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Debatte um Sterbehilfe : Niemand stirbt für sich allein

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Das Bedürfnis nach Bindung bleibt

Mit fortschreitender Individualisierung hat zwischenmenschliche Solidarität auf der Basis der für den Menschen charakteristischen Fähigkeit, sich in den anderen einfühlen zu können und dabei doch getrennt und verschieden vom anderen zu sein, als ethischer Wert an Bedeutung verloren. Dabei wird die Abhängigkeit des Einzelnen von seinen Mitmenschen entgegen dem ersten Anschein immer größer. Technische, soziale und ökonomische Abläufe, die unser Leben bestimmen, sind für den Einzelnen immer weniger durchschaubar. Welche Informationen uns für unsere Entscheidungen zur Verfügung gestellt werden, bestimmen oft Algorithmen. Wir müssen den Menschen blind vertrauen, die hinter den Funktionsabläufen stehen.

Der parallel gewachsene Wunsch nach dauernder Verbundenheit in digitalen Netzwerken kann als Ausdruck eines bleibenden menschlichen Bindungsbedürfnisses verstanden werden. Bei Krankheit und in Notlagen wird dieses Bedürfnis besonders evident. Kranke, die sich schwach fühlen, suchen tröstenden Schutz. In der Begegnung mit Suizidenten kann man erleben, in welch großer seelischer Not und Verzweiflung sie sich befinden. Diese Zustände können oftmals gerade nicht als frei bezeichnet werden. Suizidalität ist der Ausdruck einer psychischen Krise, in der ein Mensch seine Situation als ausweglos erlebt. Je bedrängender dieser Zustand ist, desto eingeengter ist sein Denken. Die Gefühle suizidaler Menschen sind bestimmt von Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit, Ausweglosigkeit, Sinnlosigkeit, Scham, Schuld, Ärger und Wut. Entscheidend für den letzten Schritt in den Suizid ist meist eine tiefe Verletzung des Selbstwertgefühls.

Jede Suizidentscheidung ist immer auch eine Entscheidung gegen diese Art zu leben. Eine therapeutische Aufgabe besteht deshalb nicht darin, den Suizidalen unter allen Umständen daran zu hindern, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, aber ihm zu helfen, „die Fundamentalkondition der Einsamkeit“, wie Jean Améry es nannte, zu ertragen oder „die Fähigkeit, allein zu sein“, zu erwerben. Die Assistenten eines Suizidenten bewerten, wenn sie tätig werden, dessen Leben als nicht mehr lebenswert, anderenfalls würden sie ihm beim Versuch helfen, es erträglich zu gestalten. Damit verlassen sie die Position des „anderen“, stimmen dem Suizidalen nicht nur im Fühlen und Denken, sondern im Handeln zu und entziehen ihm die Erfahrung des zugewandten und doch nicht identischen Gegenübers.

Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, sehnen sich nach Ruhe und Frieden, um von den durch Abschied oder Kränkung ausgelösten Gefühlen der Hilflosigkeit und Verzweiflung befreit zu sein. Oft möchten sie auch anderen nicht mehr zur Last fallen und fühlen sich indirekt von Angehörigen zu dem letzten Schritt veranlasst. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle werden vollendete Suizide von psychisch erkrankten Menschen begangen. Wird ihnen mit dem Verweis auf die scheinbar freie Entscheidung eines autonomen Individuums mögliche Hilfe vorenthalten, ist das ein Zeichen falschverstandener Selbstbestimmung und fehlender mitmenschlicher Solidarität. Die generelle Freigabe der geschäftsmäßigen Beihilfe zur Selbsttötung würde nicht nur Suizide von Menschen fördern, die kurz vor dem unabwendbaren Ende den Tod in die eigene Hand nehmen wollen, sondern auch von solchen, die nicht sterbenskrank sind, sich aber als ökonomische Belastung für ihre Angehörigen und die Gesellschaft erleben. Es ist zu hoffen, dass diese Aspekte vom Bundesverfassungsgericht gesehen und gewürdigt werden.

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