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Das ZDF und das Internet : Mit dem Zweiten sieht man Propaganda

ZDF-Kronzeuge: Mark Thompson Bild: REUTERS

Wo steht es? Natürlich im Web. „BBC-Chef für starkes ZDF im Internet“, meldet das Zweite. Und wo läuft es? In den Fernsehnachrichten. Zum Hintergrund eines eigenartigen Beitrags des ZDF in einer schwelenden Debatte.

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          Wo steht es? Natürlich im Web. „BBC-Chef für starkes ZDF im Internet“, meldet das Zweite. Und wo läuft es? In den Fernsehnachrichten, gleich zweimal hintereinander, damit die Botschaft, als Nachricht getarnt, die Zuschauer auch auf jeden Fall erreicht, in den „heute“- Nachrichten am Dienstagabend, und dann noch einmal, in der Halbzeitpause des für drei Millionen Euro angekauften Abschiedsspiels von Oliver Kahn, im „heute journal“. Es war Propaganda in Reinkultur.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Jetzt, da Sie uns gerade sehen, sagte der Moderator Claus Kleber aufgeräumt wie stets, sei es gerade dreißig Sekunden nach neun Uhr. „Sie sehen uns im Fernsehen live.“ Doch das müsse nicht unbedingt sein, schließlich sähen immer mehr Zuschauer Fernsehen im Internet, „dann, wann sie wollen“. Und wenn demnächst wieder etwas Wichtiges passiere, in Pakistan, Iran oder Amerika, dann seien vergangene Beiträge des ZDF vielleicht wieder hochaktuell und sogleich verfügbar „nur einen Klick entfernt, in klasse Qualität“. Doch tobe zur Zeit ein Streit „zwischen uns, der ARD und den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern und in der Politik darüber, ob wir das dürfen“. Und dazu habe sich nun auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin „eine Stimme von Gewicht gemeldet, aus dem Mutterland des öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehens“.

          Nicht gemeldet, sondern eingeladen

          Und das war niemand anderes als der BBC-Chef Mark Thompson, der nun im Sinne des ZDF plädieren sollte. Freilich hatte sich der – was Claus Kleber den Zuschauern nicht verriet –, nicht einfach gemeldet, er war vielmehr auf Einladung des ZDF-Intendanten Markus Schächter da. Früh am Morgen hatte ihn der Sender uns und ein paar Kollegen in Berlin zum Hintergrundgespräch mit Frühstück serviert. Hernach fuhr er zur Medienwoche, dem Debattenforum der Funkausstellung, um dort eine Rede zu halten, die ganz im Sinne der öffentlich-rechtlichen Kollegen in Deutschland war. Dem Moderator des ZDF-Magazins „Frontal“, Theo Koll, stand er für ein Zwölf-Minuten-Interview zur Verfügung, das in Ausschnitten den von Kleber angekündigten „heute journal“-Beitrag von Susanne Gelhard schmückte.

          Und die wiederholte gleich zu Beginn Klebers Falschinformationen. Denn im Rundfunkstaatsvertrag, über den die Bundesländer im Augenblick verhandeln und der von den Ministerpräsidenten im Oktober beschlossen werden soll, steht mitnichten, dass die Beiträge von ARD und ZDF im Internet – wie Gelhard ausdrücklich sagte – nach sieben Tagen „gelöscht“ werden müssen. Die aktuellen Beiträge sollen aus dem Internet nach sieben Tagen zwar herausgenommen werden, doch werden sie nicht gelöscht. Thematisch gebündelt und unter besonderen Vorzeichen und Schwerpunkten können sie dort jederzeit wieder auftauchen. All das weiß man bei ARD und ZDF. Doch wissen es die Zuschauer? Wenn sie sich auf die ZDF-Nachrichten verlassen, wissen sie es nicht. Sie werden vielmehr gezielt in die Irre geführt. Die Absicht ist klar. Es geht darum, Stimmung zu machen. Und das geht nur, wenn man den Leuten einredet, es solle ihnen ein für allemal etwas genommen werden, wofür sie mit Rundfunkgebühren bezahlt haben; weil, wie Susanne Gelhard sagte, „viele Verleger in Deutschland Konkurrenz fürchten“.

          Umfangreiche Textportale

          Was sie nicht sagte, ist, dass dieser Streit nicht darauf beruht, dass Verleger Konkurrenz fürchten, sondern es nicht hinnehmen wollen, dass ARD und ZDF mit öffentlichem Geld den Wettbewerb verzerren und – in vermeintlicher „Staatsferne“, in Wahrheit aber staatlich fest eingebettet – der freien, unabhängigen Presse das Metier streitig machen, indem sie umfangreiche Textportale errichten. Dabei geht es gar nicht um die Sendungen, die im Fernsehen und im Radio laufen, es geht um das Surplus, um das Zeitungmachen im Internet, zu dem sich die öffentlich-rechtlichen Sender berufen fühlen.

          Insofern war es auch ausgesprochen unfair und aus dem Zusammenhang gerissen, dass der einstige London-Korrespondent Koll den BBC-Chef Thompson fragte, ob es denn richtig sei, dass ARD und ZDF im Internet nur „sendungsbezogene“ Inhalte anbieten dürften. Diese formale Beschränkung soll allein dafür sorgen, dass ARD und ZDF eben nicht über das, was in ihren Sendungen läuft, hinaus zu jedem erdenklichen Thema etwas anbieten. Thompson aber fühlte sich herausgefordert, darauf hinzuweisen, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk in großem Maßstab berichten müsse, um seinen Auftrag zu erfüllen, um zu bilden und im Sinne der Demokratie und Freiheit zu wirken.

          Falsches Pathos

          Genau solche Töne wollen deutsche Intendanten hören, denn sie lenken mit falschem Pathos von den Streitpunkten der hiesigen Debatte ab. Sie diskreditieren die Aufgabe, das Selbstverständnis und die Funktion der freien Presse, sie verkehren die Fronten und weisen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in maßloser Selbstüberschätzung als alleinigen Hort des Qualitätsjournalismus aus. Dass er das aber gerade nicht ist, sondern politischen und eigenen Interessen bis in die Nachrichtengebung hinein unterworfen bleibt, das haben die ZDF-Nachrichten an diesem Abend wahrlich eindrucksvoll bewiesen.

          Das ZDF schließt damit nahtlos an den Beitrag an, mit dem die ARD vor einigen Wochen die Debatte polemisch verzerrte – mit dem Film „Quoten, Klicks & Kohle“ des SWR-„Chefreporters“ Thomas Leif, der als Paradebeispiel unsauberen, voreingenommenen Journalismus gelten darf, stellte er Verleger und Zeitungsjournalisten doch allein als Hort des Mammons aus, als Lichtgestalten erschienen derweil die Präzeptoren des eigenen Lagers.

          Ob der BBC-Chef Mark Thompson weiß, wie ihm geschieht? Mit den hehren Zielen, für die seine Sendeanstalt steht, dürfte sich die Nachrichtengebung des ZDF jedenfalls kaum vereinbaren lassen.

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