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Dauerausstellung in Frankfurt : Die wildeste meiner vielen Reisen: einfach eine Flucht

In diesem Koffer bewahrte Walter Meckauer seine Kurzgeschichten auf. Bild: Michael Braunschädel

Auch wenn die Exponate historisch sind, sprechen sie doch zugleich von unserer Zeit: Das Deutsche Exilarchiv besitzt eine große Sammlung zur Flucht vor dem NS-Staat. Jetzt wird sie endlich ausgestellt.

          „Wer kann Auskunft geben über meine Kinder“, fragte Stefan Deutsch am 4. Januar 1946 in einer Kleinanzeige in der Zeitung „Aufbau“: über Ard-Heinrich Schottländer, Gerda Schottländer geborene Deutsch und Denny Schottländer aus Breslau, „Apr. 1942 nach Osten deportiert“. Anfallende „Unkosten werden vergütet“, heißt es weiter.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Stefan Deutsch, der damals in St. Louis lebte, reiht sich mit seinem Inserat unter erschütternd viele ähnliche ein, die auf derselben Seite abgedruckt sind. Diejenigen, die sie schalten, leben nun in New York oder San Francisco, Rio de Janeiro oder Birmingham, Haifa oder bei Kopenhagen. Gefragt wird nach Eltern, Geschwistern und Kindern, nach Sally und Selma Fleisch aus Frankfurt-Rödelheim („Oktober 1941 nach Polen“), Albert und Lotte Sommerfeld aus Berlin („letztes Lebenszeichen durch das Rote Kreuz vom 16. Juni 1942“) oder Julius und Clara Jonas („1942 von Kloster Gruessau/Schl. nach Theresienstadt dep.“).

          Die Zeitungsseite aus dem „Aufbau“ ist Teil einer Sammlung, die das „Deutsche Exilarchiv 1933–1945“ der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt seit der frühen Nachkriegszeit aufgebaut hat. Sie umfasst Publikationen und ungedruckte Quellen zum Exil jener Jahre, dazu an die dreihundert Nachlässe mit Schriften, aber auch persönlichen Gegenständen, Erinnerungsstücken, Fotos und dergleichen mehr. Es dauerte allerdings bis zum heutigen Tag, dass diese Sammlung in einer Dauerausstellung präsentiert werden kann – 800 Quadratmeter auf zwei Etagen räumte die Bibliothek im Frankfurter Nordend dafür frei, an idesem Donnerstagabend wird sie im Beisein von Monika Grütters eröffnet, danach kann sie jeder Bibliotheksbenutzer ohne weiteres besuchen, der von der nahen Garderobe im Erdgeschoss nicht sofort in den Lesesaal geht.

          Die Ausstellung hat drei Teile. Der erste ist der Zeit vor dem Exil gewidmet, also den Bedingungen, die seit 1933 mehr als eine halbe Million Menschen dazu brachten, das von den Nationalsozialisten beherrschte Gebiet zu verlassen, und ihren Vorbereitungen auf die Flucht. Drei Gänge, die zwischen den Vitrinen aufgebaut sind, lassen den Besucher im Zickzack laufen, als Erinnerung an die nicht nur räumlichen Umschwünge im Verlauf einer solchen Flucht. Ausgestellt ist zum Beispiel ein Dokument, in dem das Amerikanische Generalkonsulat der deutschen Familie Glaser mitteilt, welche Wartenummern den Ausreisewilligen zugeteilt worden sind: Moritz Glaser die Nummer 44148, seiner Frau Erna und dem Sohn Ernst die nächsthöheren. Mit dem sicheren Instinkt dafür, wie sich die Situation verschlimmerte, zumal nach den Novemberpogromen von 1938, entschieden sich die Glasers, nicht so lange warten zu wollen, und emigrierten nach Schanghai. Ein Foto zeigt die Familie bei einer Feier an Bord – gerade wurde der Äquator überquert, offenbar ein Grund dafür, das Schiff zu schmücken, während man in den Gesichtern der Familie, die ins Exil ging, keine Freude liest.

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