https://www.faz.net/-gqz-9xqbv

David Grossmans Corona-Tagebuch : Die Phantasie sieht nicht nur schwarz

  • -Aktualisiert am

Am Damaskustor der ummauerten Altstadt von Jerusalem Bild: AFP

Möglicherweise werden sich manche nun erstmals fragen, warum Israelis und Palästinenser sich von einem Konflikt, der längst beigelegt sein könnte, das Dasein unerträglich machen lassen. Ein Gastbeitrag.

          6 Min.

          Sie ist größer als wir, die Seuche. Sie ist stärker als jeder Feind aus Fleisch und Blut, dem wir je gegenüberstanden, stärker als alle in Träumen und Filmen von uns erfundenen Superhelden. Manchmal schleicht sich ein Gedanke ins Herz, der das Blut gefrieren lässt: Ob wir diesmal, in diesem Krieg gegen die Pandemie, vielleicht verlieren, und zwar richtig verlieren? Eine weltweite Niederlage. Wie in den Tagen der Spanischen Grippe. Ein Gedanke, der sofort vertrieben wird, denn hallo, wieso sollten wir plötzlich verlieren? Schließlich sind wir die Menschheit des 21. Jahrhunderts! Progressiv, computerisiert, mit zahllosen zerstörerischen Waffensystemen ausgerüstet, von Antibiotika geschützt, immunisiert ... Und dennoch sagt uns etwas an ihr, an dieser Plage, dass die Spielregeln diesmal andere als die bisher gewohnten sind, man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, es gäbe zurzeit überhaupt noch keine Spielregeln. Mit Schrecken zählen wir stündlich die in aller Welt Erkrankten und Gestorbenen. Der Feind aber, der uns gegenübersteht, lässt kein Anzeichen von Ermüdung erkennen, wenn er unverdrossen weiter Beute macht. Wenn er unsere Körper benutzt, um sich zu vermehren.

          Es ist etwas an der Gesichtslosigkeit dieser Seuche, an ihrer bedrohlichen Leere, das unser plötzlich so verletzlich und hilflos wirkendes Wesen ganz und gar aufzusaugen droht. Den unzähligen Worten, die in den letzten Monaten über sie gesprochen wurden, ist es nicht gelungen, die Feindin begreiflicher und berechenbarer zu machen.

          „Eine Plage ist nicht auf den Menschen zugeschnitten, daher sagt man sich, dass sie unwirklich ist, ein böser Traum, der vorübergehen wird“, schreibt Albert Camus in „Die Pest“. „Aber er geht nicht immer vorüber, und von einem bösen Traum zum nächsten sterben Menschen. Sie dachten, alles sei für sie noch möglich, was voraussetzt, dass Plagen unmöglich sind. Sie machten weiter Geschäfte, sie bereiteten Reisen vor, und sie hatten Meinungen. Wie hätten sie an die Pest denken sollen, die Zukunft, Ortsveränderungen und Diskussionen aufhebt?“

          Wir wissen es bereits: Ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung wird sich anstecken. Ein bestimmter Prozentsatz wird sterben. In den Vereinigten Staaten spricht man von mehr als einer Million Menschen, die sterben werden. Der Tod ist jetzt konkret. Wem es gelingt, der verdrängt. Wer aber, wie der Autor dieser Zeilen beispielsweise, eine leicht erregbare Einbildungskraft hat, weswegen seine Aussagen mit Vorbehalt und Skepsis zu genießen sind, der fällt seiner blühenden Phantasie anheim und lässt sich Szenarien einfallen, deren Multiplikationsgeschwindigkeit der der Viren in nichts nachsteht. Nun strahlt fast jeder Mensch, dem ich begegne, auf Anhieb die verschiedenen Varianten seiner Zukunft im Roulette der Pandemie aus. Mein Leben ohne ihn. Sein Leben ohne mich. Könnte nicht jede Begegnung, jede Unterhaltung die letzte sein?

          Immer enger zieht sich der Kreis um uns zusammen. Zuerst hieß es: „Wir verriegeln die Himmel“ (welch ein Ausdruck!). Dann mussten die beliebten Cafés ihre Türen schließen, die Theater, die Sportplätze, die Museen. Die Kindergärten, die Schulen, die Universitäten. Eins ums andere löscht die Menschheit ihre Leuchtfeuer aus.

