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De Coubertins Idee : Wie olympisch sind die Olympischen Spiele?

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Die Redeweise vom „antiken Sport“ verwendeten nicht nur Coubertin und andere seiner Generation mit größter Selbstverständlichkeit; sie hat sich auch in der sportinteressierten Öffentlichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts erhalten und ist mittlerweile sogar von der Altertumswissenschaft übernommen worden. Die damit einhergehende Verschmelzung von Quellenbefund und Interpretation in der „antiken Sportgeschichte“ lässt die Frage, ob und in welcher Hinsicht Coubertin mit seinen Olympischen Spielen der Neuzeit eine Kopie gelang, müßig erscheinen. Doch was bedeutete es für die modernen Olympischen Spiele, dass ein antikes Modell zur Plünderung bereit stand? Wären sie auch ohne diese Inspiration ein so überzeugendes Symbol geworden?

Das Konzept: eine in doppelter Hinsicht internationale Veranstaltung

Die ersten „Olympischen Spiele der Neuzeit“ in Athen 1896, die auf Coubertins Initiative ausgerichtet wurden, setzten eine Tradition ähnlicher Veranstaltungen fort, die seit dem siebzehnten Jahrhundert geplant und zum Teil auch durchgeführt worden waren. Die meisten waren von aufgeklärten Fürsten für ihre Untertanen oder den Aktivisten der jungen Nationalbewegungen in Europa und Übersee organisiert worden. Derartige Initiativen lassen sich für Schweden, Ungarn, Frankreich, England, Griechenland und die deutschen Staaten nachweisen; auch aus den Vereinigten Staaten und Kanada gibt es Beispiele. Was unterschied Coubertins Vorhaben von diesen Vorläufern? Worin bestand sein spezifischer Beitrag?

Die Besonderheit seiner Initiative tritt hervor, wenn man sich vergegenwärtigt, dass er das Naheliegende gerade nicht tat: Coubertin verzichtete auf die Kooperation mit den Olympioniken seiner Zeit, obwohl er manche von ihnen persönlich kannte und Anregungen von ihnen erhalten hatte. Er wagte den Alleingang. Nur bei den Vorbereitungen von Athen 1896 kooperierte er mit den Griechen - offenbar weil sie sich so intensiv um die Finanzierung bemühten. Zu Coubertins Reserviertheit mag beigetragen haben, dass er ein Aristokrat war, als solcher standesbewusst auftrat und sich nicht mit jedem vom Hellenismus beseelten Provinzbürger gemein machen wollte. Auch der Volksfestcharakter mancher lokalen Olympiaveranstaltung dürfte ihn gestört haben. Wichtiger war aber wohl, dass Coubertin bestimmte höhere Ziele, die er als französischer Patriot mit seiner Initiative verband, nur dann erreichen zu können glaubte, wenn er die lokalen und nationalen Grenzen systematisch überschritt und seine Spiele als eine in zweifacher Hinsicht internationale Veranstaltung konzipierte: Teilnehmer und Publikum sollten aus der ganzen Welt kommen, und - ein Affront gegen die Griechen, die eine wiederkehrende Veranstaltung für ihre Hauptstadt sichern wollten - das Fest sollte von Land zu Land wandern.

Die ausländische Konkurrenz: Dort lag die Zukunft

Olympia als Wanderzirkus - zu dieser Idee hatten Coubertin die Weltausstellungen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts inspiriert, die ein internationales Publikum in die Metropolen der aufstrebenden Nationalstaaten zogen, um den technischen Fortschritt zu feiern. Die tieferen Motive für seine Initiative sind jedoch in seiner Persönlichkeit zu suchen. Als Spross einer alten französischen Adelsfamilie war Coubertin ein Nationalist, seitdem er als Siebenjähriger die Niederlage Frankreichs gegen Preußen bei Sedan erlebt hatte. Sedan blieb sein Trauma. Er begann über die Ursachen der Niederlage nachzudenken und verschrieb sich der Aufgabe, zum Wiedererstarken seines Vaterlandes beizutragen. „Rebronzer la France“ - für dieses Lebensziel schlug er die Militärkarriere aus und wurde Pädagoge. Konkret strebte Coubertin die Reform der Körpererziehung in den französischen Schulen nach dem Modell des britischen Sports an, war doch, wie die Briten versicherten, die Niederlage Napoleons bei Waterloo „on the playing fields of Eton“ vorbereitet worden.

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