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De Coubertins Idee : Wie olympisch sind die Olympischen Spiele?

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Finden sich bei Coubertin überhaupt antike Elemente?

Dies umso mehr, als auch die Zuschauer die olympischen Wettkämpfe zunehmend als eine Angelegenheit des nationalen Prestiges betrachteten. Amerikanische und britische Schlachtenbummler kauften Eintrittskarten en bloc, bildeten auf den Tribünen einen Pulk, winkten mit Fähnchen und skandierten nationalistische Parolen. Tageszeitungen veröffentlichten Medaillenspiegel und Weltrekordtabellen, und in Publikationen europäischer Intellektueller wurde der Krieg als „der vornehmste Sport“ bezeichnet.

Angesichts der vielfältigen Erwägungen, die Coubertin mit seiner olympischen Initiative verband, erscheint seine Reverenz an die Spiele der Antike als eine zusätzliche, aber letztlich eher nebensächliche Werbemaßnahme, um dem gebildeten Publikum die Seriosität seines Unternehmens zu versichern. Er ging mit dem historischen Modell bewusst pragmatisch um: „Das neue Olympia darf das antike nur insoweit berücksichtigen, als die Erfordernisse der Gegenwart mit den antiken Gebräuchen zusammentreffen“, schrieb er 1908. „Außerhalb dieser Zufälligkeit muss man Neuerungen einführen.“ Diese pragmatische Sicht der Dinge provoziert die Frage, ob in dem Programm, das Coubertin der Welt als „Olympische Spiele der Neuzeit“ hinterließ, überhaupt Elemente des antiken Modells wiederzufinden sind.

Dampfsegeln, Pistolenschießen, Lawn Tennis

Die Betrachtung der frühen Spiele von Athen 1896 bis Stockholm 1912 unter diesem Gesichtspunkt ergibt ein weitgehend negatives Ergebnis. Die wichtigste Übereinstimmung war der vierjährige Rhythmus der Spiele, der sich endgültig durchsetzte, nachdem die Griechen im IOC 1906 noch einmal olympische „Zwischenspiele“ in Athen veranstaltet hatten. Eine weitere Gemeinsamkeit war der Ausschluss von Frauen aus der Gruppe der Athleten. An anderen Wettkämpfen der Antike hatten Frauen und Mädchen vereinzelt teilnehmen dürfen; in Olympia war das jedoch nicht der Fall gewesen. Coubertin verteidigte dieses antike Erbe auch dann noch, als seine Mitstreiter im IOC sich in den zwanziger Jahren dem Zeitgeist anpassten. Über diese beiden Punkte hinaus war der Bezug auf die Antike recht uneindeutig, zumal unter Berufung auf die alten Spiele auch solche Gestaltungsmerkmale zur Geltung gebracht wurden, die mit dem Vorbild nicht das Geringste zu tun hatten. Das betrifft nicht nur den dezidiert weltlichen Rahmen der Olympischen Spiele der Neuzeit, sondern auch die Wettkämpfe im engeren Sinn.

Betrachtet man das Spektrum der Sportdisziplinen bei den Spielen 1896 bis 1912, zeigt sich, dass die Herkunft der meisten anderswo als im antiken Olympia zu suchen ist. Sicher, Lauf-, Sprung- und Wurfwettbewerbe, Box- und Ringkämpfe waren auch dort schon durchgeführt worden. Aber aktuell stand ohne Zweifel England Pate, weil die dort gültigen Sportregeln zugrunde gelegt wurden - übrigens auch bei den Wettbewerben im Schwimmen und Gewichtheben sowie beim Fußballturnier, die keine antiken Vorläufer hatten. Lediglich das in England nicht beliebte Diskuswerfen war dem antiken Vorbild abgeschaut. Der Marathonlauf war griechisch, nicht olympisch. Vielleicht sollte ein für London 1908 geplantes Autorennen Reminiszenzen an das olympische Wagenrennen wecken. Aber schon beim „Dampfsegeln“ und Pistolenschießen verbieten sich solche Spekulationen, sind antike Vorläufer für diese Sportarten des modernen Industriezeitalters doch ebenso wenig zu ermitteln wie für Lawn Tennis, ein um 1870 erfundenes Gesellschaftsspiel, für das man das Equipment über den Versandhandel beziehen konnte. Es bleibt das Fechten, also jene Disziplin, die Coubertin selbst aktiv betrieb und die später in den „modernen Fünfkampf“ integriert wurde. Doch auch dem Fechten fehlte die antike Grundlage. Diese Disziplin war vielmehr eine Hommage an die im Untergang begriffene Kultur des europäischen Adels und sein Statussymbol, den Degen.

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