          Niemand bleibt ausgeschlossen

          Ganz unerwartet ist eine Katastrophe biblischen Ausmaßes in unser Leben geschlichen. „Dann sandte der Ewige dem Volk eine Seuche“ – und der ganzen Welt. Jeder Mensch weltweit nimmt an diesem Drama teil. Niemand bleibt ausgeschlossen. Niemand ist weniger intensiv betroffen als ein anderer. Doch wie es typisch ist bei massenhaftem Sterben, haben die Toten, die wir nicht kennen, kein Gesicht, bleiben anonym, nurmehr eine Zahl. Schauen wir aber in dieser Situation die uns Nahestehenden an, unsere Liebsten, dann spüren wir, in welchem Maß jeder Mensch eine ganz eigene, unendliche Kultur in sich birgt, deren Verschwinden der Welt etwas wegnähme, für das es keinen Ersatz geben kann und wird. Aus jedem schreit plötzlich seine Einmaligkeit, und so, wie die Liebe uns dazu bringt, aus den durch unser Leben strömenden Menschen einen einzigen herauszufischen, so erkennen wir jetzt, dass das Bewusstsein des Todes ein Gleiches tut.

          Gelobt sei der Humor, er ist noch immer der beste Weg, alldem standzuhalten. Wenn wir es schaffen, über das Coronavirus zu lachen, so signalisieren wir, dass es uns noch nicht völlig gelähmt hat. Dass wir ihm gegenüber noch innere Bewegungsfreiheit haben, kein ohnmächtiges Opfer sind (in Wahrheit sind wir natürlich sein ohnmächtiges Opfer, aber wir haben einen Weg erfunden, das Schreckliche dieses Wissens zu umgehen und uns sogar noch darüber lustig zu machen).

          Der israelische Schriftsteller David Grossman

          Für viele unter uns könnte die Epidemie zu einem einschneidenden, schicksalhaften Ereignis werden. Wenn sie sich endlich zurückzieht und die Menschen nach längerem Eingesperrtsein aus ihren Häusern und Wohnungen taumeln, beginnen sie eventuell, überraschende neue Einsichten zu formulieren. Vielleicht bringt die Berührung mit dem Tiefpunkt des Daseins so etwas hervor, vielleicht haben die konkrete Nähe des Todes sowie das Wunder der Errettung Frauen und Männer erschüttert und aufgewühlt. Viele werden geliebte Menschen verloren haben. Viele ihren Arbeitsplatz, ihren Lebensunterhalt, ihre Würde. Doch wird es, wenn die Seuche erst einmal überstanden ist, möglicherweise auch solche geben, die nicht in ihr früheres Leben zurückkehren möchten. Manche Leute, selbstverständlich nur die, die es sich leisten können, werden den Job, der sie jahrelang erstickt und deprimiert hat, an den Nagel hängen. Manche werden ihre Familien verlassen, manche sich von Partnerinnen und Partnern trennen.

          Manche werden sich entschließen, ein Kind zur Welt zu bringen oder gerade das lieber nicht zu tun. Manche werden anfangen, an Gott zu glauben. Manche werden vom Glauben abfallen. Das Bewusstsein von der Kürze des Lebens und von seiner Zerbrechlichkeit könnte Frauen und Männer dazu anspornen, sich neue Prioritäten zu setzen. Der Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie könnten zu der Einsicht kommen, dass die Zeit – und nicht das Geld – ihr kostbarstes Gut ist.

          Wird alles anders?

          Einige werden vielleicht zum ersten Mal im Leben die bisher getroffenen Entscheidungen in Frage stellen. Waren Verzicht und Kompromisse wirklich nötig? Gab es Lieben, die zu lieben sie nicht gewagt haben, Leben, die sie nicht gelebt haben? Männer und Frauen werden sich, wenn auch wohl nur für kurze Zeit, aber dennoch fragen, warum sie sich ihr Leben von unglücklichen Beziehungen verleiden ließen. Auch wird es Menschen geben, die ihre politischen Ansichten plötzlich für falsch halten und erkennen, dass diese lediglich auf Angst beruhten und auf Werten, die während der Seuche hinfällig geworden sind.

          Manche bezweifeln vielleicht plötzlich die Gründe, aus denen ihr Volk den Feind nun schon seit Generationen bekämpft, und bezweifeln dann womöglich ebenso den Glauben, dieser Kampf finde im Auftrag Gottes statt. Könnte es nicht sein, dass Menschen, die solch einer tiefgreifenden Erfahrung ausgesetzt waren, danach nationalistische Positionen sowie alles, was sich absondert, verschanzt und Ängste vor dem Fremden schürt, vehement zurückweisen? Möglicherweise wird es auch einige geben, die sich nun erstmals fragen, warum Israelis und Palästinenser einander seit mehr als hundert Jahren bekriegen und sich von einem Konflikt, der längst beigelegt sein könnte, das Dasein unerträglich machen lassen.

