https://www.faz.net/-gqz-9rqio

Debatte um Sterbehilfe : Niemand stirbt für sich allein

  • -Aktualisiert am

Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes bei einer Verhandlung über Sterbehilfe: Sibylle Kessal-Wulf, Vorsitzender Andreas Voßkuhle, Peter Huber, Johannes Masing und Ulrich Maidowski (v.l.n.r.) Bild: dpa

Das Verfassungsgericht prüft Beschwerden zur Sterbehilfe. Bisher hat die Rechtsprechung die generelle Hilfsbedürftigkeit des Individuums unterschätzt, mahnen zwei Psychiater in ihrem Gastbeitrag.

          4 Min.

          Seit mit technischen Instrumenten in den Sterbeprozess eingegriffen wird, scheint die Angst vor dem Sterben zugenommen zu haben. Ob und wie gestorben wird, hängt heute nicht mehr nur von der Natur, sondern auch von anderen Menschen und einer als unmenschlich erlebten Medizintechnik ab. Die Befürchtung, am Lebensende von Maschinen abhängig zu sein, die das Leben künstlich und grausam verlängern, weckt den Wunsch, das Sterben genau festzulegen und den Ablauf selbst in der Hand zu halten. Die damit einhergehende Forderung nach der Option des assistierten Suizids hat zu Verfassungsbeschwerden geführt.

          Die Legalisierung des assistierten Suizids beträfe nicht nur unheilbar kranke Menschen, denen ein langes Leiden erspart werden soll. Kürzlich wurde ein Arzt gerichtlich bestätigt, der eine Patientin mittleren Alters beim Suizid begleitet hatte, die an einem Reizdarmsyndrom, also an einer psychosomatischen Erkrankung, litt. Dieser Tod wäre bei angemessener therapeutischer Hilfe möglicherweise vermeidbar gewesen.

          Der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes prüft derzeit Beschwerden gegen das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung, das in Paragraph 217 des Strafgesetzbuches geregelt ist. Die Beschwerdeführer gehen vom Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen aus: Wenn Betroffene ihren Wunsch zu sterben nicht selbst verwirklichen können oder wollen, sollte ärztliche Hilfe nach ihren Vorstellungen den Suizid ermöglichen. Derzeit untersagt auch die ärztliche Musterberufsordnung der Bundesärztekammer den ärztlich assistierten Suizid. Es heißt dort in Paragraph 17: „Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patientinnen und Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“

          Selbstbestimmung als höchster Wert

          In den letzten Jahrzehnten hat sich im Zuge gesellschaftlicher Individualisierung die Einstellung zu Sterben und Tod in der Weise gewandelt, dass die Selbstbestimmung des Menschen ganz in den Vordergrund gerückt wird. Der Eindruck des universal Machbaren hat dabei die Wahrnehmung der Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten und die zentrale Bedeutung der Sterblichkeit verdrängt. Die Verwurzelung und Abhängigkeit des Menschen von zwischenmenschlichen Beziehungen, denen er seine Existenz verdankt, ja seine Schwäche und Hilfsbedürftigkeit gerade am Ende seines Lebens sind in den Hintergrund getreten. Diese Entwicklung wird als Ausdruck gesellschaftlichen Fortschritts erlebt.

          Von wesentlicher Bedeutung für das kommende Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist das Menschenbild, das der Entscheidung zugrunde gelegt wird. Die Bestimmung des Individuums über sich selbst gilt als höchster Wert der westlichen Zivilisation und wird auch die Entscheidung der Richter des Bundesverfassungsgerichts beeinflussen. Tatsächlich hat sich das Individuum in der westlichen Welt von vielen gesellschaftlichen Zwängen und Normen emanzipieren können. Die Auflösung von Bindungen, die als einengend empfunden werden, wird als Befreiung gewertet. Angewiesenheit auf andere wird dagegen reflexhaft mit hilfloser Abhängigkeit assoziiert.

          Das Argument selbstbestimmter Entscheidungsfreiheit verschleiert jedoch die existentielle Abhängigkeit des Einzelnen von psychischen Bedürfnissen, von den Gesetzen der Natur und von denen des Marktes. Der Mensch ist von Anfang an ein soziales Wesen und bleibt es lebenslang. Er ist eingebettet in Beziehungen, ohne die er nicht existenzfähig ist. Jeder Suizid betrifft die Mitmenschen deshalb in ganz besonderer Weise und löst bei den Hinterbliebenen oft Schuldgefühle aus.

