https://www.faz.net/-gqz-71hg5

De Coubertins Idee : Wie olympisch sind die Olympischen Spiele?

  • -Aktualisiert am

Dieser letzte Aspekt erwies sich aus der historischen Rückschau auch deshalb als wichtig, weil die Olympischen Spiele nach dem gelungenen Auftakt in Athen 1896, als der Einmarsch der Nationen ins Stadion die angestrebte Verbindung von Internationalismus und Nationalismus augenfällig dargestellt hatte, nicht nach Coubertins Vorstellungen verliefen. Die Spiele von 1900 in Paris und die von 1904 in St. Louis waren Teil des Rahmenprogramms der dort organisierten Weltausstellungen, so dass sie in der Sportöffentlichkeit kaum Beachtung fanden, und der Amateurgedanke als fester Bestandteil des spezifisch englischen Verständnisses von sportsmanship war dem Publikum in dem kommerziellen Umfeld nicht zu vermitteln. Selbst manche Athleten waren sich nicht darüber im Klaren, dass sie an Olympischen Spielen teilnahmen.

Wechselseitige Befruchtung der sportlichen und nationalen Rivalität

Es bedeutete daher eine entscheidende Wende in der Geschichte der jungen olympischen Bewegung, als der Cheforganisator der Londoner Spiele 1908, das IOC-Mitglied Lord Desborough of Taplow, dafür sorgte, dass für dieses Ereignis eigens ein repräsentatives Stadion gebaut wurde und die Wettkämpfe explizit als „Olympische Spiele“ firmierten. London 1908 erwies sich auch in anderer Hinsicht als Weichenstellung. Zwar fanden auch diese Spiele noch einmal im Rahmen einer Ausstellung, diesmal einer franco-britischen Gewerbeschau, statt, doch war Lord Desborough sensibel genug, um vorauszusehen, dass die Veranstaltung bei den governing bodies des englischen Sports nur dann Resonanz finden würde, wenn die Amateurregel für die Olympiateilnehmer obligatorisch wurde. Daher lud er internationale Vertreter der einzelnen Disziplinen schon in der Planungsphase in ein Komitee für den Umgang mit dem Amateurprinzip ein, das einen „code of rules for every sport“ erarbeiten sollte. Dieser Code wurde dann in drei Sprachen übersetzt und musste von den Vertretern aller Teilnehmerländer anerkannt werden. Auf diese Weise wurde der Amateurgedanke in den Regularien der Olympischen Spiele verankert und - das war ein von Lord Desborough und Coubertin gleichermaßen angestrebter Nebeneffekt - das englische Sportmodell erneut bekräftigt. Denn anderswo in Europa hatte man zum Teil abweichende Vorstellungen und wollte eigene Ideen einbringen.

Bei den letzten Spielen vor dem Ersten Weltkrieg in Schweden 1912 spielten Aristokraten ebenfalls eine Vermittlerrolle und erreichten, dass sich das Königshaus und die Regierung für die Veranstaltung engagierten. Mit Stockholm machte erstmals auch die ausrichtende Stadt die Olympischen Spiele zu ihrer Sache. In die Vorbereitung der Spiele von Berlin 1916 schalteten sich der deutsche Kaiser und das Militär ein, und es wurde ein Reichstrainer für Leichtathletik eingestellt, um olympiaverdächtige Soldaten fit zu machen. Ähnlicher Aufmerksamkeit beim Establishment erfreuten sich die Spiele in Dänemark, Norwegen, Russland und in einigen lateinamerikanischen Staaten. Coubertin durfte sich daher in seinen Erwartungen bestätigt fühlen, dass über internationale Wettkämpfe eine wechselseitige Befruchtung der sportlichen und nationalen Rivalität zustande kommen könnte.

Weitere Themen

Topmeldungen

Rennen um May-Nachfolge : Der unerwartete Rivale

Sollte Boris Johnson genügend Stimmen bekommen, könnte er heute schon als Nachfolger von Theresa May feststehen. Doch Rory Stewart, der als Hoffnung der moderaten Konservativen gilt, will das verhindern.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.