          Im Abgrund der zurzeit herrschenden Verzweiflung und Angst entwickelt bereits das Entfachen der Einbildungskraft eine eigene Energie. Die Phantasie sieht nämlich nicht nur schwarz, sie hilft uns unter Umständen, unsere seelische Freiheit zu bewahren. In lähmenden Zeiten wie diesen ist die Phantasie wie ein Anker, den wir aus der Grube in die Zukunft werfen und an den wir uns dann langsam heranhangeln. Solange wir noch die Fähigkeit besitzen, uns einen besseren Zustand vorzustellen, so lange wissen wir, dass die Seuche und die Furcht vor ihr unser Wesen noch nicht völlig vereinnahmt haben. Und dann wird die Hoffnung möglich, nach dem Abflauen der Epidemie, wenn die Luft sich wieder mit Heilung, Erholung, Gesundheit füllt, könnte ein anderer Geist in die Menschheit einziehen, ein Geist von Leichtigkeit und neuer Frische, in dem sich vielleicht erfreuliche Anzeichen einer Unschuld ohne Anflug von Zynismus andeuten.

          Ein israelischer Polizist in der Altstadt von Jerusalem.

          Vielleicht wird Sanftmütigkeit für eine gewisse Zeit sogar zu einer legalen Verhaltensweise. Vielleicht erkennen wir, dass die mörderische Epidemie uns Gelegenheit gibt, Fettschichten schweinischer Gier, stumpfen, undifferenzierten Denkens und exzessiven Überflusses von uns abzuschneiden. (Warum zum Teufel haben wir bloß so viel Zeug angehäuft? Warum haben wir unser Leben dermaßen vollgestopft, dass das Leben selbst unter Bergen von Dingen begraben liegt, die uns längst keine Freude mehr bereiten?)

          Die Davongekommenen

          Vielleicht mustern die Davongekommenen prüfend alle möglichen perversen Erzeugnisse der Überflussgesellschaft und möchten einfach nur noch kotzen. Vielleicht werden sie auf einmal von der einfachen Erkenntnis erfasst, wie ungeheuerlich es ist, dass manche so reich und andere so arm sind. Wie ungeheuerlich es ist, dass eine übermäßig reiche Gesellschaft nicht jedem Neugeborenen dieselben Chancen einräumt. Denn wir bestehen doch alle, wie wir jetzt entdecken müssen, aus demselben ansteckenden organischen Gewebe. Ganz gewiss kommt das, was jedem zugutekommt, letztlich allen zugute. Was für den Planeten, auf dem wir leben, gut ist, ist ganz gewiss für uns alle gut, bedeutet es doch Wohlbefinden, reine Atemluft und eine Zukunft für unsere Kinder.

          Was steht uns noch bevor?

          Vielleicht auch fragen die Medien, deren Präsenz in der Aufzeichnung unserer Epoche und unseres Lebens fast total ist, sich einmal in aller Aufrichtigkeit, welchen Anteil sie wohl am allgemeinen Abscheu hatten, in dem wir vor der Pandemie feststeckten. Welchen Anteil hatten sie an unserem Eindruck, von Vertretern offen zutage liegender Interessen, die uns verdummen und uns das Geld aus der Tasche ziehen wollten, schonungslos manipuliert und ausgenutzt zu werden? Am Gefühl, dass man uns die tragische Chronik unseres Lebens auf brutale, zynische Weise erzählt? Ich rede hier nicht von seriösem, mutigem, investigativem Journalismus, sondern von den Massenmedien, die von einem Medium, das die Massen informiert, schon lange zu einem Medium mutiert sind, das Menschen zur Masse macht. Und nicht selten zum Mob.

          Wird etwas von dem hier Skizzierten wirklich geschehen? Wer weiß. Und selbst wenn, dann befürchte ich, dass es schnell verpufft und die Dinge bald wieder in den Zustand vor der Seuche, vor der Sintflut zurückgleiten. Was uns bis dahin noch bevorsteht, lässt sich nur sehr schwer erraten. Fragen aber sollten wir uns weiterhin stellen, als eine Art Heilmittel, bis der Impfstoff gegen die Pandemie gefunden ist.

          Aus dem Hebräischen von Helene Seidler.

          David Grossman ist einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller der Gegenwart. Im August erscheint sein neuer Roman „Was Nina wusste“ im Hanser Verlag

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bald alleine? Jörg Meuthen

          AfD in der Krise : Dann lieber ohne Meuthen

          Der eine Parteivorsitzende ist einmal ehrlich, der andere ist von ihm menschlich enttäuscht: Die AfD-Führung kämpft lieber gegeneinander als gegen die Pandemie.
          Das Hanns-Lilje-Heim in Wolfsburg.

          Regeln in Pflegeheimen : Verbot des letzten Abschieds

          In Wolfsburg konnten sich Angehörige nicht von ihren sterbenden Familienmitgliedern verabschieden. Das Heim beharrte auf das Besuchsverbot. Einschränkungen gibt es in allen Bundesländern, doch wie weit reichen sie?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.