Lebens wurde 1928 in Amsterdam angezündet, als auch Deutschland, der Anstifter des Weltkriegs, wieder teilnehmen durfte. In Los Angeles 1932 wurde das dreistufige Siegertreppchen aufgestellt, das die Athleten über die sie ehrenden Staatsmänner und Funktionäre hinaushob. Bei diesen Spielen wurden die Teilnehmer erstmals auch in einem Olympischen Dorf untergebracht, wo sie sich abseits der politischen und gesellschaftlichen Konflikte miteinander austauschen sollten. Für die Spiele 1936 in Berlin gab das Organisationskomitee bei dem Komponisten Richard Strauss eine olympische Hymne in Auftrag. Zugleich wurde mit dem Fackellauf von den antiken Stätten in Griechenland ins Berliner Stadion das wohl bedeutendste Symbol der olympischen Bewegung geschaffen.

          Der greise Coubertin gab den Fackelläufern in einer Radioansprache eine Botschaft mit auf den Weg, in der von einem „kraftvollen und durchgeistigten Frieden“, von Fortschritt und der „Ehre der Menschheit“ die Rede war. Dieser größte gemeinsame Nenner aller Kultur gab den Journalisten, Werbeexperten und den professionellen Olympioniken der Teilnehmerländer ein Stichwort, das geeignet war, ihre eigene Tätigkeit mit Sinn zu erfüllen und aufzuwerten. So bewirkten diese Multiplikatoren im Laufe der Zeit eine nachhaltige kulturelle Aufwertung nicht nur der Olympischen Spiele der Neuzeit, sondern auch der antiken Spiele.

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