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Thema Stalking beim 35C3 : Jeder Schritt, jede Bewegung, jeder Atemzug

Moment der Angst: Wenn ein Stalker vor der Tür steht Bild: Picture-Alliance

Stalking ist ein großes Angstthema der Gegenwart. Wen betrifft es, wie kann man Betroffenen helfen – und wie den Ausführenden? Zwei Mediziner geben auf dem Chaos Communication Congress in Leipzig Auskunft.

          Beim Stalking gibt es, so die landläufige Auffassung, Täter und Opfer. Psychologen hingegen sehen das etwas anders, sie sprechen von Ausführenden und Betroffenen. Das kann durchaus sinnvoll sein, denn dann ist es möglich, die Sache von beiden Seiten verhindern zu helfen, denn beide Seiten leiden. Zwei Experten von der Berliner Charité stellten das Phänomen des Stalking auf dem Chaos Communication Congress in seinen Grundzügen vor, nämlich Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychotherapie und Autor des Buches „Digitale Paranoia – online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren“, und Korina Winter, Neurowissenschaftlerin im Bereich Forensik.

          Den Begriff des Stalkings gibt es schon seit den achtziger Jahren, zunächst bezeichnete er die krankhafte Fixierung eines Fans auf sein Idol. Stalking ist aber kein Phänomen der Neuzeit, Beispiele finden sich schon im antiken Griechenland. Es bezeichnet ein unerwünschtes Nachstellen, Belästigung bis hin zu Gewalt und Mord. Beim Cyberstalking wird das ganze durch computerbasierte Kommunikationstechniken durchgeführt, oft ist Cyberstalking heute auch ein Bestandteil des Stalkings.

          Eine Studie ergab, dass 64,6 Prozent der befragen Frauen schon einmal von Stalking betroffen waren, ganz überwiegend durch männliche Täter. Bei den Männern waren 35,4 Prozent betroffen, diesmal stellten Frauen den größten Täteranteil. Allerdings ist bei den männlichen Opfern der Anteil gleichgeschlechtlicher Stalker deutlich höher.

          Gut geht es dem Täter nicht

          Die Motive sind sehr unterschiedlich. Das kann Rache sein, zum Beispiel am Ex-Partner, und beide können sich schlimmstenfalls in einem Teufelskreis aus Ghosting und Stalking verrennen und sich gegenseitig verstärken. Ziel des Stalkings kann sein, wieder zusammenkommen zu wollen. Andere Motive sind Einsamkeit, oft verbunden mit „sozialer Inkompetenz“, wie es in der Fachsprache heißt, also unbeholfenen, aber hartnäckigen Annäherungsversuchen. Auch gibt es Ausführende, die sexualgetriebene Machtgesten demonstrieren und aus einem Verlangen nach Demütigung stalken, um so zu versuchen, ein Gefühl der Kontrolle wiederherzustellen, das ihnen anderswo abhanden gekommen ist.

          Die Folgen sind in jedem Fall drastisch. Sie reichen bei den Betroffenen von einem Gefühl des Kontrollverlustes über Panikattacken, Depressionen, Magenschmerzen bis hin zum völligen Zurückziehen und dem Verlust von sozialen Kontakten oder dem Arbeitsplatz. All das begünstigt das Entstehen von psychischen Erkrankungen. Bei den Ausführenden führt dieser „Prozess der krankhaften Fixierung“ auf eine Person aber auch zu ähnlichen Symptomen. Denn Stalking bedeutet nicht, dass es dem Täter gut geht, im Gegenteil.

          Bloß keine Selbstüberschätzung

          Der Umgang mit Stalking, so die beiden Mediziner, ist daher eine Gemeinschaftsaufgabe, und sie geben noch einige wertvolle Handreichungen mit, was in so einem Fall zu tun ist. Wenn jemand von Nachstellungen betroffen ist oder selbst stalkt, dann muss das Umfeld reagieren. Ausgrenzen und Verstoßen des Ausführenden ist dabei die falsche Strategie. Die aus der Gemeinschaft verstoßenen würden irgendwann toxisch, so Kalbitzer, und reagieren nicht mehr auf die Zuwendungen oder Zurechtweisungen durch die Gemeinschaft. Ausgrenzung kann daher nur ein allerletztes Mittel sein.

          Wenn man also merkt, dass sich ein Bekannter, Kollege oder Freund sich ungut auf jemanden fixiert, dann kann man das am Anfang oft noch abfangen. Auch die betroffene Person sollte unbedingt unterstützt werden, denn soziale Kontakte sind eine wichtige Säule für die psychische Gesundheit. Man kann zum Beispiel anbieten, diese Person zum Einkaufen zu begleiten, wenn sie sich alleine nicht vor die Tür traut, oder mit ihr zusammen etwas zu unternehmen.

          Ungesund hingegen ist der Versuch einer Vermittlerrolle, und Vorwürfe bringen schon gleich gar nichts. Stattdessen sollte man dem potentiellen Stalker sagen, dass man sich um die betroffene Person Sorgen macht. Und vor allem sollte man sich nicht überschätzen und die eigenen Grenzen kennen. Zentral ist die Überwindung der Isolation, und zwar bei Ausführendem wie Betroffenen. Gute Beratung für Stalkingopfer und auch Programme für Stalkingausführende gibt es, so fügen Kalbitzer und Winter hinzu, zum Beispiel beim Weißen Ring, der Opfer von Kriminalität unterstützt.

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