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Video-Blog „Frag Väterchen“ : Warum Jesus gekreuzigt wurde

  • -Aktualisiert am

Väterchen kann Youtube: Szene aus dem Beitrag „Кто знает больше гадостей о Церкви?“ Bild: Batushka ответит / Youtube

Ein Staat, der vorgebe, die Gefühle Gläubiger schützen zu müssen, wolle in Wirklichkeit nur die Gesellschaft stabilisieren: In Weißrussland macht der Priester und Videoblogger Alexander Kuchta von sich reden.

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          Es gibt sie doch, Ansätze zu einer russisch-orthodoxen Befreiungstheologie. Man muss freilich ein wenig suchen im weiten russischsprachigen Raum, wo die Patriarchatskirche zur rechten Hand einer autoritären Staatsmacht geworden ist und wo Gläubige durch aggressive Übergriffe gegen vermeintliche Abweichler von sich reden machen. Doch dann findet man an seinem westlichen Rand im reaktionär regierten Weißrussland in der Industriesiedlung Michanowitschi nahe der Hauptstadt Minsk den Priester und populären Videoblogger Alexander Kuchta, der in Youtube-Beiträgen unter dem Titel „Väterchen antwortet“ (Batjuschka otvetit) die christliche Botschaft in der witzigen Sprache der Internetgeneration aufbereitet und im Alter von 25 Jahren schon den Posten des stellvertretenden Leiters der Synodalabteilung für Missionierung in Weißrussland innehat.

          Vater Alexander, der Informatiker werden wollte, bevor er sich zum Priester weihen ließ, entdeckt christliche Motive in den Harry-Potter-Romanen, die Ultraorthodoxe als satanisch anprangern, erzählt von der positiven Rolle, die zumal die katholische Kirche in politischen Krisen spielen konnte. Einem russischen Journalisten, der kürzlich seine, wie er meinte, allzu simple, unspirituelle Ausdrucksweise tadelte, hielt das „Väterchen“ entgegen, Jesus selbst habe sich stets einfach ausgedrückt und die orthodoxe Kirchensprache sei de facto ein Slang für wenige Eingeweihte.

          Alexander Kuchta predigt im Netz auch auf Weißrussisch – mit russischen Untertiteln –, strebt aber weniger eine nationale Emanzipation innerhalb der orthodoxen Kirche an, wie sie derzeit im Nachbarland Ukraine stattfindet. Der Gottesmann findet es unannehmbar, das eigene Christentum mit der Vorstellung einer starken Staatsmacht gleichzusetzen, wie es viele Russen täten, und ist froh, dass weißrussische Geistliche insgesamt gebildeter und toleranter seien als ihre russischen Kollegen. Dennoch steht der Weißrusse loyal zum Moskauer Patriarchen Kirill. Die russische Orthodoxie sei „krass“, gibt der Seelenfischer zu, doch alles andere sei schlechter. Gleichwohl lobte er bei einem Besuch im südrussischen Krasnodar in diesem Monat die „gesunde Konkurrenz“ der katholischen Kirche.

          Vielen Landsleuten imponierten der Arbeitseifer und der bescheidene Lebensstil von Papst Franziskus, sagte er und bedauerte, dass man über Patriarch Kirill dergleichen selten höre. Der junge Geistliche, der sich unter konservativeren Kollegen Respekt erwarb, weil er das Christentum für die Jugend interessant macht, begegnet seinen orthodoxen Glaubensbrüdern wie ein aufgeklärter Europäer. Seinen jüngsten Clip widmete er den religiösen Gefühlen, deren gesetzlichen Schutz die russische Duma wieder einmal verstärken will.

          Das Beleidigtwerden gehöre zum Leben, philosophiert der Priester, der, wie er anmerkt, religiöse Karikaturen kenne, die den Glauben herabsetzen wollten. Zugleich schärft er mit seiner ganzen Priesterautorität Russlands Christen ein, es sei nicht gut, mit vorauseilender Bereitschaft zum Beleidigtsein nach Dingen zu fahnden, an denen man Anstoß nehmen könnte. Vor allem aber wolle ein Staat, der vorgebe, die Gefühle Gläubiger schützen zu müssen, in Wirklichkeit nur die Gesellschaft stabilisieren. Jesus Christus, so Alexander Kuchta, sei ja genau genommen gekreuzigt worden, weil er mit seiner Botschaft die religiösen Gefühle der Zeitgenossen verletzt habe.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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