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Frauen gegen die SED-Diktatur : Wie DDR-Schriftstellerinnen kämpften

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Von Anfang an waren sie da: die Rückgratverteidiger, die Gegenstimmen, das andere, unbenannte Gesicht der ostdeutschen Literatur. Bild: Picture-Alliance

Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung werden ostdeutsche Autorinnen preisgekrönt. Aber weitaus mehr wurden von der DDR zum Verstummen gebracht. Wer waren, wer sind sie? Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Der diesjährige Bachmann-Preis an Helga Schubert, Jahrgang 1940, war ein Coup. Einer Schriftstellerin, die aus politischen Gründen zu Zeiten der DDR nicht am Bachmann-Preis teilnehmen durfte und nun mit einem starken Text an den Start ging, der gebührte das Ding nun mal. Der Preis war Würdigung, Rehabilitierung und Genugtuung zugleich. Er kam spät und doch merkwürdig auf den Punkt. Als hätte sich eine Tür geöffnet. Dabei erzählt Helga Schubert heute, was und wie sie immer erzählt hat. Über das Ostdeutsche, den endlosen Nachkrieg, die Doppeldiktatur, die Traumata, die Mythen, die oft heillosen Familienbanden, die mitunter zu Drahtseilen werden. Sie ist eine Meisterin des Faktischen, Präzisen. Eine, die sich über Jahre in die Archive hockt, um dann ein Buch über Verräterinnen im Nationalsozialismus zu schreiben. Eine, die ihren nahesten Freundinnen in den Alltag blickt, um dann zu sagen: „Wo Leben ist, da ist auch Schmerz.“ Die Prosa, die in der Folge entstand, konnte sie seit Mitte der siebziger Jahre zum großen Teil veröffentlichen, dabei immer in Distanz zu den Verhältnissen. Als Psychologin hat Helga Schubert über Jahrzehnte den Gefühlscontainer des Ostens abgescannt, um nach 1989 zu konstatieren: „Die Sache ist vertrackt.“

          Sie meinte das Komplexe an Ideologie, an Formiertem, an Schmerz und ließ sich Zeit, um ihr Schreibkonzept zu schärfen – eine ästhetische Politik des Gefühls, die auf eine Art Nachzeit, ein anderes Zeitmaß, auf mimetische Wundheilung aus ist. Sorgsam anschauen, Stück für Stück auseinandernehmen, sortieren, neu zusammensetzen, integrieren, vermitteln, den genauen Punkt treffen. Das muss man draufhaben, sonst war alles umsonst.

          Der Blick Richtung Osten, hin zu dessen poetischem Gegengedächtnis, scheint sich nun langsam zu weiten. Kurz nach der Ehrung Helga Schuberts wurde bekannt, dass die 1949 in die DDR übergesiedelte Elke Erb in diesem Jahr für ihr Gesamtwerk den Büchner-Preis erhält. Auch sie war eine, die die hartnäckigen Ideologieangebote der DDR wie fremde Vögel an sich vorüberziehen ließ. „Ich habe den Verhältnissen gekündigt, sie waren falsch“, schrieb sie schon 1965 lapidar. Helga Schubert und Elke Erb konnten über alle erdenklichen Hindernisse hinweg in der DDR veröffentlichen. Wo aber sind die, denen das verunmöglicht wurde?

          Elke Erb
          Elke Erb : Bild: Picture-Alliance

          Von Anfang an waren sie da: die Rückgratverteidiger, die Gegenstimmen, das andere, unbenannte Gesicht der ostdeutschen Literatur. Eine Frau wie Edeltraud Eckert etwa. 1930 in Schlesien geboren, Flucht am Ende des Krieges zusammen mit der Familie nach Brandenburg, verspätetes Abitur, dann Studium an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und ihre Begeisterung für die neue Idee: ein neuer Staat, endlich auch für die Frauen. Als Edeltraud Eckert jedoch von der Existenz der nach 1945 vom sowjetischen Geheimdienst in Ostdeutschland eingerichteten NKWD-Lager hörte, war der Schock groß. Das sollte die Realität des sozialistischen Projektes sein, an das sie glaubte? Zusammen mit drei Freunden gründete sie eine kleine Widerstandsgruppe: Informationen, Verbindungsaufnahme in den Westen, Flugblattaktionen. Bevor die vier jedoch überhaupt aktiv werden konnten, flogen sie auf. Im Juli 1950 in Potsdam dann der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit: keine Entlastungszeugen, keine Verteidigung. Entsprechend das Urteil: für Edeltraud Eckert 25 Jahre Haft und Arbeitslager – drastisch und dennoch üblich für die frühe DDR. Die Zwanzigjährige kam ins Zuchthaus Bautzen, dann nach Waldheim, schließlich in die Frauenvollzugsanstalt Hoheneck. Schlimmste Haftbedingungen, Hunger, die Willkür des Gefängnisalltags, und doch schrieb sie Gedichte. Im Januar 1955, nach fast fünf Jahren Haft, ein schwerer Arbeitsunfall: Eckerts Haare gerieten in die Getriebewelle, die Kopfhaut wurde großflächig abgerissen, die Wunde nicht behandelt. Edeltraud Eckert starb im April 1955 im Haftkrankenhaus Meusdorf bei Leipzig an Wundstarrkrampf. Zwei Tage später die anonyme Einäscherung. Die Eltern erhielten ein Paket. Darin das Kostüm, das ihre Tochter zum Zeitpunkt der Verhaftung getragen hatte, ein paar Habseligkeiten, ein kleines Oktavheft. Darin ihre Gedichte.

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