          Das Bedürfnis nach Bindung bleibt

          Mit fortschreitender Individualisierung hat zwischenmenschliche Solidarität auf der Basis der für den Menschen charakteristischen Fähigkeit, sich in den anderen einfühlen zu können und dabei doch getrennt und verschieden vom anderen zu sein, als ethischer Wert an Bedeutung verloren. Dabei wird die Abhängigkeit des Einzelnen von seinen Mitmenschen entgegen dem ersten Anschein immer größer. Technische, soziale und ökonomische Abläufe, die unser Leben bestimmen, sind für den Einzelnen immer weniger durchschaubar. Welche Informationen uns für unsere Entscheidungen zur Verfügung gestellt werden, bestimmen oft Algorithmen. Wir müssen den Menschen blind vertrauen, die hinter den Funktionsabläufen stehen.

          Der parallel gewachsene Wunsch nach dauernder Verbundenheit in digitalen Netzwerken kann als Ausdruck eines bleibenden menschlichen Bindungsbedürfnisses verstanden werden. Bei Krankheit und in Notlagen wird dieses Bedürfnis besonders evident. Kranke, die sich schwach fühlen, suchen tröstenden Schutz. In der Begegnung mit Suizidenten kann man erleben, in welch großer seelischer Not und Verzweiflung sie sich befinden. Diese Zustände können oftmals gerade nicht als frei bezeichnet werden. Suizidalität ist der Ausdruck einer psychischen Krise, in der ein Mensch seine Situation als ausweglos erlebt. Je bedrängender dieser Zustand ist, desto eingeengter ist sein Denken. Die Gefühle suizidaler Menschen sind bestimmt von Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, Sinnlosigkeit, Scham, Schuld, Ärger und Wut. Entscheidend für den letzten Schritt in den Suizid ist meist eine tiefe Verletzung des Selbstwertgefühls.

          Jede Suizidentscheidung ist immer auch eine Entscheidung gegen diese Art zu leben. Eine therapeutische Aufgabe besteht deshalb nicht darin, den Suizidalen unter allen Umständen daran zu hindern, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, aber ihm zu helfen, „die Fundamentalkondition der Einsamkeit“, wie Jean Améry es nannte, zu ertragen oder „die Fähigkeit, allein zu sein“, zu erwerben. Die Assistenten eines Suizidenten bewerten, wenn sie tätig werden, dessen Leben als nicht mehr lebenswert, anderenfalls würden sie ihm beim Versuch helfen, es erträglich zu gestalten. Damit verlassen sie die Position des „anderen“, stimmen dem Suizidalen nicht nur im Fühlen und Denken, sondern im Handeln zu und entziehen ihm die Erfahrung des zugewandten und doch nicht identischen Gegenübers.

          Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, sehnen sich nach Ruhe und Frieden, um von den durch Abschied oder Kränkung ausgelösten Gefühlen der Hilflosigkeit und Verzweiflung befreit zu sein. Oft möchten sie auch anderen nicht mehr zur Last fallen und fühlen sich indirekt von Angehörigen zu dem letzten Schritt veranlasst. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle werden vollendete Suizide von psychisch erkrankten Menschen begangen. Wird ihnen mit dem Verweis auf die scheinbar freie Entscheidung eines autonomen Individuums mögliche Hilfe vorenthalten, ist das ein Zeichen falschverstandener Selbstbestimmung und fehlender mitmenschlicher Solidarität. Die generelle Freigabe der geschäftsmäßigen Beihilfe zur Selbsttötung würde nicht nur Suizide von Menschen fördern, die kurz vor dem unabwendbaren Ende den Tod in die eigene Hand nehmen wollen, sondern auch von solchen, die nicht sterbenskrank sind, sich aber als ökonomische Belastung für ihre Angehörigen und die Gesellschaft erleben. Es ist zu hoffen, dass diese Aspekte vom Bundesverfassungsgericht gesehen und gewürdigt werden.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.