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Wissenschaft im Anthropozän : Gewaltig wehrt sich der Boden

Es gilt, zu landen und sich zu erden: Bruno Latour im Berliner Haus der Kulturen der Welt Bild: Joachim Dette/HKW

Erfordert der Klimawandel eine neue Beschreibung des Politischen? Bruno Latour bestimmt die Gegenwart als Ort einer neuen geo-sozialen Frage und spricht in Berlin über sein terrestrisches Manifest.

          Im Zeitalter des Anthropozäns ist das Ende gekommen. Das „Ideal einer gemeinsam geteilten Welt gibt es nicht mehr“, die politische Philosophie hat ihre Sprache verloren, die Globalisierung erfährt eine negative Umkehrung, die Erde schlägt zurück. Das Anthropozän steht für eine (eher politisch als wissenschaftlich motivierte) Epochenbezeichnung, die davon ausgeht, dass Menschen seit einiger Zeit die ökologischen Prozesse der Erde erheblich beeinflussen – und dabei selbst zum Objekt werden, weil die Erde auf ihr Verhalten reagiert. Wie man sich mit Blick auf den Klimawandel denken kann, ist dieses Verhältnis zwischen Mensch und Erde aus Sicht seiner Kritiker in den vergangenen Jahren nicht gerade besser geworden. Stehen wir also kurz vorm Weltuntergang?

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Wem es gelingt, in einer apokalyptisch überfrachteten Geisteswelt mit der Ausrufung eines Endes welcher Entität auch immer Aufmerksamkeit zu erzeugen, muss etwas Faszinierendes zu sagen haben. Bruno Latour verkörpert diese Faszination. Mehrere hundert Menschen waren am Freitagabend ins Auditorium des Berliner Hauses der Kulturen der Welt gekommen, um den siebzig Jahre alten Pariser Soziologen und Wissenschaftsphilosophen zu erleben. Gerade erst ist sein neuestes Buch auf Deutsch erschienen („Das terrestrische Manifest“, Suhrkamp Verlag), in dem er schreibt, dass wir uns erden müssen. Auf dem Höhepunkt der Globalisierung fordert er darin die Konzentration auf das Lokale, spricht vom „Boden“, als sei er unsere letzte Rettung, weist die Modernisierung zurück, möchte neue Wege abseits alter politischer Markierungen kartographieren und präsentiert das „Terrestrische“ als neuen Politik-Akteur, mit dem das Zeitalter der geo-sozialen Frage eingeläutet wird.

          Er gedenke seines Freundes David S. Buckel, sagt Latour in Berlin, der sich aus Verzweiflung an der Weltlage vor kurzem das Leben genommen habe. Buckel ist in den Vereinigten Staaten kein Unbekannter. Als Anwalt in New York setzte er sich für die Rechte sexueller Minderheiten ein und engagierte sich als Umweltaktivist. Amerikanische Medien berichteten, dass Angehörige seinen Suizid auf die desaströse Umweltpolitik unter der Trump-Administration zurückführten.

          Als wären sie nicht von dieser Welt

          Es gebe eine Transformation des Erdsystems, sagt Latour dann, eine grundlegende Erschütterung, wie er in seinem Buch schreibt, die sich nicht mehr in kleinen klimatischen Schwankungen erschöpfe. In seinem „terrestrischen Manifest“ hängt alles mit allem zusammen: Die explodierende Ungleichheit, die „Woge des Populismus“ und die „Migrationskrise“ könne nur verstehen, wer begreift, dass es sich dabei „um drei letztlich nachvollziehbare, wenn auch wenig wirksame Antworten auf die gewaltige Reaktion eines Bodens auf das handelt, was die Globalisierung ihm angetan hat“. Amerikas Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen im Juni 2017 markiert für Latour den Tiefpunkt einer Entwicklung, die „in die Katastrophe rennt“. Der „gemeinsame Horizont“ sei von nun an verschwunden; die Amerikaner verhielten sich, als gehörten sie nicht zu derselben Erde wie der Rest der Menschheit.

          Für das Ausmaß der Umweltverwüstung macht Latour die „Minus-Globalisierung“ verantwortlich, die in der Welt eine einzige Sichtweise durchsetzen wolle, anstatt die Gesichtspunkte in einer „Plus-Globalisierung“ zu vermehren. Die Modernisierungsverlierer blieben auf diese Weise auf der Strecke und suchten Schutz in einer negativen Übersetzung des Lokalen, das Identität „innerhalb nationaler und ethischer Grenzen verspricht“. Latour plädiert demgegenüber für eine Rückbesinnung auf ein Lokales, das die Welt nicht ausschließt, aber die Verbundenheit mit dem Boden ermöglicht. Nichts benötigen wir aus seiner Sicht dringender, als das Geschehen auf der Erde aus nächster Nähe zu betrachten.

          Die Sicht vom Universum aus auf die Erde, so Latour, sei zum Common Sense geworden. Doch dieser Blick auf den Blauen Planeten habe die Menschen gerade nicht geeint und zu einem achtsamen Umgang mit der Erde geführt, sondern das genaue Gegenteil hervorgerufen. Die an den Paradigmen der Physik orientierte Perspektive relativiere die Bedeutung der Erde und damit auch den Klimawandel. Das Terrestrische stehe dagegen für eine jenseits von Idealisierungen von nahem wahrgenommene Erde. Diesen geo-sozialen „Attraktor“ hält Latour für ausreichend substanzvoll, um das hinfällige Rechts-Links-Schema zu überwinden und durch die Gegenüberstellung von „terrestrisch“ versus „modern“ zu ersetzen.

          Die Leugnung des Klimawandels ist populär geworden

          Wenn Latour dann auch noch vorschlägt, von „Erdverbundenen“ anstatt von Menschen zu sprechen, klingt das ohne Zweifel alles ein bisschen verstiegen. Und wäre es nicht doch vielleicht plausibler gewesen, die Tendenz zur Minus-Globalisierung an der übermobilen Welt festzumachen und nicht am Blick auf den Globus? Doch Latour verstand es, seine Zuhörer in den Bann zu ziehen. Wie ernst die Lage ist, veranschaulichte auch Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, der mit Latour ein Gespräch führte. Die Leugnung des Klimawandels, bilanzierte Schellnhuber, sei zu einer populären Haltung geworden, während die Politiker in Europa die Zuversicht verloren hätten, dass sie das Problem lösen können.

          Vielleicht liegt es an dieser latenten Unruhe, die die Angst vor einem von Latour in Aussicht gestellten „Feuersturm“ hervorbringt, dass Latours Bilder und Diagnosen verfangen. Er prägt Begriffe, die klingen, als stammten sie aus anderen Sphären, und doch transportieren sie den Blick auf eine Krise, aus der es vielleicht keinen rettenden Ausweg mehr gibt. Zu schwer zu bewegen ist die Gesellschaft, zu viel Wissen hat sie, um durch solche Erkenntnisse noch alarmiert zu werden. Aber Latours eindringliche Worte hinterlassen das Gefühl, an einem Umschlagpunkt angekommen zu sein. Unser Koordinatensystem wird unscharf. Keiner weiß, was danach kommt.

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